Auf den ersten Blick wirkt die Jewrovision wie eine große Party. Musik, Applaus und kreischende Fans, die nach jedem Show-Act den Saal zum Kochen bringen. Für die Kinder und Jugendlichen ein Highlight ihres Jahres. Wenn nebenbei noch die beste Performance oder das beste Video gewinnt – umso besser. Aber das Ranking ist im Grunde zweitrangig. Im Zentrum stehen jüdische Identität, Zusammenhalt und Stärke. Der Mut, laut und sichtbar zu sein, wird großgeschrieben.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich für viele jüdische Kinder und Jugendliche in Deutschland etwas verändert. Antisemitismus ist sichtbarer und aggressiver geworden. Viele erleben Anfeindungen in der Schule, in sozialen Netzwerken oder auf der Straße. Umso wichtiger sind Orte wie die Jewrovision. Orte, an denen junge Jüdinnen und Juden nicht erklären müssen, wer sie sind. Orte, an denen sie sich sicher fühlen können und vor allem: nicht allein sind.
Alle Kinder sollten einer Zukunft entgegensehen dürfen, die von Sicherheit und Zuversicht geprägt ist.
Was aber zu denken gibt, ist, wie tief sich diese Angst und Unsicherheit in den Köpfen der Kinder festgesetzt hat. Wenn sie in ihren Beiträgen die Geschichte von Ariel Bibas, dem rothaarigen kleinen Jungen, der am 7. Oktober von der Hamas verschleppt und ermordet wurde, erzählen, wenn sie Videos über Hakenkreuze auf dem Familienauto in der Tiefgarage drehen oder wenn sie Zeilen wie »In Israel ein Krieg, in Deutschland Juden leiden« singen, sollte das ein Warnsignal für all jene Politiker und Politikerinnen sein, die so gern routinemäßig das »Nie wieder« bemühen.
Kinder in Deutschland sollten keine Angst haben, auch jüdische nicht. Sie sollten einer Zukunft entgegensehen dürfen, die von Sicherheit und Zuversicht geprägt ist – und nicht von Sorge, Ausgrenzung oder Hass. Selbst wenn hinter den Jewrovision-Beiträgen auch Erwachsene stehen, die mitgeschrieben und -produziert haben, waren es Kinder, die diese Botschaften auf die Bühne getragen haben – mit einer Ehrlichkeit und Wucht, die einem unter die Haut geht.
dreyfus@juedische-allgemeine.de