Essay

Eva Erben: Was es bedeutet, Israeli zu sein

Eva Erben Foto: imago/Müller-Stauffenberg

In den meisten westlichen Medien wird Israel meist nur im Zusammenhang mit Konflikten und Politik thematisiert. Das Land und seine Menschen, ihre Ängste und Hoffnungen, werden oft missverstanden. Was also bedeutet es, Israeli zu sein? Ich will versuchen, es zu erklären.

Israeli zu sein bedeutet, Geschichte nicht als Erzählung, sondern als lebendige Erinnerung in sich zu tragen. Es ist das Wissen, dass das jüdische Volk jahrhundertelang verfolgt, vertrieben und ermordet wurde. Nicht wegen seiner Taten, sondern einfach, weil wir Juden waren.

Es bedeutet, einmal im Jahr still zu stehen und der sechs Millionen Juden zu gedenken, die in Europa im Zweiten Weltkrieg systematisch ausgerottet wurden. Viele dieser Menschen - meine Eltern waren auch unter ihnen - glaubten, ein vollwertiger Teil ihrer Gesellschaften zu sein. Als sie merkten, dass das nicht der Fall war, war es für viele zu spät.

Israeli zu sein bedeutet zu verstehen, dass »Nie wieder« kein leerer Slogan ist, sondern eine Verantwortung, die jetzt und allezeit gilt und übernommen werden muss.

Es bedeutet, an dem einzigen Ort der Welt zu leben, an dem Juden keine Gäste sind, keine geduldete Minderheit, sondern ein Volk, das genau hier zu Hause ist. Ja, Israel ist ein kleines Land. Aber es trägt eine zivilisatorische Kontinuität in sich, die mindestens 3000 Jahre zurückreicht. Diese Kontinuität zeigt sich in der Geschichte, in der Kultur und dem riesigen archäologischen Erbe, das hier zu finden ist.

Israeli zu sein bedeutet zu wissen, dass die Verbindung zu diesem Land keine Erfindung der Neuzeit, sondern uralt ist. Lange, bevor sich die modernen Nationalstaaten herausbildeten und die Grenzen in Europa gezogen und verschoben wurde, war das jüdische Volk schon in Israel ansässig. Es baute, es glaubte und es formte eine Zivilisation, die bis heute Bestand hat.

Israeli zu sein bedeutet daher, nach Jahrhunderten des Exils an diesen einzigartigen Ort zurückzukehren und ihn immer wieder neu aufzubauen. Nicht als Kolonie, sondern als Heimat.

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Es bedeutet leider auch, zum Geheul der Sirenen aus dem Schlaf geschreckt zu werden, in Schutzräume zu rennen. Es bedeutet zu wissen, dass Städte und Dörfer angegriffen und Zivilisten ins Visier genommen werden. Mit anderen Worten: dass ohne Vorwarnung großes Unheil hereinbrechen kann. Die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 sind für Israelis mehr als eine Schlagzeile. Sie sind eine offene Wunde.

Israeli zu sein bedeutet, von Feinden umringt zu sein, die sich nicht einfach nur gegen eine bestimmte Politik oder Grenzziehungen stellen, sondern offen verkünden, dass sie die Zerstörung deines Staates, ja die Auslöschung deines Volkes anstreben. Da geht es nicht um Meinungsverschiedenheiten, sondern um reale Bedrohungen. Israeli zu sein bedeutet, diese Drohungen zu hören und ihnen Glauben zu schenken, auch wenn sie unglaublich klingen.

Die Geschichte hat uns Juden gelehrt, welchen Preis es hat, wenn man Drohungen ignoriert. Sie hat uns gezeigt, was geschieht, wenn die Welt sie wegdiskutiert, bagatellisiert oder trotz erklärter und ausgeübter Gewalt nur zur Zurückhaltung mahnt.

Israeli zu sein bedeutet auch, eine Grenze zu ziehen: Es gibt Momente, in denen moralische Klarheit gefragt ist. Und nein, nicht jeder Konflikt ist symmetrisch. Nicht jede Seite setzt sich gleichermaßen für das Leben ein. Es gibt jene, die aufbauen, schaffen, innovativ sind, eine gute Zukunft anstreben. Und auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die den Tod verherrlichen, Zivilisten ins Visier nehmen und die Idee dem friedlichen Zusammenleben ablehnen.

Israeli zu sein bedeutet, das Leben gegenüber jenen zu verteidigen, die die Zerstörung des Lebens feiern. Es bedeutet zu handeln und nicht nur zu reden. Nicht, weil Krieg gewünscht wäre, wie oft unterstellt wird. Sondern weil Untätigkeit Konsequenzen hat. Die Geschichte hat uns das schmerzlich deutlich gemacht.

Israeli zu sein bedeutet auch, nach außen zu blicken und ein tiefes Gefühl der Dissonanz zu verspüren. Es bedeutet zu sehen, wie in Teilen der westlichen Welt Gruppen Unterstützung oder Sympathie entgegengebracht wird, deren Werte in direktem Widerspruch zu Freiheit, Gleichheit und Menschenrechten stehen. Und zu beobachten, wie Menschen, die sich für liberale Ideale einsetzen, diejenigen übersehen oder entschuldigen, die genau diese Ideale leugnen, Hauptsache, es geht gegen Israel.

Israeli zu sein bedeutet zu fragen: Wie kann dieser Widerspruch bestehen? Wie kann es sein, trotz alledem, dass Israelis das Leben so lieben?

Israeli zu sein bedeutet, Cafés, Strände und Straßen mit Musik, mit Gesprächen und mit unbändiger Energie zu füllen. Es bedeutet, Unternehmen aufzubauen, Technologien zu entwickeln und zu einer Welt beizutragen, die größer ist als die Konflikte, die in ihr gerade toben.

Israeli zu sein bedeutet, aufrichtig und von ganzem Herzen den Frieden zu wollen. Nicht als hohlen Slogan, sondern in der Realität. Es bedeutet daher auch zu verstehen, dass es Frieden ohne Anerkennung nicht geben kann und die Basis für das Zusammenleben die Akzeptanz des Existenzrechts ist – auf beiden Seiten.

Israeli zu sein bedeutet, Hoffnung zu haben auf eine Zukunft, in der Konflikte nicht mehr das bestimmende Merkmal des Lebens sind, und gleichzeitig die Entschlossenheit zu haben, dass man, bis diese Zukunft dereinst Realität ist, sein Volk, seine Heimat und sein Recht, hier zu leben, verteidigen muss.

Israeli zu sein bedeutet, etwas Einfaches, aber sehr Fundamentales zu fordern: Sicherheit, Würde und Frieden.

Darauf zu bestehen – ohne sich dafür entschuldigen zu müssen – ist nicht verhandelbar ist. Denn für Israelis ist die Rede vom Existenzrecht keine graue Theorie. Es ist jeden Tag Realität.

Eva Erben (95) lebt seit 1948 in Israel.

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