Beziehungen

Wie denken Israelis über Deutsche? Und wie die Deutschen über Israelis?

Zahlen sind manchmal eine feine Sache. Sie können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, komplexe Geflechte wie das deutsch-israelische Verhältnis besser zu verstehen – beispielsweise anhand der Frequenz, mit der deutsche Politiker nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor 60 Jahren dann nach Israel reisten. So sollte es nach 1965 noch acht Jahre dauern, bis mit Willy Brandt 1973 erstmals ein Bundeskanzler seine Aufwartung in Jerusalem machte.

Anders dagegen sein Nachfolger Helmut Schmidt, der mit dem geplanten Verkauf von Leopard-2-Panzern an Saudi-Arabien für massive Verstimmungen sorgte, weshalb er sich auch nie vor Ort blicken ließ. Dann kamen Helmut Kohl und Gerhard Schröder, die beide jeweils zweimal nach Israel reisten.

Rekordhalterin Angela Merkel

Rekordhalterin bleibt aber Angela Merkel, die das Land häufiger als alle Bundeskanzler vor ihr zusammen besuchte, nämlich acht Mal. In ihrer Amtszeit intensivierten sich die Kontakte wie nie zuvor. Aber auch Olaf Scholz war bereits mehrfach in Israel zu Gast, allein nach dem 7. Oktober 2023 zwei Mal.

In Angela Merkels Amtszeit intensivierten sich die Kontakte wie nie zuvor.

Eine andere Methode sind regelmäßige Umfragen wie das HU-EF-Barometer. Am Puls der deutsch-israelischen Beziehungen möchten seine Macher sein und verstehen, wie es um die gegenseitigen Wahrnehmungen bestellt ist. »Dabei haben wir das große Glück, auf Daten zurückgreifen zu können, die weit in die frühen 90er-Jahre reichen«, weiß Gisela Dachs, Professorin am DAAD Center for German Studies des European Forum an der Hebräischen Universität in Jerusalem und zugleich Leiterin des Projekts, zu berichten. »Das ist spannend, weil sich so durch lange Zeitreihen erstaunliche Trends zeigen.«

So bejahten 1992 etwas mehr als die Hälfte der befragten jüdischen Israelis, und zwar 57 Prozent, folgende Aussage: »Die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland können als normale Beziehungen zwischen zwei Ländern definiert werden.« Dieser Wert stieg sukzessiv bis 2011 auf 89 Prozent – ein deutliches Indiz für einen Wandel im Blick der Israelis auf Deutschland, ausgelöst unter anderem durch die Lieferungen von U-Booten und Merkels Staatsräson-Rede in der Knesset, aber auch durch den Berlin-Hype bei jungen Israelis und eine erhöhte Bereitschaft, Deutschland zu besuchen.

Aus den 2010er-Jahren liegen dagegen keine Angaben vor. Erst für 2022 und 2024, als die ersten beiden HU-EF-Barometer – diesmal auf einer deutlich breiteren Datenbasis und unter Einbeziehung weiterer europäischer Staaten – von den Wissenschaftlern erarbeitet wurden, gibt es neue Zahlen zu dieser Aussage. »Der Wert ist auf 70 Prozent gesunken und hat sich auf diesem Level eingependelt«, so Dachs. Erklärungen bieten sich gleich mehrere an. »Der Aufstieg der AfD oder die Probleme, die seit 2015 durch die Migration entstanden sind, werden in Israel durchaus zur Kenntnis genommen und als problematisch rezipiert.«

Ein »anderes Deutschland«

Bemerkenswerterweise, so betont die Expertin, decken sich die Daten mit denen zu der Aussage, ob es mittlerweile ein »anderes Deutschland« gebe. 1992 zeigten sich 52 Prozent der jüdischen Israelis davon überzeugt – ein Wert, der bis 2011 auf 83 Prozent ansteigt, um sich dann 2022 auf 78 Prozent und 2024 auf 75 Prozent leicht abzuschwächen.

Trotz dieses Abschwungs in jüngster Zeit sagen 53 Prozent der Israelis, dass Deutschland als Freund betrachtet wird, 39 Prozent nennen Großbritannien, gefolgt von Frankreich mit 27 Prozent, den Niederlanden mit 25 Prozent und Polen mit gerade einmal 19 Prozent. Oder anders formuliert: Deutschland wird als engster Partner in Europa wahrgenommen.

Differenziert man zwischen Juden und Arabern, zeigt sich das sogar noch deutlicher. Denn 55 Prozent der jüdischen Israelis, aber nur 45 Prozent der arabischen Israelis sehen das so, für Letztere ist mit
56 Prozent Großbritannien der Favorit. Die Aussagen spiegeln sich – unter umgekehrten Verhältnissen – wider, wenn es darum geht, welches dieser Länder antisemitisch sei. Platz eins belegt dann Frankreich mit 55 Prozent, gefolgt von Großbritannien mit 40 Prozent und Polen mit 35 Prozent. Deutschland dagegen wird mit 21 Prozent als das am wenigsten antisemitische Land betrachtet.

Wo sollen Israelis leben?

»Spannend sind ebenfalls die Angaben auf die Frage, wo Israelis leben sollten«, berichtet Dachs. Mittlerweile ist man weniger dogmatisch eingestellt als früher, wenn es um dieses Thema geht – so erklärten 2022 und 2024 immerhin 59 Prozent der jüdischen Israelis, dass jeder dort leben könne, wo sie oder er mag, was Deutschland mit einbezog. Auch die Zahl derjenigen, die Deutschland davon ausgeschlossen sehen wollten, sank von 19 auf 13 Prozent.

Doch bei der Aussage, dass Israelis nur in Israel leben sollten, gibt es eine Verschiebung. »2022 befürworteten das nur 18 Prozent, 2024 dagegen bereits 28 Prozent. Diese Veränderung dürfte im Zusammenhang mit den Ereignissen des 7. Oktober stehen«, ist die Leiterin des Projekts überzeugt.

Für manche Überraschungen sorgen auch die Daten aus Deutschland. Denn im Unterschied zu Großbritannien, Frankreich oder Polen nimmt man hier Israel am ehesten, und zwar mit 29 Prozent, als ein europäisches Land wahr. Wenn es sich dabei um Deutsche handelt, die Israel einmal besucht haben, steigt dieser Wert sogar auf 53 Prozent.

Interessant ist ebenfalls die Tatsache, dass Deutsche im Vergleich zu Briten, Franzosen oder Polen am ehesten mehr als einmal Israel besucht hatten. Gleichzeitig aber betonen 69 Prozent der Deutschen, dass sie noch nie vor Ort waren und auch keine Absicht haben, jemals nach Israel zu reisen. In den anderen drei Vergleichsstaaten ist dieser Wert niedriger.

»Jerusalem«, »Heilige Stätten« und »Konflikt/Kriegsgebiet«

Und wenn es um Assoziationen geht, die sich einstellen, wenn man an Israel denkt, liegen »Jerusalem«, »Heilige Stätten« und »Konflikt/Kriegsgebiet« ganz weit vorn. Der »Holocaust« wird erst an fünfter Stelle genannt. »Hightech« dagegen kommt ganz wenigen in den Sinn, und zwar nur vier Prozent. Darin unterscheiden sich die Deutschen übrigens kaum von den anderen drei in der Studie berücksichtigten Ländern.

In einem Punkt aber hebt sich Deutschland dann doch wieder von Großbritannien, Frankreich oder Polen ab. So ist die Mehrheit der deutschen Befragten, nämlich 58 Prozent, 2024 der Meinung, dass Israel kritisiert werden kann, ohne dass die Kritik gleich als antisemitisch gilt. Zwar ist dieser Wert im Vergleich zum Jahr 2022 leicht gesunken, jedoch deutlich höher als in den drei anderen Vergleichsstaaten.

Aufhorchen lassen ebenfalls die Einstellungen zu Angela Merkels berühmtem Zitat von 2008, in dem von der Sicherheit Israels als deutscher Staatsräson die Rede ist. Wenn gefragt wird, ob dieser Ansatz ebenfalls für die amtierende Regierung Gültigkeit haben soll, dann bejahen das immerhin 45 Prozent der Befragten.
38 Prozent haben dazu keine Meinung, aber nur 18 Prozent stehen dieser Haltung ablehnend gegenüber.

Deutschland wird in Israel um einiges positiver gesehen als umgekehrt.

Allerdings wollen 42 Prozent der Deutschen keine Unterstützung der Bundesregierung für Israels Militäroperation im Gazastreifen. Schaut man sich andere Untersuchungen dazu an, wie beispielsweise den ARD DeutschlandTREND vom August 2024, dann sind sogar 68 Prozent der Befragten gegen jegliche Militärhilfe für Israel, bei Anhängern der AfD ist dieser Wert mit 80 Prozent übrigens der höchste, bei denen der FDP mit 56 Prozent am geringsten.

Asymmetrie in der gegenseitigen Wahrnehmung

Mit der Normalität ist es eben so eine Sache. Lediglich 33 Prozent der im Rahmen der Studie in Deutschland befragten Personen betrachten die deutsch-israelischen Beziehungen als etwas »Normales«. Auffällig in diesem Kontext ist, dass der Wert bei Männern oder Personen, die Israel einmal besucht hatten, deutlich höher liegt. »Man kann also durchaus von einer Asymmetrie in der gegenseitigen Wahrnehmung sprechen«, kommentiert Dachs diese Daten. »Deutschland wird in Israel um einiges positiver gesehen als umgekehrt.«

Die Tatsache, dass der aktuelle Konflikt im Gazastreifen die Mehrheit der Deutschen (54 Prozent) nicht in ihrer Haltung zu Israel beeinflusst hätte und neun Prozent erklärten, sie seien durch die Ereignisse sogar eher pro-israelischer geworden, während 14 Prozent ihre Sympathien nun stärker auf der palästinensischen Seite sehen, ist für die Expertin ebenfalls bemerkenswert.

»Eine Erklärung dafür mag der Krieg in der Ukraine sein, der die Wahrnehmungen mit beeinflusst, weil das Gefühl der Bedrohung allein schon aufgrund der geografischen Nähe nun ein konkreteres ist.« Inwieweit die Wahrnehmungen durch die aktuellen Ereignisse weiteren Veränderungen unterliegen oder stabil bleiben, das wird das nächste HU-EF-Barometer zeigen, dessen Veröffentlichung im Frühjahr 2026 ansteht.

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