Meinung

Der Iran, der Krieg und das Völkerrecht

Tobias Kühn Foto: Gregor Matthias Zielke

Als die iranischen Staatsmedien am Sonntag den Tod des »Obersten Führers« Ajatollah Ali Chamenei bestätigten, brach unter Iranern weltweit Jubel aus. In Teheran hallten Rufe aus den Fenstern, auf den Straßen ertönten Hupkonzerte. Hunderttausende Exil-Iraner feierten das Ende der Mullahs und riefen »Danke, Trump und Netanjahu!«.

Der Despot Chamenei und Teile seiner Führungsriege waren bei gezielten amerikanischen und israelischen Luftangriffen ums Leben gekommen.
Doch während viele Betroffene das Ende der jahrzehntelangen Unterdrückung feiern, beginnt andernorts bereits eine grundsätzliche Debatte. Juristen und Politiker verweisen auf das Völkerrecht, mahnen zur Einhaltung internationaler Normen. Solche Einwände mögen legitim sein, sie greifen jedoch zu kurz.

Völkerrecht ist kein Selbstzweck, sondern soll Menschen schützen. Wird es höher gewichtet als jene, die seit Jahrzehnten entrechtet, verfolgt und gedemütigt werden, verliert es seinen Sinn. Es geht um Frauen, die für Selbstbestimmung in Haft kamen, um Jugendliche, die für Proteste ihr Leben riskierten, um Oppositionelle und Homosexuelle, die unter permanenter Bedrohung leben. Völkerrecht darf nicht zum Deckmantel der Tyrannei werden.

Lesen Sie auch

Auch die Perspektive Israels macht deutlich, warum völkerrechtliche Prinzipien allein nicht genügen. Das Mullah-Regime hat die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin erhoben, rüstet atomar auf und stellt damit die Grundlagen internationaler Ordnung infrage.

Friedrich Merz sprach vom Dilemma der völkerrechtlichen Einordnung, ohne die Militäraktion pauschal zu verdammen. Sanktionen und Resolutionen hätten das Regime über Jahrzehnte nicht gebrochen, so der Kanzler.

Dass nun ausgerechnet auch einer wie Wladimir Putin das Völkerrecht bemüht, zeigt, wie leicht es politisch instrumentalisiert wird.
Die entscheidende Perspektive liegt jedoch nicht in Moskau oder Berlin, sondern auf den Straßen von Teheran. Jubel und Hupkonzerte sind kein geopolitischer Kommentar, sondern ein Aufatmen nach Jahrzehnten der Angst. Es geht um Freiheit, nicht um Theorien.

kuehn@juedische-allgemeine.de

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Meinung

So macht man Stimmung

Die deutsche Berichterstattung über den Krieg zwischen Israel und der Terrormiliz Hisbollah ist unterkomplex und einseitig. Über die wahren Interessen der Libanesen wird dabei hinweggegangen

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Ein Hotel im Bayerischen Wald verschickt eine antisemitische Nachricht an einen Touristen aus Israel. Das könnte eine Gelegenheit sein, Antisemitismus auf dem bayrischen Land zum Thema zu machen. Ein Kommentar

von Leon Stork  09.06.2026

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Meinung

Libanon: Zwischen Anschein und Wirklichkeit

Wer den aktuellen Konflikt verstehen will, darf den Zedernstaat nicht als tragisches Opfer Israels lesen

von Jacques Abramowicz  07.06.2026

Wolf J. Reuter

Juden haben Hausverbot

Ausgerechnet in einem Prozess gegen einen Antisemiten würde einer Jüdin der Zutritt verwehrt, weil sie einen Davidstern um den Hals trug. Keine der Erklärungen für diesen Skandal ist beruhigend

von Wolf J. Reuter  05.06.2026