Meinung

Die Kirche muss Stellung beziehen

Volker Beck Foto: Marco Limberg

Antizionismus ist heutzutage der Brandbeschleuniger des Antisemitismus. Selbst die antisemitischen Klischees aus dem Mittelalter, von jüdischer Blutrunst bis zur Brunnenvergifterlegende, werden damit wieder verbreitet. Wer Antisemitismus verurteilt und ablehnt, darf daher zu der Verteufelung und Delegitimierung Israels nicht schweigen.

Der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat das erkannt und gestern auf Initiative aller vier demokratischen Fraktionen eine klare Konsequenz aus dem BDS-Desaster bei der Ruhrtriennale in Bochum gezogen: Unmissverständlich werden »die antisemitische und antiisraelische BDS-Kampagne« und der »Aufruf zum Boykott von israelischen Waren oder Unternehmen sowie von israelischen Wissenschaftlern oder Künstlern« verurteilt.

Chamäleon Der Bundestag und das Berliner Abgeordnetenhaus hatten sich zuvor ähnlich geäußert. Räume für BDS soll es vom Land NRW künftig nicht mehr geben. Diese Klarheit ist auch erforderlich, denn auf perfide Weise versucht die BDS-Bewegung, jüdische Israelis kulturell zu isolieren, und zwar unabhängig von ihren jeweiligen politischen Ansichten.

Dabei agiert BDS wie ein politisches Chamäleon: Mal will man aus Protest gegen die Besatzung im Westjordanland angeblich »nur« Siedlungsprodukte boykottieren, ein anderes Mal wird klarer, was man unter Besatzung tatsächlich versteht: Mit dem Slogan »From the river to the sea, Palestine will be free« zeigt man, dass man auch die Präsenz Israels in Haifa, Tel Aviv oder Beer Sheva als Besatzung begreift.

Immer wieder kommen Festivals in Deutschland unter Druck, weil ein jüdischer Israeli im Programm steht. 140 Kulturschaffende um den britischen Musiker Roger Waters, der in seinen Konzerten schon mal ein »Judenschwein« durch den Saal segeln lässt und höchstselbst mit Maschinengewehr abschießt, fordern nun den Boykott des Eurovision Song Contest in Tel Aviv.

Sie verfolgen und bedrängen Künstler, die in Israel auftreten oder bei Kulturevents in Europa, an denen auch jüdische Israelis teilnehmen. Die gleichen Leute haben allerdings kein Problem damit, in Putins Diktatur aufzuspielen – Krieg in der Ukraine, Besetzung Krim, Ermordung von Oppositionellen, alles egal.

»Nakba« So deutlich der Landtag von Nordrhein-Westfalen, der Bundestag oder das Abgeordnetenhaus von Berlin sind, so sehr mangelt es andernorts an der Einsicht, dass man mit der Propagierung der antisemitischen BDS-Bewegung auch das Klima für Juden in Deutschland verschlechtert.

Ab dem heutigen Freitag ist in der Evangelischen Akademie Bad Boll in Baden-Württemberg ein interreligiöses Stelldichein der BDS-Bewegung geplant, garniert mit der berüchtigten »Nakba«-Ausstellung, über die jüdische Verbände sagen, dass sie antisemitische Vorurteile schürt. Landesbischof Frank Otfried July findet zwar deutliche Worte: »Ansinnen und Vorgehen der BDS-Bewegung lehnt die Evangelische Landeskirche in Württemberg ab.« Doch die Taten, die aus der klaren Haltung folgen, sucht man vergebens.

Das BDS-Happening soll in der Evangelischen Akademie heute Abend trotzdem beginnen. Selbst der Akademieleiter räumt ein: »Die Liste der Referent_innen wird in der Tat beherrscht von der BDS-Bewegung nahestehenden Verteter_innen.« Keck teilt er allerdings mit: »Im Vorfeld der Tagung haben wir alles (!) versucht, Vertreter_innen der DIG bzw. ihres Umfeldes zur Teilnahme an der Auseinandersetzung zu gewinnen.« Auf Nachfrage haben weder der Vorsitzende noch die Bundesgeschäftsstelle der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) von diesen Versuchen etwas vernommen.

Klarheit Diskutieren kann man mit den abwegigsten Positionen. Und ich habe jedes Verständnis, wenn gerade christliche Einrichtungen an Umkehr durch Argument und Dialog als Hoffnung festhalten. Aber man darf sich dabei nicht vor den Karren anderer spannen lassen. In Bad Boll wurde eine rote Linie überschritten. Dies zeigt, dass die Leitungsorgane der Kirche Klarheit schaffen müssen und ihre Linie dann auch durchsetzen. Das sind die Christen ihren älteren Brüdern und Schwestern schuldig.

Es ist Zeit für ein klares Nein ohne jedes Ja zu BDS, zur Überwindungstheologie des Kairos-Palästina-Dokuments und gegen jede einseitige, geschichtsklitternde Stellungnahme gegen Israel. Antisemitismus darf in der Kirche keinen Platz haben, auch nicht in seiner antizionistischen Camouflage! An den Taten und nicht an schönen Worten wird sich Kirche hier messen lassen müssen.

Der Autor ist Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Universität Bochum und erhielt 2015 den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden.

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