Essay

Der Aufschrei einer Mutter

Yael Adar mit einem Bild ihres Sohnes Tamir Foto: Privat

Derzeit laufen weitere Verhandlungen über die Freilassung von 50 Geiseln verschiedener Nationalitäten, die von der Hamas im Gazastreifen gefangen gehalten werden. Jede Verhandlung oder Diskussion über die Möglichkeit eines Abkommens weckt bei den Familien der Geiseln große Hoffnung, der oft tiefe Enttäuschung folgt. Es ist wie eine emotionale Achterbahnfahrt aus Erwartung, Hoffnung und Erschütterung.  

Danach muss ich mich wieder für die nächste Hoffnung sammeln, denn das Privileg zu verzweifeln habe ich nicht. Mein Sohn wurde von der Hamas entführt, und Verzweiflung bedeutet Aufgeben. Und welche Mutter würde ihren Sohn aufgeben?

Eines Morgens verschwand mein Sohn in die Hände böser Mächte

Als Mutter eines entführten Kindes ist es schwer, dieses immense Gefühl des Kontrollverlusts zu beschreiben. Eines Morgens verschwand mein Sohn in die Hände böser Mächte. Und ich bekomme weder eine Antwort noch eine Möglichkeit, ihn zurückzubekommen. Jeden Tag klammere ich mich an Informationsfragmente, um zu verstehen, ob es eine Einigung geben wird, die meinen Sohn nach Hause bringt und ob der Albtraum, in dem ich lebe, endet. 

Fast zwei Jahre sind seit dem katastrophalen Angriff der Hamas vergangen, der unser Leben völlig auf den Kopf gestellt hat. Wir haben unser Zuhause verloren, unseren Alltag, unser Gefühl von Sicherheit und vor allem unseren Sohn Tamir, das älteste meiner vier Kinder.

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Bisher gab es zwei Abkommen, die jeweils nur einen Teil der Entführten freiließen. Und der Krieg dauert schon viele Monate an. Ein Krieg, der uns immer weiter teuer zu stehen kommt. Geiseln starben, obwohl sie lebend hätten freigelassen werden können, wenn es ein umfassendes Abkommen gegeben hätte.  

Jedes Teilabkommen hinterlässt Entführte, Opfer und Familien, die nicht wissen, wann sie ihre Angehörigen zurückbekommen, sei es, um sie nach dem Grauen der Geiselhaft wieder heilen zu lassen oder zu beerdigen. Dieses Mal, so hoffe ich, wird es das letzte Abkommen sein, das tatsächlich alle 50 Entführten einschließt. 

Während seine Frau und seine beiden Kinder im Sicherheitsraum waren, kämpfte er für die Gemeinde

Mein Tamir wurde aus Nir Oz entführt, als er versuchte, sich und seine Familie während des Massakers von Hamas-Terroristen im Kibbuz zu verteidigen. Während seine Frau und seine beiden Kinder im Sicherheitsraum waren, kämpfte er für die Gemeinde. Er wurde verletzt und gekidnappt. Nach einigen Monaten erfuhren wir, dass er die Verletzung nicht überlebte.  

Bei jedem Deal erleben Familien Stress und Angst, weil sie nicht wissen, ob ihr Angehöriger unter den Freigelassenen sein wird. Jedes Teilabkommen heizt zudem die Diskussion an: Wer sollte dringender freigelassen werden? Die lebenden oder die toten Geiseln? 

Doch niemand kann die Gefühle einer Mutter verstehen, die ihren Sohn verloren hat und der nur noch der eine Wunsch bleibt: ihn zu beerdigen. Etwas, das bekanntlich einen emotionalen und religiösen Wert hat, der dem Judentum, dem Christentum und dem Islam gemeinsam ist.

Die Toten laufen Gefahr, ganz zu verschwinden

Wir, die Familien, sind in ständiger Sorge. Denn wenn es auch diesmal keine umfassende Einigung gibt und die Hamas beschließt, die Entführten in ihren Händen zu behalten, wird der Krieg nicht enden. Dann werden die lebenden Geiseln in äußerster Lebensgefahr sein, und die Toten laufen Gefahr, ganz zu verschwinden. Ein solches Ergebnis kann ich nicht ertragen. 

Wir müssen ein Abkommen erreichen, durch das alle Geiseln freigelassen werden. Wir müssen uns alle für eine bessere, gerechtere und sicherere Welt für all unsere Kinder zusammenschließen. Dies ist der Aufschrei einer Mutter.

Yael Adar ist die Mutter der Geisel Tamir Adar, der deutscher Staatsbürger ist.

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