Meinung

Was ist mit dieser Fahne los?

Ein Ensemblemitglied des Royal Opera House entrollte letzte Woche an der Dernière von »Il trovatore«, einer vieraktigen Oper von Giuseppe Verdi, ganz am Schluss der Vorführung die palästinensische Flagge auf der Bühne. Ein Video, das davon kursiert, zeigt ein kurzes Handgemenge, als ein Mitarbeiter des Londoner Opernhauses vergeblich versucht, den Protest zu beenden, wobei sich der Künstler vehement weigert, die Flagge loszulassen. Während das Publikum weiterhin applaudiert, hält der kostümierte Schauspieler, über dessen Identität keine Klarheit besteht, die Flagge bis zum Schluss des Applauses und schüttelt diese leicht.

Das Royal Ballet and Opera bezeichnete den Protest als »völlig unangemessen für eine Schlussaufführung«. Dessen Sprecher erklärte: »Das Zeigen der Flagge war eine spontane und unerlaubte Aktion des Künstlers. Die Aktion wurde vom Royal Ballet and Opera nicht genehmigt und steht nicht im Einklang mit unserem Bekenntnis zur politischen Unparteilichkeit.« Die Schauspieler in der ersten Reihe schienen selbst nicht zu bemerken, was hinter ihnen geschah. Doch die Aktion sorgte für Kritik genauso wie für Lob, in den sozialen Medien wurde von »einem wirklich starken Moment« gesprochen, das Ensemblemitglied als »mutig« bezeichnet.

Auch in Frankreich wird häufig außerhalb eines politischen Kontexts im öffentlichen Raum die Palästinaflagge gezeigt, während es dabei zu Zwischenfällen kommt. So unter anderem an der Tour de France, als Aktivisten die Flagge schwenkten und Genozid-Rufe skandierten. Oder in Südfrankreich, als letzte Woche gar Gegner der Autobahn A69 mit einer Palästinaflagge gegen den geplanten Bau der Straße protestieren.

Warum sieht man in London, Paris, Berlin und anderswo, vor allem auch an den amerikanischen Universitäten, überall Menschen, vielfach junge Menschen, die mit dieser Flagge Widerstand artikulieren, fernab der überzeugten Unterstützung für das palästinensische Volk? Ist es wirklich die Solidarität mit den Palästinensern, die den Aktivismus vieler motiviert? Oder spielen dabei andere Überzeugungen mit? Die humanitären Anliegen sind augenscheinlich höchstens zweitrangig.

Bei vielen antizionistischen oder antiisraelischen Protesten wird die palästinensische Flagge dazu verwendet, den Widerstand gegen die Existenz oder Politik des Staates Israel und den Zionismus als politische Ideologie zu symbolisieren und letztendlich zu pervertieren. In diesem Zusammenhang spiegelt sie oft nur die ideologische Ausrichtung wider, ehrliche Unterstützung des palästinensischen Volks, das selbstverständlich ein Recht auf Frieden hat, wird dabei komplett außer Acht gelassen. Die palästinensische Flagge entbehrt damit ihrer eigenen Semantik als Symbol für den palästinensischen Nationalismus, das Recht auf Selbstbestimmung und den Widerstand gegen Besatzung.

Diese Flagge verkommt zu einem Symbol historischer Verfälschung und damit zu dem gegen den Kolonialismus. Sie wird von all jenen instrumentalisiert, die davon ausgehen, der Kolonialismus existiere nach wie vor. Es ist das Trugbild vieler Schöngeister, zumal es absurd ist, dass Israel imperiale und koloniale Interessen in den palästinensischen Gebieten verfolgt. Diese Begriffe passen in keiner Weise auf die Realität im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Dass der Krieg in Gaza anderes insinuiert, hat damit zu tun, dass sich die Hamas mit letzter Kraft an ihre Macht krallt und die Geiseln nicht freigeben will.

Durch die nach Belieben bzw. unsystematisch gezeigte palästinensische Flagge wird Israel automatisch zum Feindbild all jener, die am Narrativ eines jüdischen weißen Kolonialisten gegenüber dem ohnmächtigen palästinensischen Volk festhalten. Damit wird eine Form von Antisemitismus artikuliert, die nicht nur mit alten Stereotypen sympathisiert, sondern auch deutlich macht, dass damit der jüdische Staat verhöhnt wird – von den Geiseln oder der Hamas ganz zu schweigen. Sogenannte Progressive, die die Flagge eines (bisher noch nichtexistierenden) Staats hissen, dessen Führer Demokratie verabscheuen, sexuelle Minderheiten verfolgen und Frauen als Bürger zweiter Klasse behandeln, sind heuchlerisch und verfolgen doppelte Standards. Doch für viele ist die palästinensische Flagge zu einem universellen Symbol des Widerstands geworden, ähnlich wie die südafrikanische Flagge, die einst den Kampf gegen die Apartheid symbolisierte.

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Die Behauptung, dass Israel ein Apartheidstaat sei, ist dabei höchst problematisch. Doch Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International haben diesen Vorwurf dezidiert erhoben, die große Masse kultiviert ihn weiter. Israel als Apartheidstaat zu bezeichnen, ist falsch. Denn Israel hat kein ideologisches Ziel, »Nichtjuden« zu unterwerfen. Der Zionismus wird oft als exklusiv-jüdisch beschrieben, doch der israelische Staat ist keinesfalls auf Rassentrennung aufgebaut, wie das von Vertretern des Antikolonialismus zum Teil behhauptet wird. Etwa 21 Prozent der israelischen Bevölkerung sind arabische oder nichtjüdische Israelis, daher Muslime, Drusen oder Christen. Sie haben das Wahlrecht, sitzen im Parlament (Knesset), haben Zugang zu Universitäten, Gesundheitssystemen und öffentlichen Ämtern. Es gibt arabische Richter am Obersten Gerichtshof, arabische Diplomaten und sogar Minister. Doch der Konflikt mit den Palästinensern ist primär territorial und sicherheitsbezogen und kein ethnisch motiviertes Herrschaftssystem wie beim klassischen Apartheidbegriff.

Israel ist nicht frei von Diskriminierung oder Ungleichheit, vor allem im Kontext der Besatzung. Aber das Apartheid-Etikett verkennt die Komplexität von Israels Demokratie, der rechtlichen Strukturen, und der historischen Hintergründe. Damit wird ein juristischer Begriff politisch missbraucht. Ähnlich ist es mit der palästinensischen Flagge. Sie ist an sich ist kein antisemitisches Symbol. Aber ihre Konnotation hängt stark vom Kontext ab: Wer sie zeigt, warum, und mit welchen Aussagen. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde sie explizit als Symbol für Hass gegen Israel und vielfach auch gegen Juden benutzt – das hat den Ruf der Flagge verändert.

Selbst wenn sie dennoch aus Solidarität mit Palästinensern und ohne antisemitische Absicht geschwenkt wird, so wird sie von vielen für judenfeindliche Propaganda instrumentalisiert, die 80 Jahre nach dem Holocaust wieder legitim geworden ist. Die Absicht der Hamas scheint demnach aufgegangen zu sein. Für sie hat sich der 7. Oktober auf der ganzen Linie gelohnt. Und was tut der Westen dabei? Er schwenkt Fahnen.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

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