Meinung

Wahlen in Ostdeutschland: Es gibt keine Zeit zu verlieren

Joshua Schultheis Foto: Charlotte Bolwin

Meinung

Wahlen in Ostdeutschland: Es gibt keine Zeit zu verlieren

In Mecklenburg-Vorpommer und Sachsen-Anhalt wird im September gewählt. Es steht viel auf dem Spiel: Eine AfD-Regierung könnte großen Schaden anrichten. Leidtragende wären nicht zuletzt die jüdischen Gemeinden

von Joshua Schultheis  10.11.2025 22:57 Uhr

Man kann verzweifeln beim Blick auf die aktuellen Umfrageergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. In den ostdeutschen Bundesländern wird im kommenden September gewählt, und in beiden steht die AfD unangefochten auf Platz eins der Wählergunst. Bis zu 40 Prozent wollen, Stand jetzt, ihr Kreuz bei der rechtsextremen Partei machen.

Hinter vorgehaltener Hand sollen Politiker anderer Parteien schon die Hoffnung äußern, dass die AfD eine absolute Mehrheit erringt. Sonst käme man in die Verlegenheit, entweder mit den Rechtsextremen oder mit allen übrigen Parteien zu koalieren – in Sachsen-Anhalt würde das eine Koalition aus CDU, SPD, Linke und BSW bedeuten. Immer öfter hört man im Land den Satz: Dann lasst die AfD halt regieren!

Wie sähe das Schoa-Gedenken mit einem Ministerpräsidenten einer geschichtsrevisionistischen Partei aus?

Doch »einfach« wäre an einer AfD-Regierung wenig. Fünf Jahre, in denen Rechtsextreme an der Macht sind, können in einem Bundesland großen Schaden anrichten. Über den Landeshaushalt hätten sie einen enormen Hebel auf Museen, Bibliotheken und den gesamten Bildungssektor. Es wäre naiv zu glauben, dass die AfD diesen nicht nutzen würde, um ihr reaktionäres Weltbild in diesen und durch diese Institutionen zu propagieren. Zudem könnte die Partei nach und nach ihre Leute auf die wichtigsten Posten in Justiz, Verwaltung, Polizei und Verfassungsschutz setzen.

Leidtragende wären zunächst und vor allem die Minderheiten. Homosexuelle, Muslime, Juden. Gelder für Präventionsmaßnahmen gegen Extremismus und Hilfsangebote für Betroffene von Diskriminierung könnten gestrichen, Orte der Selbstorganisation unter Druck gesetzt werden. Auch die jüdischen Gemeinden haben Grund zur Sorge: Würde ihre Finanzierung durch das Land von einer AfD-Regierung irgendwann an Bedingungen geknüpft? Wie sähe künftig das Schoa-Gedenken mit einem Ministerpräsidenten einer geschichtsrevisionistischen Partei aus?

Lesen Sie auch

Jüdische Repräsentanten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern machen sich zu Recht Sorgen. Aber sie sagen auch: Noch ist es für die demokratischen Parteien nicht zu spät, einen AfD-Wahlsieg zu verhindern – mit guter Politik und einem Angebot, das mehr ist als nur ein Abarbeiten an den Positionen der AfD. Wenn die Juden vor Ort die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, sollte es die Politik schon gar nicht tun. Zehn Monate hat sie noch, das Schlimmste abzuwenden. Es gibt keine Zeit zu verlieren.

schultheis@juedische-allgemeine.de

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Kommentar

Die Welt atmet auf, viele Juden tun es nicht

Weder Hamas noch Hisbollah sind verschwunden. Das iranische Regime sitzt weiterhin in Teheran, mit derselben Ideologie, die den 7. Oktober verursacht hat

von Guy Katz  15.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Meinung

So macht man Stimmung

Die deutsche Berichterstattung über den Krieg zwischen Israel und der Terrormiliz Hisbollah ist unterkomplex und einseitig. Über die wahren Interessen der Libanesen wird dabei hinweggegangen

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Ein Hotel im Bayerischen Wald verschickt eine antisemitische Nachricht an einen Touristen aus Israel. Das könnte eine Gelegenheit sein, Antisemitismus auf dem bayrischen Land zum Thema zu machen. Ein Kommentar

von Leon Stork  09.06.2026

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026