Am Ende ist für Hartmann alles zu viel. Die Not, vor allem jedoch der Druck der Erwartungen. Manche Zuschreibungen der anderen sind niederträchtig, manche naiv, manche gut gemeint. Gemeinsam ist allen, dass sie etwas auf ihn, den jüdischen Flüchtling, projizieren. Hartmann ist Der blinde Passagier, den Maria Lazar ins Zentrum ihres Dramas rückt. Die Schriftstellerin kam 1895 als jüngstes von acht Kindern einer jüdischen Wiener Familie zur Welt. Die literarische Bühne betrat sie 1920 mit dem Roman Die Vergiftung.
Danach arbeitete sie als Autorin, Journalistin, Übersetzerin, ab 1930 unter dem Pseudonym Esther Grenen. Erst der nordische Klang brachte die verdiente Beachtung. Doch die schützte ihr Werk nicht vor dem Vergessenwerden. Drei Jahre nach Kriegsende sah Lazar, unheilbar krank, im Suizid den einzigen Ausweg.
Ihre Wiederentdeckung ist maßgeblich Albert C. Eibl zu verdanken, der 2014 in Wien den Verlag »Das vergessene Buch« gründete. Er studierte damals Germanistik und kümmerte sich jenseits der Uni darum, Autorinnen des 20. Jahrhunderts, die aus der Literaturgeschichte gefegt wurden, zurück ins Bewusstsein zu holen. Frauen wie Else Jerusalem, Marta Karlweis oder eben Maria Lazar. Zunächst legte er Die Vergiftung auf; es folgte Die Eingeborenen von Maria Blut. Der Roman, eine exakte Analyse des erstarkenden Nationalsozialismus, ist zu Lazars Lebzeiten nie in Druck gegangen.
Das Drama entstand 1938/39 im dänischen Exil
Drei Texte hat die Schriftstellerin für die Bühne geschrieben: Die vergessenen Theaterstücke sind 2024 erschienen. Am Münchner Volkstheater hat nun der Regisseur Adrian Figueroa Der blinde Passagier inszeniert – es ist eine der besten Produktionen, die in dieser Spielzeit am Haus Premiere hatten.
Das Drama entstand 1938/39 im dänischen Exil. Lazar schafft hier eine Laborsituation, um nach der Verantwortung des Individuums und einer Gesellschaft angesichts von Unrecht zu fragen: 1938 liegt ein dänisches Paketboot in einem deutschen Hafen. An Bord sind der Kapitän, seine Kinder Carl und Nina sowie der Steuermann. Unbemerkt von den anderen hat Carl dem Juden Hartmann die Hand gereicht und ihn aus dem Meer gezogen. Mit Hunden gehetzt vom Mob, suchte der Mann seine Rettung im Sprung ins Wasser.
Klar, dass er nicht lange unentdeckt bleibt. Und klar auch, dass es zum Streit kommt. Darf man Recht brechen, wenn anderen Unrecht geschieht? Ist es klug, da man sich vielleicht selbst in Gefahr bringt? Was geht einen überhaupt das Schicksal des anderen an? Ist es angesichts der Weltlage nicht besser, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu sagen – und damit: nichts zu tun?
»Was haben Sie denn verbrochen?«, wird Hartmann gefragt. »Ich habe mich in die Welt setzen lassen«, lautet seine Antwort lapidar. »Von jüdischen Eltern.«
Ein Text der Stunde, weil sich in ihm viel Gegenwärtiges spiegelt
Ein Text der Stunde also, weil sich in ihm viel Gegenwärtiges spiegelt. Bei Lazar prallt all das auf den wenigen Quadratmetern an Bord aufeinander. Die Autorin seziert die Motive ihrer Figuren mit ihrer klaren, doch poetischen Sprache, an der kein Gramm zu viel ist. Adrian Figueroa richtete ihr Stück als düsteren Thriller ein, der sich unerbittlich in klaustrophobischer Enge entwickelt.
Das Paketboot, das Irina Schicketanz auf die Bühne des Volkstheaters gebaut hat, dreht sich im Kreis wie die Debatten der Besatzung. Dichter Nebel verhindert zudem jede Klarsicht.
Hartmann, der aus der See gefischte Jude, ist bei Schauspieler Silas Breiding die Figur mit dem größten Durchblick. »Ihr Vater hat es wohl bemerkt«, sagt er zu Carl. »Da ist kein Mensch auf sein Schiff gekommen, sondern ein Schicksal. Und dieses Schicksal lastet auf euch allen.«
Eine Feststellung, die den Schutzsuchenden zerbrechen lässt. Doch nicht nur ihn: Am Ende strudelt das Boot hinab in die Unterbühne. Wo Menschlichkeit zur Verhandlungssache wird, droht der Untergang.
Weitere Aufführungen am 3., 4. und 17. Juli