Interview

»Die Verantwortung der Hamas wird völlig ausgeklammert«

Weigert sich, seinen Ausschluss zu akzeptieren: Keno Goertz vom Berliner Landesverband der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) Foto: privat

Interview

»Die Verantwortung der Hamas wird völlig ausgeklammert«

In der Deutschen Friedensgesellschaft ist ein Konflikt über den Gazakrieg entbrannt. Keno Goertz, der dem Verband Israelfeindlichkeit vorwirft, droht sogar der Rauswurf. Im Interview erzählt er, wie der Streit eskalieren konnte

von Joshua Schultheis  19.09.2025 09:19 Uhr

Herr Goertz, Sie waren im Vorstand des Berliner Landesverbandes der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). Doch der Bundesverband hat Sie und den gesamten Berliner Vorstand hinausgeworfen. Wie kam es so weit?
Nach meiner Ansicht bin ich auch immer noch Mitglied, weil ich den Beschluss des »BundessprecherInnenkreises« für nicht rechtsgültig halte. Aber zu Ihrer Frage: Zu dem Zerwürfnis kam es infolge des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023. In ihrer Stellungnahme dazu schaffte es die DFG-VK nicht, das Ereignis als das zu bezeichnen, was es war: antisemitischer Terror. Wir vom Berliner Verband haben das kritisiert und von da an gab es den Konflikt zwischen uns und der Bundesebene.

Wie kam es schließlich zur Eskalation?
Zum einen gab es einen Beschluss des Verbands zum israelischen Pager-Angriff auf die Hisbollah im September 2024, in dem dieser als »Terrorangriff« bezeichnet und die Behauptung aufgestellt wurde, Israel habe damit gezielt Kinder treffen wollen. Dafür gibt es jedoch keinerlei Belege und das Narrativ, das dadurch verbreitet wird, ist klar antisemitisch. Neben dem Berliner Verband hat das nur noch eine Handvoll weiterer Mitglieder anderer Landesverbände kritisiert und so wurde der Beschluss mit großer Mehrheit angenommen.

Und zum anderen?
Die DFG-VK hat sich dem Bündnis »Gerechter Frieden« angeschlossen, bei dem zum Beispiel auch Amnesty International und Pax Christi mitmachen. Auch das haben wir im Berliner Verband abgelehnt, weil das Bündnis die Schuld an der Situation in Gaza allein Israel zuschiebt und die Verantwortung der Hamas komplett ausklammert. Israel wird dadurch dämonisiert, was eine seriöse Friedensorganisation eigentlich ablehnen sollte. Doch unsere Kritik hat kein Gehör gefunden. Als im Februar dieses Jahres erneut eine Demonstration des Bündnisses unter Beteiligung der DFG-VK anstand, haben wir eine detaillierte Stellungnahme mit unseren Kritikpunkten dazu veröffentlicht und eine Gegenkundgebung organisiert. Der BundessprecherInnenkreis hat uns daraufhin verbandsschädigendes Verhalten vorgeworfen und uns aus dem Verein ausgeschlossen.

»Ich will die Friedensbewegung nicht Leuten überlassen, die problematische politische Positionen haben.«

keno goertz

Wie verteidigen Sie sich gegen den Vorwurf der Verbandsschädigung? Immerhin haben Sie eine Kundgebung organisiert, die auch gegen Ihren eigenen Verein gerichtet war.
Meiner Meinung nach ist das eigentlich Verbandsschädigende die Teilnahme am Bündnis »Gerechter Frieden«. Die DFG-VK sollte den Anspruch haben, politisch sinnvolle Positionen zu vertreten. Die findet man in diesem Bündnis aber nicht. Stattdessen herrschen dort Positionen vor, die Antisemitismus und Israelhass Tür und Tor öffnen. Ein Zweck der DFG-VK ist es, gegen alle Kriegsursachen vorzugehen, und im Fall des Gazakrieges ist die Kriegsursache nun mal der Antisemitismus der Hamas. Wenn wir kritisieren, dass die DFG-VK hier ihrem Anspruch nicht gerecht wird, dann ist das nicht verbandsschädigend, sondern selbstverständlicher Teil eines demokratischen Prozesses.  

Der Graben zwischen Berliner und Bundesverband scheint kaum überbrückbar. Warum sind Sie nicht von sich aus ausgetreten?
Frieden ist mein Herzensthema. Für mich ist es schrecklich mitanzusehen, wie sich internationale Konflikte zuspitzen oder wie in Deutschland die Militarisierung vorangeht. Dagegen möchte ich etwas tun. Genau deshalb will ich die Friedensbewegung auch nicht Leuten überlassen, die politische Positionen haben, die ich falsch und problematisch finde.

Ihren Rauswurf aus der DFG-VK erkennen Sie nicht an. Wie gehen Sie und die anderen ausgeschlossenen Mitglieder nun dagegen vor?
Das Vorgehen des BundessprecherInnenkreises ist eindeutig unzulässig. Der ist nämlich laut der Satzung DFG-VK gar nicht für Ausschlüsse zuständig, außer in dringlichen Fällen. Und eine Dringlichkeit konnte für unseren Rauswurf nicht ausreichend belegt werden. Außerdem geht der BundessprecherInnenkreis davon aus, dass unsere Mitgliedsrechte sofort nach Ausschluss erloschen seien. Aber auch das stimmt nicht. Wir werden daher eine Feststellungsklage einreichen, dass der Ausschluss rechtswidrig war. Die Erfolgsaussichten sind unserer Einschätzung nach sehr hoch.

Mit dem Berliner Friedensaktivisten sprach Joshua Schultheis.

Magdeburg

Jüdische Gemeinden in Sachsen-Anhalt kritisieren Hallervorden-Wahlkampf der CDU

Der Landesverband der jüdischen Gemeinschaft schaltet sich mit deutlichen Worten in die Debatte ein

 06.08.2026

Dublin

Wegen Israel-Boykott: Irisches Regierungsflugzeug kann nicht mehr im Nebel landen

Beim Kauf der Maschine wurde bewusst auf das System »FalconEye« verzichtet, weil der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems an dem Produkt beteiligt ist

 06.08.2026

Mehrere Flaschen mit Limonade der Marke Lemonaid in verschiedenen Geschmacksrichtungen stehen im Regal in einem Getränkemarkt

Meinung

Kann politisch korrekte Limonade antisemitisch sein?

Beim FC St. Pauli ist der langjährige Kapitän Jackson Irvine weg, doch bei der politisch korrekten Brausefirma »LemonAid« sitzt der anti-israelische Australier weiter im Aufsichtsrat

von Daniel Killy  06.08.2026

Kommentar

Landtagswahlkampf mit Israelfeindlichkeit

Mit einem vielleicht auf den ersten Blick unschuldigen Satz macht das BSW Stimmung. Gegen den einzigen jüdischen Staat, die »Zionisten« und damit die Juden

von Imanuel Marcus  06.08.2026

Leipzig

Dobrindt: Deutsche Drohnenabwehr mit Unterstützung Israels

Nach dem Fund einer mit Sprengstoff bestückten Drohne am Leipziger Flughafen kündigte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verstärkte Anstrengungen gegen hybride Bedrohungen an. Helfen sollen dabei auch die Ukraine und Israel

 06.08.2026

Magdeburg/Halle

Schulze: Hallervorden-Auftritt steht für Meinungsfreiheit

Der Komiker verbreitet Verschwörungstheorien über Israel und relativiert Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine

 06.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  06.08.2026

Detroit (Michigan)

Israel-Kritiker El-Sayed gewinnt demokratische Vorwahl für Senat

Der Politiker wird im November gegen den republikanischen Kandidaten antreten. Trump nennt El-Sayed einen »kommunistischen Verlierer, der Juden und Israel hasst«

 06.08.2026

Meinung

»Blaue Moschee« als Gedenkstätte für die Opfer des Islamismus?

Nach der Schließung des eng mit dem iranischen Regime verflochtenen »Islamischen Zentrums Hamburg« wird über die künftige Nutzung des Ortes diskutiert

von Ulrike Becker  06.08.2026