Philipp Peyman Engel

Deutsche Welle: Ein Sender duckt sich weg

Philipp Peyman Engel, Chef vom Dienst bei der Jüdischen Allgemeinen Foto: Marco Limberg

Philipp Peyman Engel

Deutsche Welle: Ein Sender duckt sich weg

Verantwortliche für das antisemitische Desaster werden im Bericht der internen Prüfung nicht genannt

von Philipp Peyman Engel  21.12.2021 14:11 Uhr

Unter Journalisten gilt der Intendant der Deutschen Welle (DW), Peter Limbourg, als ein Kollege, für den das Eintreten gegen Antisemitismus und Israelhass nicht bloß ein wohlfeiles Lippenbekenntnis, sondern ein wirkliches Anliegen ist. Gleichwohl taumelt der jährlich mit Steuergeldern in Höhe von 380 Millionen Euro geförderte Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland seit Wochen von einem Antisemitismusskandal zum nächsten.

Die Ausmaße sind, man kann es nicht anders bezeichnen, schockierend. Mal äußern sich zahlreiche Mitarbeiter der Arabisch-Redaktion sowie freie Mitarbeitende der DW im Ausland offen juden- und israelfeindlich. Ein anderes Mal bezeichnet eine arabischstämmige Mitarbeiterin des Senders Israel als »Krebs«, der herausgeschnitten werden müsse. Etliche Partnersender der Deutschen Welle im arabischen Raum machen mit ähnlichen Aussagen von sich reden, etwa dass der »Zionismus ein Fleck auf der Stirn der Menschheit« sei, »der aus der Existenz verschwinden muss«.

Die Liste dieser und weiterer Vorwürfe füllen mittlerweile ganze Zeitungsspalten. Limbourg selbst bekennt, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass künftig noch weitere Vorfälle bekannt werden.

FAZIT Um einen Überblick über die Vorwürfe zu erhalten und endlich der Lage Herr zu werden, hatte die DW jüngst eine interne Prüfung in die Wege geleitet. Diese hat nun Ende vergangener Woche ihre Zwischenergebnisse vorgestellt. Das Fazit der Aufklärung: Alles halb so wild. Verantwortliche für das antisemitische Desaster bei dem Sender werden nicht genannt. Strukturell habe es ebenfalls keine Fehler gegeben.

Guter Ruf hin oder her: Entweder hat Peter Limbourg die Antisemitismusskandale in seinem Sender nicht gesehen oder nicht sehen wollen.

Dabei hatte Intendant Limbourg selbst noch im Interview mit dieser Zeitung vergangene Woche in markigen Worten angekündigt, ab sofort hart durchzugreifen. »Antisemitismus hat bei uns keinen Platz«, sagt er. Offenbar ja doch. Seit Jahren schon. Und zwar massenhaft.

Das Ergebnis der Kommission ist enttäuschend. Irgendetwas muss bei dem Sender in der Vergangenheit ja offenkundig gehörig schiefgelaufen sein. Die unübersichtlichen Strukturen, die Auswahl der Mitarbeiter, die vielen Partnerschaften mit Auslandssendern, die die DW der besseren Reichweite wegen eingegangen ist: Von all dem ist in den Teilergebnissen der Kommission keine Rede.

UMKEHR Schon gar nicht wird darin erwähnt, dass sich zu den nun ans Licht der Öffentlichkeit gelangten Eklats auch in der deutschen DW-Berichterstattung nur allzuhäufig eine klar tendenziöse Berichterstattung über den jüdischen Staat gesellt, die mit journalistischen Standards nicht mehr viel zu tun hat. Aus israelischen Opfer werden Täter. Aus der Notwehr Israels Angriffe. Aus dem Angriffskrieg der arabischen Staaten direkt nach der Staatsgründung Israels ein angeblicher »Aufstand«.

Sind Partnerschaften mit massiv judenfeindlichen und Terror verherrlichenden arabischen Sendern im Sinne des DW-Auftrags?

Zur Verteidigung des Bonner Senders, der eigentlich für Qualitätsjournalismus steht, sei gesagt: Ja, zum Programmauftrag der Deutschen Welle gehört es, für die Werte der Freiheit und der Demokratie insbesondere auch dort zu werben, in denen es ebendaran eklatant mangelt. Und ja, Erfolge in diesem Zusammenhang können nur mit Andersdenkenden erzielt werden, und nicht mit Staaten, die schon demokratisch sind. Dafür aber in Kauf zu nehmen, Partnerschaften mit massiv judenfeindlichen und Terror verherrlichenden arabischen Sendern einzugehen, wäre ein fataler Deal - für einen öffentlich-rechtlich organisierten Sender, der für die Werte der Bundesrepublik stehen soll, erst recht.

FATAL Guter Ruf hin oder her: Entweder hat Peter Limbourg die Antisemitismusskandale in seinem Sender nicht gesehen oder nicht sehen wollen (und also toleriert). Das eine wäre so schlimm wie das andere.

Drängendste Aufgabe von Limbourg muss es nun sein, israelbezogenen Antisemitismus und Judenhass bei seinen Mitarbeitern zu ächten und sich von allen Partnersendern zu trennen, die nicht willens sind, die DW-Bedingungen künftig zu erfüllen. Scheitert Limbourg an dieser Aufgabe, wäre auch er als Intendant spätestens dann gescheitert.

engel@juedische-allgemeine.de

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich als solche benannt werden – auch weil Muslime zu den ersten Opfern der Terroristen gehören

von Ali Ertan Toprak  28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026