Meinung

Gut oder schlecht für die Juden?

Philipp Peyman Engel, Chef vom Dienst bei der Jüdischen Allgemeinen Foto: Marco Limberg

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Gut oder schlecht für die Juden?

Die Welt ist im Umbruch begriffen. Ein Kommentar zum Leitthema des Jugendkongresses

von Philipp Peyman Engel  17.03.2019 09:26 Uhr

Grund zum Feiern gibt es dieses Jahr genug. Denn im November wird sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal jähren. Der Zusammenbruch der DDR und die anschließende Wiedervereinigung markieren aber nicht nur in der bundesrepublikanischen Geschichte eine Zäsur. Auch für uns als Juden bedeutet dieses Datum eine Zeitenwende – schließlich setzte unmittelbar danach die jüdische Zuwanderung aus der gleichfalls kollabierenden Sowjetunion ein. Die Zahl der Juden in Deutschland wuchs sprunghaft an; von gerade einmal 30.000 Ende der 80er-Jahre auf heute rund 200.000.

Doch noch etwas anderes, ebenso Wichtiges hatte dieser Umbruch zur Folge: Das jahrzehntelang aufrecht erhaltene Bild, dass Juden in Deutschland auf »gepackten Koffern« sitzen, wurde obsolet. Die politischen Ereignisse führten zu einer grundlegenden sozialen und kulturellen Neugestaltung unserer Gemeinschaft, was auch nicht ohne Folgen für das jüdische Verhältnis zu Deutschland generell blieb.

Kurzum: Es waren Veränderungen, die sich so die wenigsten damals hätten vorstellen können. Die alte Frage, »Ist es gut oder schlecht für die Juden?«, die sich damals viele von uns stellten, kann also im Nachhinein eindeutig mit »gut« beantwortet werden.

Die Vorstellung, wir würden nach wie vor auf »gepackten Koffern« sitzen, ist mittlerweile obsolet.

WIDERSPRÜCHE Aber das Pendel der Geschichte schwingt nicht nur in eine Richtung, sondern kann sich manchmal auch ziemlich unberechenbar verhalten. Diese Erfahrung musste der prominente amerikanische Politologe Francis Fukuyama machen. Als er im Frühjahr 1992 seinen berühmten Essay »Vom Ende der Geschichte« veröffentlichte, deutete Vieles darauf hin, dass die Welt nun in ein Stadium eingetreten war, in dem es keinerlei große ideologische Widersprüche mehr gab.

Fukuyamas These: Totalitäre Systeme wie der Kommunismus oder der Faschismus hätten sich als politische Alternativen gründlich diskreditiert, weil sie vor allem wirtschaftlich stets in der Sackgasse gelandet waren. Übrig bleibe deswegen allein die liberale Demokratie und ihr individuelles Freiheitsversprechen, das sich nun als Wertesystem sukzessive in der ganzen Welt durchsetzen würden. Heute, rund 30 Jahre später, wissen wir, dass die These falscher nicht hätte sein können.

Auch bei Trump und seinem disruptiven Stil stellt sich die Frage: Ist es gut oder schlecht für die Juden?

Zum einen hatte Fukuyama die Mobilisierungspotenziale von Religion und Nationalismus deutlich unterschätzt. Zum anderen ist mit China ein Akteur auf die Bühne getreten, dessen autoritäres Regierungssystem für viele andere Staaten aufgrund seines wirtschaftlichen Erfolgs als nachahmenswert gilt. Herrschaft ohne demokratische Kontrolle klingt für manche einfach zu verlockend, vor allem dann, wenn sich das alles mit dem Versprechen auf Wohlstand und Konsumglück irgendwie unter einen Hut bringen lässt.

TRUMP Selbst die Vereinigten Staaten, das historische Epizentrum von Freiheit und Demokratie, sind vor diesen Entwicklungen nicht ganz gefeit, wie der Regierungsstil von Präsident Donald Trump beinahe täglich vorführt. Seine Verachtung gegenüber den Medien, immerhin eine der Säulen einer Demokratie, nimmt mitunter groteske Züge an. Und weil das Land zugleich die Heimat der größten jüdischen Gemeinschaft außerhalb Israels ist, stellt sich sofort wieder die berühmte Frage: »Ist es gut oder schlecht für die Juden?«

Außenpolitisch betreibt Trump jedenfalls Disruption in Serie, was auf den ersten Blick gerade dem jüdischen Staat entgegenkommt. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels sowie der Umzug der amerikanischen Botschaft sind dafür Indizien. Doch niemand weiß, ob Israel nicht doch eines Tages einen hohen Preis für diese Politik der eher symbolischen Gesten zahlen wird.

Parteien wie die AfD können selbstverständlich niemals »koscher« sein!

Wie werden zum Beispiel die Konzessionen aussehen, die Trump in seinem Nahostfriedensplan, dessen Details niemand genau kennt, womöglich von Jerusalem einfordern wird? Deswegen bleibt die Antwort auf die Frage »Ist es gut oder schlecht für die Juden?« noch offen, weil der Umbruch noch im vollen Gang ist und niemand vorhersehen kann, was an dessen Ende stehen wird.

Bewegungen, die wenig für die liberale Demokratie übrighaben, sind dafür bekannt, pluralistische Gesellschaften abzulehnen oder ihnen sogar den Kampf anzusagen. Das gilt in Europa für rechtspopulistische Parteien wie die AfD genauso wie für die Propagandisten eines politischen Islams. Und genau deshalb sollten wir uns als Juden heute über Eines Gedanken machen: Stehen wir angesichts des Umbruchs in der Welt womöglich erneut vor tiefgreifenden Änderungen, deren Dimensionen wir noch gar nicht wirklich erkannt haben?

»VOGELSCHISS« Nur eines weiß man schon jetzt mit Sicherheit: Selbstverständlich können Parteien wie die AfD niemals »koscher« sein. Die Schoa sei bloß ein »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte; es müsse endlich mal Schluss sein mit dem »Schuldkult«; das Schächten müsse verboten werden; die Beschneidung sei kriminell; für die Rechtspopulisten in Deutschland oder anderswo gehören solche Aussagen und Forderungen zum Standard, um ihre Vorstellungen von einer ethnisch möglichst homogenen Gesellschaft ohne Widersprüche in die Tat umsetzen zu können. Für uns dagegen ist es ein Angriff auf Grundsätzliches unserer Identität – und somit auch ein Angriff auf die Demokratie.

Die Antwort ist: energisch und entschieden gegen all jene aufstehen, die unsere Offene Gesellschaft in den Abgrund führen wollen.

Um auf die alte Frage zurückzukommen, »ob das alles gut oder schlecht für uns Juden ist, was da gerade passiert«, kann man im Fall des Erstarkens von hetzerischen rechtspopulistischen Parteien nur mit einem klaren »schlecht« antworten. Zugleich sollten wir angesichts dessen nicht in Pessimismus verfallen, sondern weiterhin energisch und entschieden gegen all jene aufstehen, die unsere Offene Gesellschaft mit längst überwunden geglaubten Forderungen in den Abgrund führen wollen.

engel@juedische-allgemeine.de

Der Text ist dem Begleitheft der ZWST zum Jugendkongress 2019 entnommen.

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