Kommentar

Unerwünscht, unsicher: Wie sich Israelis heute in Europa fühlen

Alon David Foto: Privat

Israeli zu sein in Europa – das war einmal eine Einladung zum Gespräch. Es bedeutete Interesse, Austausch, oft auch Sympathie. Heute bedeutet es für viele: Gefahr. Wer seine Herkunft offenbart, riskiert Ablehnung, Anfeindung, im schlimmsten Fall Gewalt. Der israelische Pass, ein Wort Hebräisch, ein T-Shirt mit hebräischer Aufschrift: das reicht inzwischen, um zur Zielscheibe zu werden.

Auf Rhodos wurde kürzlich eine Gruppe israelischer Jugendlicher von einem Mob mit Messern durch die Straßen gejagt. Auf der griechischen Insel Syros blockierten Demonstranten ein Kreuzfahrtschiff mit hunderten israelischen Touristen. Es durfte nicht anlegen. In Belgien, beim Tomorrowland-Festival, wurden zwei junge Israelis festgenommen. Der Vorwurf: Sie seien Soldaten einer kriegführenden Armee, mutmaßliche Kriegsverbrecher. Belege? Keine. Ihre Herkunft allein genügte.

Was sich hier abzeichnet, ist keine politische Debatte mehr, sondern eine Form der Kollektivverurteilung. Die Herkunft ersetzt die Tat. Die Identität ersetzt das Argument.

Menschen werden entindividualisiert, auf ein politisches Feindbild reduziert. Die Zivilistin im Sommerkleid wird zur Soldatin. Der Austauschstudent zum Sprachrohr einer Armee. Der bloße Umstand, aus Israel zu kommen, genügt, um kriminalisiert zu werden – in Cafés, an Häfen, auf Festivals. Und das nicht irgendwo, sondern mitten in Europa.

Es reicht ein Name, eine Sprache, eine Geste – schon steht ein Verdacht im Raum. Viele Israelis meiden Europa inzwischen nicht aus Trotz, sondern aus Angst. Das israelische Außenministerium rät mittlerweile, im Ausland möglichst keine hebräische Sprache oder jüdische Symbole zu zeigen. Ein Hinweis, der sich nicht wie Sicherheitsvorsorge anfühlt, sondern wie Selbstverleugnung.

Gleichzeitig betonen europäische Regierungen ihre Solidarität mit Israel. Die griechische ebenso wie die deutsche. Doch was nützen diplomatische Bekenntnisse, wenn am Hafen von Syros hunderte Menschen brüllen, Israelis seien Mörder? Was hilft politische Freundschaft, wenn sich Jugendliche in Rhodos hinter Autos verstecken müssen, um nicht angegriffen zu werden?

Diese doppelte Realität ist nicht zu übersehen: Pro-israelische Rhetorik auf Regierungsebene, offene Feindseligkeit auf den Straßen. Dazwischen stehen Menschen, die vielleicht einfach nur reisen wollten. Die mit der Politik ihres Landes womöglich nichts zu tun haben, sich für Sonne, Kultur oder Gemeinschaft interessieren. Aber sie werden nicht als Gäste gesehen, sondern als Schuldige.

Lesen Sie auch

Das ist keine »Israelkritik«. Das ist kollektive Ausgrenzung. Wenn ein israelischer Student in Amsterdam verprügelt wird, weil er ein Trikot seines Fußballvereins trägt, dann sind wir nicht im Diskurs, dann geht es längst nicht mehr um politische Haltung – sondern um ethnische Zuschreibung. Um alte Muster.

Wenn jüdisches Leben in Europa wieder flüstern muss, wenn israelische Besucher ihre Identität verstecken sollen, dann hallt die Geschichte wie ein Echo durch die Straßen. Denn die Frage ist nicht, ob wir etwas gelernt haben. Die Frage ist, ob wir uns noch erinnern wollen.

Der Autor ist freier Journalist, wuchs in Deutschland auf und lebt seit 2011 in Israel.

Wirtschaft

Israel hofft auf mehr Touristen

Kriege und Konflikte in der Region haben den Israel-Tourismus einbrechen lassen. Nun hofft das staatliche Tourismusbüro auf steigende Nachfrage. Es wertet aktuelle Zahlen als positiven Trend

 13.01.2026

Verkehr

Eine Stadt tritt auf die Bremse

Im Kampf gegen Staus führt Tel Aviv die 30er-Zone fast im gesamten Stadtgebiet ein

von Sabine Brandes  13.01.2026

Ehemalige Geiseln

»Es war ganz und gar unmenschlich«

David Cunio wusste zwei Jahre lang nicht, ob seine Brüder noch leben. In einem Interview erzählt er jetzt ausführlich über den Horror in Gaza

von Sabine Brandes  13.01.2026

Meinung

Die Hamas muss sich entscheiden: Deal or no deal?

Die Terrororganisation hält sich nicht an das Waffenstillstandsabkommen mit Israel und verzögert so dessen Umsetzung. Der Druck auf die Hamas muss nun unbedingt erhöht werden

von Sarah Cohen-Fantl  13.01.2026

Jerusalem

Ehemalige Geisel warnt: Die Hamas gibt nicht auf

»Sie sind regelrecht besessen von uns – das ist der Sinn ihres Lebens«, sagt Eitan Mor

 13.01.2026

Hintergrund

Hamas will angeblich Verwaltung in Gaza abgeben

Die Terrorgruppe signalisiert Bereitschaft zur Übergabe von zivilen Einrichtungen – doch weigert sich nach wie vor, die Waffen niederzulegen

von Sabine Brandes  12.01.2026

Beerscheba

Plünderer vom Nova-Festival zu Haftstrafen verurteilt

Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 gab es viele Beispiele von Mut und Solidarität. Drei Männer dagegen plünderten am Schauplatz des Massakers. Nun gibt es ein Urteil

 12.01.2026

Kommentar

Wir müssen unsere Kinder schützen

In Israel wurde ein 14-jähriger Junge bei Protesten gegen die Wehrpflicht von einem Bus erfasst und getötet. Hier reflektiert ein orthodoxer Rabbiner aus Jerusalem, was sich ändern muss

von Rabbiner Raphael Evers  12.01.2026

Nahost

Rubio telefonierte mit Netanjahu über mögliche US-Intervention

Vor dem Hintergrund der Proteste wächst in Israel die Sorge vor einer regionalen Eskalation

von Sabine Brandes  12.01.2026