Glosse

Der Klinkenputzer der Islamisten

Jürgen Todenhöfer Foto: picture alliance / NurPhoto

Mit zunehmenden Alter werde man klüger, lautet eine weitverbreitete Annahme, die sich hartnäckig hält. Wie falsch sie ist, zeigte wieder einmal Jürgen Todenhöfer, einst enfant terrible der »Stahlhelmfraktion«, jenem Flügel in der CDU, der sich in den 1970er und 1980er Jahren in der Grauzone zwischen konservativen und rechtsnationalen Positionen bewegte.

Denn der mittlerweile 84-jährige Publizist, Ex-Medienmanager und Vorsitzende einer Partei, die nach ihm selbst benannt ist, war dieser Tage zu Besuch in Katar. Dort plauderte er mit Basem Naim, einem hochrangigen Mitglied des stark geschrumpften Politbüros der Hamas und von Todenhöfer zu einem der »Architekten des Waffenstillstands« hochgejazzt – schließlich spricht man nur mit den wichtigsten Akteuren.

Die Inhalte dieses Gesprächs werden von Todenhöfer dann völlig unkommentiert über die sozialen Medien verbreitet, wo der Ex-Burda-Verlagsmanager und frühere Herausgeber der Wochenzeitung »Der Freitag« zahlreiche Anhänger hat. Allein auf Instagram folgen ihm 180.000. Es geht um »israelische Propagandalügen«, die über die Massaker vom 7. Oktober 2023 kursieren würden, »wie etwa die längst widerlegte Baby-Lüge«, also die von den Terroristen doch selbst gefilmte Ermordung von Kindern und Babys. »Hamas habe kein Problem mit Juden und sei nicht antisemitisch«, erfährt man ebenfalls. »Die Palästinenser seien selber Semiten. Das zentrale Problem sei die völkerrechtswidrige Besetzung Palästinas durch Israel, nicht die Religion der Besatzer.«

Sohn Frédéric Todenhöfer hatte dann noch schriftlich nachgehakt und gefragt, ob die Hamas Anschläge wie »gelegentlich behauptet«, auch in Deutschland plane, was Basem Naim verneinte. Und wenn der das sagt, dann muss es ja stimmen. Die Tatsache, dass die Polizei hierzulande gerade erst wieder einige Hamas-Mitglieder dingfest machte und reichlich Waffen bei ihnen fand, spielt dann keine Rolle.

Wer glaubt, dass es nur Todenhöfers Altersmeise ist, die da piept, weit gefehlt. Der Mann ist sich stets treu geblieben, wenn es um Islamisten und Despoten in der arabischen Welt geht. In der Talk-Sendung von Anne Will nannte Todenhöfer Israel 2014 eine »europäische Kolonie auf arabischen Boden«, reiste auch schon mal zum Plaudern mit den Mördern des »Islamischen Staates« in deren »Kalifat« oder führte ein Gespräch mit dem Syriens Machthaber Baschar al-Assad, das sich so kritisch liest wie ein Interview mit Kim Jong-un in der Pyongyang Times.

Schon frühzeitig zeigte Todenhöfer ein Faible für wild aussehende Krieger mit Rauschebart, nahm sogar 1984 an einem Angriff der Mudschahedin gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan teil und rührte in der alten Bundesrepublik ordentlich die Werbetrommel für deren Dschihad. Damals aber war er noch ein erklärter Transatlantiker, wenn auch stramm rechtsaußenkonservativ. »Ich denke deutsch« hieß folgerichtig ein Buch, das er 1989 als »Abrechnung mit dem Zeitgeist« schrieb.  

In dem Titel steckt viel Wahrheit. Andere denken logisch, Todenhöfer denkt deutsch. Und das schon vor über 30 Jahren in einer Form, die Björn Höcke heute blass werden ließe, so offen schwadroniert er darin über die Lügenpresse und angeblich linke Indoktrination. Knapp zwei Jahrzehnte später erfolgte Todenhöfers Abkehr vom Westen und die Hinwendung zu einer ebenfalls sehr deutschen wie auch vulgären Deutung des Weltgeschehens: Jede islamistische Grausamkeit sei die Schuld des Westens und Israels, so sein Credo. Genau das zeigt auch sein Gespräch mit Basem Naim in Katar.

Meinung

Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

Belastete Orte wie etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau gibt es in Deutschland und Österreich viele. Erinnerung daran bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben

von Vladimir Vertlib  29.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich klar und deutlich als solche benannt werden

von Ali Ertan Toprak  29.07.2026

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Meinung

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026