Meinung

Neukölln stigmatisiert sich selbst

Stefan Laurin Foto: Roland W. Waniek

Im Oktober 2023, kurz nach den schrecklichen Massakern der Hamas in Israel, teilte Lars Henrik Gass auf Facebook einen Demonstrationsaufruf. Er versah ihn mit dem Kommentar: »Eine halbe Million Menschen sind im März 2022 auf die Straße gegangen, um gegen Russlands Überfall auf die Ukraine zu protestieren. Das war wichtig. Bitte lasst uns jetzt ein mindestens genauso starkes Zeichen setzen. Zeigt der Welt, dass die Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser in der Minderheit sind. Kommt alle! Bitte!«

Gass schlug Hass und Ablehnung entgegen. Fast 2000 echte oder selbsternannte Mitglieder der »International Film Community« forderten den Rauswurf von Gass als Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Auch Heleen Gerritsen, damals Leiterin des GoEast-Festivals in Hessen, unterschrieb den Boykottaufruf. In zwei Wochen fängt Gerritsen einen neuen Job als künstlerische Direktorin der Deutschen Kinemathek in Berlin an.

Doch erst als das Magazin »Capital Beat« bei Mitgliedern des Stiftungsrates nachfragte, ob sie es denn für eine gute Idee hielten, ausgerechnet jemanden zur Leiterin zu machen, die selbst die Absetzung eines Festivalleiters gefordert hatte, weil dieser sich mit Israel solidarisiert und gegen Antisemitismus gestellt hatte, ruderte Gerritsen zurück und distanzierte sich von ihrer Unterschrift.

Gleichzeitig bekräftigte sie aber ihre Motivation von damals: Anlass für ihre Unterschrift sei die »stigmatisierende Aussage ‚Neuköllner Hamas-Freunde und Judenhasser‘ in dem Post von Lars Henrik Gass« gewesen, so Gerritsen.

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Doch was soll an diesem Begriff eigentlich stigmatisierend sein? Wurde nicht noch während die Hamas mordend durch Israel zog, auf dem Hermannplatz das Massaker mit Jubel und Baklava gefeiert? Der taz-Autor Jan Feddersen, der selbst in Neukölln wohnt und seinen Bezirk in dem Buch Meine Sonnenallee. Notizen aus Neukölln beschreibt, erwähnt immer wieder und voller Abscheu die zahlreichen dort stattfindenden Demonstrationen, auf denen sich Antisemitismus offen zeigt. Stigmatisierend ist Feddersens Buch genauso wenig wie Gass‘ Facebook-Post. 

Im Gegenteil: Wer Antisemitismus beim Namen nennt, schafft damit erst die Grundlage, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Weder Gass noch Feddersen stigmatisieren irgendjemand.

Wer dagegen den Mord an Juden feiert, stigmatisiert sich selbst - und verdient weder Solidarität noch Mitgefühl. 

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