München

Der Grüne, das Rathaus und die jüdische Gemeinschaft

Dominik Krause steht bei der Wahlparty der Grünen nach der Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters auf der Bühne. Foto: picture alliance/dpa

Wenn die zuletzt gebeutelten Grünen in diesen Tagen nach Hoffnungsträgern suchen, fällt ihr Blick auf die bayerische Landeshauptstadt. Am 22. März gewann Dominik Krause mit deutlicher Mehrheit die Stichwahl um das Münchner Oberbürgermeisteramt und beendete damit eine sozialdemokratische Herrschaft im Rathaus, die mit kurzer Unterbrechung seit 1948 angedauert hatte. 

Krause ist 35 Jahre alt, Physiker, undogmatisch und bekannt für einen Politikstil, der wenig mit dem Klischee des weltfremden Großstadtgrünen gemein hat. Krause gilt als pragmatisch und lösungsorientiert; er vermag auch Wähler jenseits des klassischen Grünen-Milieus abzuholen. Sein Vorgänger, Dieter Reiter (SPD), hatte nach zwölf Jahren im Amt zuletzt amtsmüde gewirkt und war über eine Affäre um einen Aufsichtsratsposten beim FC Bayern München gestolpert. Reiters Wahlkampfmotto lautete »München. Reiter. Passt«. Krause konterte mit »Weil mehr geht« und setzte auf Inhalte: 50.000 neue Wohnungen, die Umwandlung von leerstehendem Büroraum in bezahlbaren Wohnraum, Verkehrswende, Bürokratieabbau, Klimaschutz. 

Ein Nazi-Aufmarsch hat Krause politisiert

Aufgewachsen ist er am Münchner Stadtrand, in Moosach und Untermenzing. Den Anstoß für Krauses politische Laufbahn gab ein Neonazi-Aufmarsch während seines Zivildienstes in München. Er ging hin und sah Männer mit Springerstiefeln und Glatzen. Für jemanden, der Rechtsextremen bis dahin nie begegnet war, ein Schock. Er schloss sich dem Bündnis München ist Bunt an, trat den Grünen bei, studierte Physik an der TU München und stieg kommunalpolitisch auf. 2014 zog er mit 24 Jahren in den Stadtrat ein, wurde schließlich Fraktionsvorsitzender der Grünen und dann im Oktober 2023 Zweiter Bürgermeister.

Dass seine erste offizielle Handlung als Zweiter Bürgermeister ein Besuch bei Charlotte Knobloch war, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagt einiges über seine Prioritäten aus. Nach seinem Wahlsieg bezeichnete Knobloch ihn als »engen Freund und Verbündeten der jüdischen Gemeinschaft«. Krause ist Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. 2017 trat er aus dem Beirat des Eine-Welt-Hauses aus, nachdem die Mitgliederversammlung beschlossen hatte, dem Verein Salam Shalom weiter Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen – trotz wiederholter antisemitischer Äußerungen aus dessen Reihen.

Wenn es um jüdisches Leben geht, solle man nicht immer nur über Antisemitismus sprechen, findet Krause.

Prägender noch war, was er später immer wieder in Debatten erlebte. »Personen, die sich eher links verorten würden, haben wirklich wüste antisemitische Dinge von sich gegeben, etwa dass die Opferzahlen der Schoa übertrieben würden, um Vorteile für das amerikanische Judentum zu erpressen«, sagt Krause der Jüdischen Allgemeinen. Klassischer Antisemitismus, mitten im progressiven Milieu. »Das hat mich erheblich geschockt«, so der Grünen-Politiker. »Ich dachte immer, unter progressiven Menschen gibt es einen Konsens, dass man Gruppenfeindlichkeit nicht gut findet.« In diesem Prozess habe er nachvollziehen gelernt, wie es vielen Jüdinnen und Juden geht.

Krause: Antisemitismus in allen Milieus ansprechen

Radikales Umsteuern beim Thema jüdisches Leben brauche es nicht, sagt er. Der Münchner Stadtrat habe sich nach dem 7. Oktober immer wieder klar positioniert; Reiter habe das Thema ernst genommen. Den Akzent, den er neu setzen will, ist ein anderer: Antisemitismus müsse in allen Milieus offen angesprochen werden, nicht nur beim politischen Gegner. »Der Antisemitismus kommt immer von den anderen. Die Linken sagen, die Antisemiten sind alle bei den Rechten. Die Rechten zeigen auf die Linken. Das funktioniert nur dann, wenn jeder auf sich selbst schaut, denn dort hat man die höchste Wirkmacht.«

Die Diskussionen, die er im linksbürgerlichen Milieu über Antisemitismus geführt hat, seien unerfreulicher und schwieriger gewesen als so manche Auseinandersetzung mit Neonazis, weil es sich um Menschen handelt, die eigentlich mitten im politischen Konsens stehen und dort eine andere Wirkmacht entfalten als Rechtsextreme, die außerhalb aller Normen agieren.

Einen weiteren Akzent will er setzen: Wenn es um jüdisches Leben geht, solle man nicht immer nur über Antisemitismus sprechen. »Das ist natürlich die größte Bedrohung, aber jüdisches Leben ist weit mehr.« Institutionell will er das Bündnis für Toleranz, das Bürgermeister Christian Ude einst gegründet hat, weiterführen und selbst präsent darin sein.

In der Münchner Kulturszene schwelen seit Jahren Konflikte über Antisemitismus und israelfeindliche Positionen an geförderten Häusern. Krause sieht zunächst die Kulturszene selbst in der Pflicht, Bewusstsein zu entwickeln. »Kultur ist ein Aushandlungsprozess, der von den kulturellen Akteuren selbst stattfinden muss.« Wo Grenzen überschritten werden, müsse die Politik einschreiten. Als Beispiel nennt er die Kasseler Kunstausstellung Documenta im Jahr 2022, auf der antisemitische Kunstwerke ausgestellt wurden: »Da braucht es keinen Aushandlungsprozess mehr, sondern eine klare Ansage.«

Städtepartnerschaft mit Beer Sheva

Als Stadtrat hat Krause auch die Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Beer Sheva mit auf den Weg gebracht. Er war bei der ersten Delegationsreise dabei und hat Bürgermeister Ruvik Danilovic seitdem mehrfach getroffen. Im Wirtschaftsreferat wurde eine eigene Stelle für den Austausch mit Beer Sheva und Israel geschaffen. »Diese Partnerschaft gedeiht gerade so gut aus sich selbst heraus, dass man sie vor allem begleiten muss«, sagt Krause. Und: »Angesichts der anhaltenden Angriffe auf Israel und auf Beer Sheva selbst sind wir gefragt, da zu sein für unsere Freundinnen und Freunde.« Beim Thema Sicherheit der IKG betont Krause den engen Austausch mit der Gemeinde – in sicherheitspolitisch angespannten Zeiten eine Herausforderung.

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Die Aufgaben, die auf den jungen Bürgermeister warten, sind gewaltig. München wächst, der Wohnungsmarkt ist seit Jahren überhitzt, und die Versprechen – 50.000 neue Wohnungen, Verkehrswende, Klimaschutz in einer notorisch dicht bebauten Stadt – sind ambitioniert. Der städtische Haushalt umfasst rund neun Milliarden Euro und ist angespannt: Bei den laufenden Verwaltungskosten will Krause sparen, um Investitionen in Schulen, ÖPNV und Wohnraum stemmen zu können. Doch bevor er inhaltlich durchstarten kann, muss er erst eine Koalition schmieden, entweder mit dem bisherigen Partner SPD oder, was er nicht ausschließt, mit der CSU.

Krause, der mit seinem Partner im ehemaligen Münchner Arbeiterviertel Giesing lebt und mit den Öffis ins Büro fährt, ist kein Politiker der großen Gesten. Dass Charlotte Knobloch ihn einen engen Freund und Verbündeten der jüdischen Gemeinschaft genannt hat, hat er sich durch Präsenz und Zuhören verdient und durch die Fähigkeit, Missstände im eigenen politischen Lager zu kritisieren. Ob er als Münchner OB hält, was er verspricht? Daran wird sich Dominik Krause messen lassen müssen. Fürs Münchner Rathaus bedeutet seine nun beginnende Amtszeit frischen Wind.

Jom Hasikaron

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