Hand aufs Herz: Die deutsche Israel-Berichterstattung war noch nie ein Aushängeschild des deutschen Journalismus. Zu wenig Expertise, zu viele vorschnelle Ratschläge, regelmäßig kontrafaktische Vorwürfe, absurde Headlines samt Täter-Opfer-Umkehr (legendär: »Israel droht mit Selbstverteidigung«), die man sich zwar in der Theorie in Hamburg-Lokstedt leisten kann, nicht aber in Israel. Erst recht nicht in jenem Israel nach dem 7. Oktober 2023, dem von der palästinensischen Terrororganisation Hamas der Krieg erklärt wurde und das zeitgleich aus dem Libanon, Jemen, Syrien, Irak, Iran und dem Westjordanland attackiert wurde.
Ein besonders eindrückliches Beispiel für dieses regelmäßige mediale Versagen bei der Einordnung des Krieges ist die Berichterstattung über die vermeintlichen Todeszahlen in Gaza. »Israels Armee bestätigt Zahl von 70.000 Kriegstoten in Gaza«, titelte vergangene Woche etwa der »Spiegel«, das Sturmgeschütz der deutschen »Israelkritik«. Die »Süddeutsche Zeitung« ergänzte: »Israel gibt zu, dass in Gaza 70.000 Palästinenser getötet wurden«.
Nicht fehlen darf natürlich das ZDF. Dort heißt es: »Kehrtwende eher verschämt: Israels Armee bestätigt jetzt die von der Hamas genannten Opferzahlen im Gazastreifen, konnte daran offenbar nicht mehr vorbeigehen«.
Hintergrund der Schlagzeilen
Der Hintergrund der Schlagzeilen: Israelische Medien wie »Haaretz« und »The Times of Israel« berichteten vergangene Woche unter Berufung auf eine anonyme Quelle der israelischen Armee (IDF), dass die Angaben der Hamas-Terroristen über die Zahl von 70.000 Toten im Gaza-Krieg korrekt sei. Was sich in vielen israelischen Berichten dazu findet, aber nicht bei der deutschen Berichterstattung: Die Armee dementierte und wies darauf hin, dass sie diese Zahlen nicht bestätigen kann. Und anders als berichtet, handelte es sich mitnichten um eine Aussage der Armee. Sprich: Israel weist zurück, 70.000 Menschen in Gaza getötet zu haben – und kündigt einen eigenen Bericht zu den genauen Zahlen an.
Mindestens ebenso bemerkenswert: Eine Bewertung der angeblichen Zahlen erfolgte hierzulande ebenfalls nicht. Zumindest nicht so, wie es erfolgen sollte. Denn selbst wenn die Angaben der Hamas stimmen sollten – was durchaus bezweifelt werden darf, da die Zahlen von jener Terrororganisation stammen, zu deren Zielen nicht nur der Massenmord an Juden gehört, sondern auch das ebenso geschickte wie bösartige Manipulieren der öffentlichen Meinung –, sollten Journalisten diese Zahlen auch einordnen.
Das, was früher Juden unterstellt wurde, wird nun Israel vorgeworfen.
Angenommen, die Zahlen der Hamas stimmen, muss nichtsdestoweniger Erwähnung finden, dass Experten zu Recht darauf hinweisen, dass Israel einen Krieg gegen die Hamas führte, und eben keinen Krieg gegen Zivilisten. Zu Recht weisen Experten darauf hin, dass auch deshalb mehr als 600 israelische Soldaten seit Beginn des Krieges gefallen sind, eben weil beim Vorgehen in Gaza der Schutz von Zivilisten zu den wichtigsten Zielen gehört. Zu Recht weisen Experten darauf hin, dass durch die Hamas selbst Palästinenser getötet werden, durch »Friendly Fire«, durch fehlgeleitete Raketen, die auf Israel abgeschossen werden sollten. Zu Recht weisen Experten darauf hin, dass bei der Angabe von 70.000 Toten die natürlichen Tode mitgedacht werden müssten – in zwei Jahren mehr als 10.000 Menschen.
Zu Recht weisen Experten darauf hin, dass es zur Kriegsführung der Hamas gehört, sich hinter der eigenen Bevölkerung zu verschanzen, um die Zahl der getöteten Zivilisten in die Höhe zu treiben, weil nur so der Kampf um die öffentliche Meinung gewonnen werden könne (O-Ton Hamas-Führer Yahya Sinwar: »Wir kommen nur mit Blut in die Schlagzeilen. Kein Blut, keine Nachrichten«). Zu Recht weisen Experten darauf hin, dass es in der Geschichte der Menschheit noch nie einen Krieg wie diesen gegeben hat, in dem die Angreifer die Möglichkeit hatten, sich in einem Tunnelsystem zu verstecken, das bis zu 720 Kilometer lang war und über rund 5700 eigene Schächte verfügte.
Historisch niedriges Verhältnis
Und nicht zuletzt: Zu Recht weisen Experten darauf hin, dass die IDF weit mehr als 25.000 Hamas-Kämpfer getötet hat. Angesichts all dessen weisen Militär-Experten wie John Spencer oder Andrew Fox zu Recht darauf hin, dass der Gaza-Krieg ein historisch niedriges Verhältnis von Kombattanten- zu Zivilopfern (zurückhaltend gerechnet 1:1,5) im Vergleich zu allen anderen urbanen Kriegen mit auch nur annähernd ähnlichen Bedingungen, zeigt.
All das nicht zu berücksichtigen: Ist das Unkenntnis, Schludrigkeit, Schwarmdummheit, politische Einseitigkeit? Das können nur die betreffenden Kollegen beantworten. Fest steht: So macht man Stimmung gegen Israel. Es möge sich niemand wundern, dass angesichts dessen 73 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmen, Israel habe in Gaza einen Genozid begangen. Auch möge sich niemand darüber wundern, dass die Antisemitismusfallzahlen auch hierzulande geradezu explodieren.
Es erinnert an die alte Ritualmordlüge. Das, was früher Juden als Individuum unterstellt wurde, wird nun – ob intendiert oder nicht – Israel, der Heimstatt von Millionen Juden, als Nation vorgeworfen.
Es ist eigentlich banal: Journalistische Berichterstattung bedeutet nicht nur zu schreiben, wer etwas zu Protokoll gegeben hat. Zur verantwortungsvollen Berichterstattung gehört auch, das Gesagte zu hinterfragen und einzuordnen.
»Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge«, lautet ein altes jüdisches Sprichwort. Das ist auch hier zutreffend. Nur die halbe Wahrheit zu transportieren, heißt aber schlichtweg auch: schlechter Journalismus – und eben kein »Schreiben, was ist«.
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