Regelmäßig im Fitnessstudio schwitzen oder jeden Tag Tausende von Schritten zählen: Viele Menschen hoffen, dass dadurch die Zahl auf der Waage kleiner wird. Doch trotz anstrengender Übungen und eines aktiven Lebensstils ist das oft nicht der Fall. Eine neue internationale Studie unter Leitung von Forschern der Universität Tel Aviv liefert jetzt wissenschaftliche – und auch überraschende – Erklärungen für das Phänomen.
Das Team um den Adipositas-Forscher Tzachi Knaan von der School of Public Health der Universität Tel Aviv fand heraus, dass der menschliche Körper auf verstärkte körperliche Aktivität mit ganz besonderen Mechanismen der Anpassung reagiert. Er wird effizienter, verbraucht an anderer Stelle weniger Energie und gleicht damit Teile der extra verbrannten Kalorien wieder aus. »Der menschliche Körper ist unglaublich ausgeklügelt«, erläutert der Leiter der Studie, Tzachi Knaan. »Er weiß genau, wie er sich anpassen muss, um ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.«
Überwachtes Gehtraining innerhalb von zwölf Wochen
Für die Untersuchung wurden erwachsene Männer und Frauen mit Übergewicht beobachtet, die zwölf Wochen lang vier- bis fünfmal pro Woche an einem überwachten Gehtraining teilnahmen. Währenddessen dokumentierte das Forscherteam, zu dem auch Wissenschaftler der University of Colorado gehörten, mit modernen Messverfahren Energieverbrauch, Nahrungsaufnahme und Veränderungen der Körperzusammensetzung. Die Ergebnisse aus Israel liefern erstmals einen möglichen biologischen Mechanismus für dieses Phänomen – und könnten unser Verständnis von Gewichtsverlust grundlegend verändern.
Denn was bei der Studie herauskam, überraschte sogar die Wissenschaftler: Obwohl die Teilnehmer jede Woche Hunderte zusätzliche Kalorien verbrannten und ihre Fitness verbesserten, verloren sie so gut wie kein Gewicht. »Wir konnten zwar eindeutige Verbesserungen der Fitness beobachten, denn die Teilnehmer reduzierten ihren Körperfettanteil und bauten gleichzeitig Muskelmasse auf«, erklärt Knaan. Das Körpergewicht indes sei weitgehend unverändert geblieben.
Auf den ersten Blick scheint dies paradox, denn wer mehr Kalorien verbrennt, als er zu sich nimmt, sollte ja eigentlich abnehmen. Genau dieses einfache Rechenmodell ist seit Jahrzehnten die Basis für Empfehlungen rund um Diäten und Gewichtsabnahme. Die neue Studie zeigt jedoch, dass die Rechnung deutlich komplizierter ist.
Auf den ersten Blick scheint dies paradox, denn wer mehr Kalorien verbrennt, als er zu sich nimmt, sollte ja eigentlich abnehmen.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass der Organismus auf die zusätzliche Belastung durch die Bewegung reagiert, indem er an anderer Stelle Energie einspart. Dadurch sank bei den Teilnehmern der sogenannte Ruhe-Umsatz. Das ist die Energiemenge, die der Körper auch dann verbraucht, wenn sich ein Mensch nicht bewegt. Gleichzeitig wurden die Probanden im Alltag effizienter und brauchten deshalb für dieselben Bewegungen weniger Energie als vor Beginn ihres Trainings. »Der Körper kompensiert regelrecht die zusätzliche Aktivität«, so Knaan.
Im Verlauf der Studie verringerte sich das Volumen von Organen
Besonders verblüffte eine weitere Entdeckung die Wissenschaftler: Im Verlauf der Studie verringerte sich das Volumen von Organen. Leber und Nieren der Teilnehmer schrumpften um ungefähr fünf Prozent. Im menschlichen Körper gehören diese Organe zu den größten Energieverbrauchern. Das Gehirn allerdings blieb unverändert. Knaan fasst zusammen: »Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Organismus die inneren Energiekosten reduziert, um die zusätzlichen Anforderungen durch körperliche Aktivität auszugleichen.«
Nach Überzeugung des Forschungsteams handelt es sich bei den Studienergebnissen um den ersten direkten Nachweis dieses Mechanismus. Die Verkleinerung energieintensiver Organe könnte erklären, warum der tatsächliche Kalorienverbrauch häufig geringer ausfällt als theoretisch erwartet.
Eine verbreitete Erklärung für ausbleibende Erfolge beim Abnehmen lautet, Menschen würden nach dem Training einfach mehr essen. Das aber konnten die Wissenschaftler nicht bestätigen. Während der Studie ließ sich kein signifikanter Anstieg der Kalorienaufnahme feststellen. »Vielmehr handelt es sich um physiologische und metabolische Anpassungen des Körpers«, so Knaan.
Weder mangelnde Disziplin noch fehlende Willenskraft
Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf das Thema Gewichtsverlust grundlegend. Denn es sind weder mangelnde Disziplin noch fehlende Willenskraft, die den ausbleibenden Erfolg vieler Sportprogramme erklären. Vielmehr scheint sich der Körper aktiv gegen den zusätzlichen Energieverbrauch zu wehren.
Für Yftach Gepner vom Sylvan Adams Sports Institute reichen die Wurzeln dieses Mechanismus weit in die Menschheitsgeschichte zurück. »Unsere Studie eröffnet ein Fenster zu einem evolutionär verankerten Mechanismus der Energiekompensation«, sagt er. In Zeiten knapper Nahrung mussten Jäger und Sammler oft weite Strecken zurücklegen. Um genügend Energiereserven zu behalten, reduzierte der Körper offenbar den Verbrauch an anderer Stelle. Was einst dem Überleben diente, steht dem modernen Menschen bei den Bemühungen, durch Sport abzunehmen, im Weg.
Die Forscher stellten allerdings klar, dass ihre Ergebnisse keineswegs gegen körperliche Aktivität sprechen. »Körperliche Aktivität ist ein unverzichtbarer Bestandteil eines gesunden Lebensstils«, betont Knaan noch einmal. »Sie verbessert die Fitness, zahlreiche Gesundheitsparameter und reduziert Körperfett.« Aber: »Wer deutlich an Gewicht verlieren möchte, sollte sich nicht allein auf Bewegung verlassen.«