Kommentar

Hamas plante schon 2021 den »Tag danach«

Die Massaker des 7. Oktober 2023 waren von langer Hand geplant. Sie sind das Ergebnis einer strategischen Vision, die die Hamas für die Regierung eines »befreiten Palästinas« bereits zwei Jahre vor ihrem Angriff auf Südisrael entworfen hatte. An einer Konferenz, die im September 2021 in Gaza abgehalten wurde, wurde der konkrete Plan des Untergangs Israels sehr deutlich skizziert.

Die Hamas und andere palästinensische Gruppierungen diskutierten damals die Vorbereitungen für die künftige Verwaltung des Staates Palästina, der das gesamte Gebiet »vom Fluss bis zum Meer« einschließlich des Staates Israel umfassen soll. Die Schlussfolgerungen der Konferenz mit dem Titel »Das Versprechen des Jenseits – Palästina nach der Befreiung« wurden bereits im Oktober 2021 in einem Bericht vom Middle East Media Research Institute (MEMRI) veröffentlicht.

Aus dem Bericht geht hervor, dass notwendige Schritte zur Gründung des neuen Staates unternehmen werden sollen, darunter den Umgang mit den Juden und die Ausmerzung von Informanten, um »Palästina und die arabische und islamische Heimat von dem heuchlerischen Abschaum zu säubern, der Korruption im Land verbreitete«. Die Teilnehmer waren sich einig, dass unmittelbar nach der »Befreiung« eine palästinensische Unabhängigkeitserklärung verfasst werden müsse.

Anschließend wäre eine Erklärung an die UN ergangen, in der kundgetan worden wäre, dass der Staat Palästina die Nachfolge des »Besatzungsstaates« (gemeint ist Israel) angetreten habe und die Rechte erben würde, die Israel zuvor bei den UN auf Grundlage des Wiener Übereinkommens über die Staatennachfolge zugestanden worden waren – einschließlich der Abkommen über bestehende Land- und Seegrenzen mit Nachbarstaaten.

Jüdische Kämpfer werden getötet, jüdische Wissenschaftler müssen erstmal bleiben

Die jüdische Bevölkerung des neu gegründeten Staates Palästina würde entsprechend ihrem Status behandelt: Kämpfer würden getötet; Fluchtversuche könnten entweder gestattet oder Flüchtlinge für ihre »Verbrechen« festgenommen und strafrechtlich verfolgt werden; und diejenigen, die sich ergeben würden, könnten entweder in den neuen Staat integriert oder ihnen eine Frist zur Ausreise gewährt werden.

Die Macher des Plans für den Tag danach wollten zudem die Abwanderung von Fachkräften vermeiden. Daher sollte eine besondere Behandlung »gebildeten Juden und Experten auf den Gebieten der Medizin, des Ingenieurwesens, der Technologie sowie der zivilen und militärischen Industrie« zuteilwerden. Jüdische Wissenschaftler sollten für einige Zeit im Land bleiben, damit sie nicht das Wissen mitnehmen würden, das sie »während ihres Lebens in unserem Land und beim Genuss seiner Gaben« erworben hatten.

»Volkskomitee« soll Ressourcen bewachen

Der nächste Schritt, so das Dokument, wäre die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge durch die Einrichtung temporärer Aufnahmezentren nahe den Grenzen zu den Aufnahmeländern Libanon, Syrien und Jordanien. Für sie würde ein »Rückkehrgesetz« gelten, und sie würden Personalausweise erhalten, heißt es in der Erklärung. Die internationale Gemeinschaft und wohlhabende Palästinenser sollten den Repatriierungs- und Integrationsprozess unterstützen.

Der neue Staat sollte eine eigene Währung herausgeben, den neuen palästinensischen Dschunayh. Es ist auch die heutige arabische Bezeichnung für das Ägyptische Pfund. »Es sollte bereits jetzt im Inland eingeführt werden, damit sich die Menschen daran gewöhnen«, riet die Erklärung.

Zum Schutz des neuen Staates forderte das Dokument die Einrichtung von »Volkskomitees« aus ausgebildeten Männern und Frauen, um »die Ressourcen des Landes zu schützen und zu überwachen«, da »palästinensische Kämpfer zu beschäftigt sein werden«. Es ist unklar, um welche Ressourcen es sich handelt.

Israels Regierung hat die Radikalität der Hamas unterschätzt

Der MEMRI-Bericht stellte ferner fest, dass ein Mitglied des Hamas-Politbüros eine Rede Yahya Sinwars auf der Konferenz wiedergab, in der er die Notwendigkeit betonte, sich auf den Tag nach der »Befreiung« vorzubereiten.

Heute ist offensichtlich, dass die Konferenz nicht nur eine rhetorische Übung war, sondern die präzise Absicht der Terrorgruppen im Gazastreifen, Israel zu zerstören. Das war nicht nur das erklärte Ziel des Angriffs vom 7. Oktober, bei dem rund 1.200 Menschen brutal massakriert und 253 nach Gaza verschleppt wurden. Es stand die minutiöse Planung dahinter, mit Blick auf eine konkrete »Befreiung« Palästinas.

Dabei hielt Israel Yahya Sinwar für einen Pragmatiker. Zudem dachte man, die Hamas sei als Streitmacht zu klein, um Israel wirklich ernsthaft zu attackieren. Genau das war das Kalkül von Sinwar: Offenbar stand die Idee dahinter, eine geeignete Streitmacht aufzubauen, ohne Israel zu alarmieren.

Der israelische Geheimdienst beobachtete das langsame Wachstum der Hamas-Streitkräfte, sah offensichtlich keine Notwendigkeit für einen Präventivschlag, der seinen arabischen Einigungsprozess möglicherweise gefährden oder die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten belasten würde.

Geheimdienste ignorierten Warnsignale

Wie der MEMRI-Bericht heute beweist, waren diese Absichten der Terrorgruppierungen schon sehr früh bekannt. Nicht nur die israelischen Geheimdienste Shin Bet, Mossad und Aman davon. Es wurde auch in israelischen Medien über diese Konferenz berichtet. Trotzdem nahm man die Warnsignale in Israel nicht ernst. Man ließ sich auf Regierungsebene von innenpolitischen Problemen ablenken und von der Idee blenden, die Hamas, die nichts zu überleben hatte, wäre nicht fähig, Israel zu lähmen.

Was Israel offenbar nicht verstanden hatte, war, dass es bei dem geplanten Angriff nicht nur darum ging, Israel zu besiegen, sondern Israels inhärente Verwundbarkeit zu demonstrieren und vor allem einen dauerhaften Prozess auszulösen, der Israel zerstören könnte.

Der herabgesetzte Shin-Bet-Chef Ronen Bar räumte jüngst völliges Versagen der israelischen Armee beim Hamas-Angriff ein. Hätte der Shin Bet anders gehandelt, hätte das Massaker verhindert werden können. So seine Worte bei der Vorstellung des Untersuchungsberichts, noch bevor Benjamin Netanjahu ihn entlassen hatte.

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Dem Untersuchungsbericht zufolge hatte der israelische Geheimdienst einige Hinweise auf ungewöhnliche Aktivitäten der Hamas. Diese Warnsignale wurden jedoch als Routine oder als Täuschung interpretiert. Israels Sicherheitsapparat ging davon aus, dass die Hamas nicht an einem großangelegten Angriff interessiert sei, da sie wirtschaftlich und politisch geschwächt schien

Der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 war nicht Israels erster Geheimdienstfehler. Doch die meisten Fehler lagen bisher weit unter der Grenze der Unerträglichkeit – und 7. Oktober war ein unerträglicher Fehler. Und der Westen schaute dabei zu.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

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