Resolution

»Die UNESCO ist eigentlich wertlos«

Maram Stern Foto: Marco Limberg

Resolution

»Die UNESCO ist eigentlich wertlos«

Maram Stern über eine antisemitische Entscheidung, Glaubwürdigkeit und das Existenzrecht Israels

von Katrin Richter  26.10.2016 13:47 Uhr

Herr Stern, zuerst die Programmkommission, dann der Exekutivrat, jetzt das Welterbekomitee der UNESCO: Erneut hat die Kulturorganisation der Vereinten Nationen den jüdischen Charakter des Jerusalemer Tempelberges komplett negiert. Wie beurteilen Sie diesen Vorgang?
Die UNESCO hat einmal mehr gezeigt, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Die Entscheidung ist antisemitisch und gegen Israel gerichtet.

Welche politischen Folgen wird die Entscheidung haben?

Viele UNESCO-Mitgliedsländer nehmen die Institution nicht mehr sehr ernst. Und sie kann eigentlich auch nicht mehr ernstgenommen werden. Mit diesen Entscheidungen verliert die UNESCO einfach an Glaubwürdigkeit. In der Praxis hat das kaum Auswirkungen; es ist die Symbolik, die zählt.

Ronald S. Lauder, der Präsident des World Jewish Congress, hat in der »Zeit« geschrieben, die Resolution sei ein »antisemitischer Akt«, und gefordert, sie müsse aufgehoben werden. Ist diese Forderung realistisch?
Die Chancen dafür sind leider nicht sehr groß. Aber wir haben in der Vergangenheit gesehen – beispielsweise mit der Resolution der UN-Vollversammlung von 1975, wonach Zionismus eine Form des Rassismus sei –, dass selbst bei den Vereinten Nationen mit Hartnäckigkeit etwas erreicht werden kann, auch wenn das manchmal Jahre dauert.

Wie kann die UNESCO zum Beispiel Masada als »Symbol des antiken jüdischen Königreichs« auf der Welterbeliste führen und gleichzeitig jeden historischen Bezug der Juden zu Jerusalem verneinen?
Die Resolution war eine politische Entscheidung, die nichts mit dem Kulturerbe zu tun hat. Es war schon abzusehen, dass der Einfluss einiger Länder stark werden wird. Und die Generaldirektorin Irina Bokova hat die Resolution zwar kritisiert, wollte sich aber nicht zu sehr exponieren.

Wie kann es sein, dass einige arabische Staaten die UNESCO für ihre antijüdische Propaganda missbrauchen können, sodass sich sogar die Generaldirektorin distanzieren muss?
Sie hat sich nicht so eingesetzt, wie sie sich hätte einsetzen sollen. Irina Bokova hätte versuchen müssen, es gar nicht erst zu einer Abstimmung kommen zu lassen. Das ist doch schließlich auch die Aufgabe einer Leiterin.

Soll diese Geschichtsfälschung dem jüdischen Staat auch in gewisser Weise das Existenzrecht absprechen?
Auf lange Sicht wollen einige Länder genau das erreichen. Und mithilfe kleiner Mosaiksteine soll dies umgesetzt werden.

Die Resolution wurde mit sechs Gegenstimmen gefasst, eine davon kam von der Bundesrepublik. Der Resolutionsentwurf sei zu unausgewogen, heißt es im Auswärtigen Amt. Muss Berlin in dieser Frage aktiver werden – vielleicht als Geldgeber der Palästinensischen Autonomiebehörde auch mehr politischen Einfluss geltend machen?
Berlin war sehr aktiv und hat sehr viel getan. Es wurde versucht, auch auf die Franzosen einzuwirken, und ich glaube, Berlin hat getan, was machbar war. Aber letztendlich zeigt der Vorgang, dass die UNESCO eigentlich wertlos ist und die antisemitischen Tendenzen dort leider präsent und spürbar sind.

Mit dem Vize-Geschäftsführer des World Jewish Congress sprach Katrin Richter.

Potsdam

Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye ist tot

Der Journalist und Autor prägte als Gründer von »Gesicht Zeigen!« den Kampf gegen Rechtsextremismus. Nun ist seine Stimme verstummt

 04.08.2026

Dessau-Roßlau

Schulze: Ich habe eine andere Meinung zum Thema Völkermord

Auftritte des Kabarettisten Dieter Hallervorden bei CDU-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt hatten bei den Christdemokraten teils für große Irritationen gesorgt. Der Spitzenkandidat verteidigt das Format

 04.08.2026 Aktualisiert

Washington D.C./Teheran

Trump kündigt Iran-Gespräche an – Eigene Regierungsbeamte und Teheran widersprechen Darstellung

Der Sprecher des iranischen Außenministeriums sagt, derzeit gebe es keinerlei direkte Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Der US-Präsident wirft den Iranern eine »Doppelzüngigkeit« vor

 04.08.2026

Spanische Nordafrika-Exklave

Wie kam es zur Ceuta-Krise?

Die Ereignisse in Ceuta werfen viele Fragen auf: Duldeten marokkanische Sicherheitskräfte den Ansturm? Welche Motive könnte es gegeben haben? Und wer profitierte von den chaotischen Szenen?

 03.08.2026

Schifffahrt

Iran und Oman planen Rundkurs in Straße von Hormus

Als Folge des Konflikts mit den USA verhandelt Teheran mit Maskat über neue Fahrrinnen im Nadelöhr des internationalen Gas- und Ölhandels. Im Gespräch ist ein neues Routenmodell

 03.08.2026

Montréal

Verdacht auf Brandanschlag: Koscheres Restaurant zerstört

Die Behörden untersuchen den Vorfall als möglichen Brandanschlag. War auch diese Tat antisemitisch motiviert?

 03.08.2026

Studie

Spaniens Migrationskrise wird online mit antisemitischen Verschwörungsmythen verknüpft

Innerhalb von zwei Tagen erreichten Beiträge, die Israel für den Flüchtlingssturm auf Ceuta verantwortlich machen, beinahe 60 Millionen Nutzer

 03.08.2026

Nahost

Trump kündigt neue Gespräche mit Iran an – Verhandlungen sollen heute beginnen

»Eine Vereinbarung steht unmittelbar bevor«, erklärt der amerikanische Präsident. Israel, das an dem zunächst geplanten Angriff auf den Iran mitwirken sollte, erfuhr von dessen Absage in sozialen Medien

 03.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und die Debatte über die Religionsfreiheit

von Michael Thaidigsmann  02.08.2026