EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026 16:42 Uhr

Das literarische Konzept ist bekannt, und es funktioniert: Fein säuberlich präsentierte Parallelhandlungen laufen aufeinander zu, um sich dann vor unseren lesenden Augen zu verstricken. Es ist die Gleichzeitigkeit von Vorhersehbarkeit und Spannung, die den Reiz ausmacht. Auch Holly-Jane Rahlens bedient sich in ihrem Jugendroman Frostblüten dieser Erzählstrategie. Sie tut es bewusst und klug.

Lotte wie Estera sind 16 Jahre alt. Ein paar Monate lang werden wir die beiden Mädchen begleiten. Der eisige »Hungerwinter« von 1947 hat das Nachkriegsberlin fest im Griff. Lotte lebt mit Mutter und Bruder in einer kleinen Wohnung. Ihr altes Zuhause liegt in Trümmern. Der große Bruder ist im Krieg umgekommen, der Vater (lebt er noch?) in russischer Gefangenschaft. Estera ist jüdisch, ist Waise, hat alles und jeden, Vater, Mutter, kleine Schwester, auf den Fluchtwegen durch Osteuropa, den kurzen, prekären Stationen dazwischen verloren.

Man friert, man hungert, man ist traumatisiert, man trauert, man versucht nach vorn zu schauen. Die Kapitel tragen Datumszeilen, manchmal mit Zusätzen wie »Sekunden später«. Sie gehören abwechselnd einmal Lotte, einmal Estera. Lotte arbeitet wie ihre Mutter (eine so besorgte wie harte, wie verzweifelte, wie voller Naziideologie steckende Frau) im DP-Lager Schlachtensee an der Potsdamer Chaussee.

Man friert, man hungert, man ist traumatisiert, man trauert, man versucht nach vorn zu schauen.

Dort lernen sich die Mädchen kennen, gewähren sich Einblicke ins jeweils andere Leben, erreichen in ihrer Beziehung zumindest eine Ebene, auf der sie sich in kurzen Momenten der Eskalation emotional öffnen. Auch ein paar lichte Augenblicke, in denen man miteinander »kichert«, gibt es. Tagebuchähnlich berichten Lotte und Estera aus der Ich-Perspektive von sich, von ihren Begegnungen miteinander, auch mit bitteren Differenzen, die trennen. Von den

Mädchen werden sie gegenwärtig und direkt an- und ausgesprochen.
Frostblüten ist ein intensives, feinfühliges Buch. Sehr wissend bewegt es sich durch diese Zeit der Extreme, geht tief in die Emotionen und bietet gleich daneben wunderbar atmosphärische Einsprengsel. Lottes Begeisterung für Mode, für Stoffe ist fast ansteckend.

Lotte will es auf die Modeschule schaffen, will Estera für die Ausreise zu deren Onkel in Chicago ein Kostüm schneidern. Aber es wird kompliziert, und das Kleidungsstück verwandelt sich Stoff für Stoff und Stich für Stich zum Leitmotiv voller Bedeutung.

Holly-Jane Rahlens: »Frostblüten«. Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2026, 256 S., 18 €

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026