Berlinale

Zurück auf Los

Das Prinzip »Nach der Berlinale ist vor der Berlinale« hat es diesmal in sich. Die kurze Ära der Festival-Doppelspitze Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian endete im Februar 2024 mit einem satten Skandal nach antiisraelischen Aktionen auf der Festivalbühne und daneben, wobei Ignoranz und Selbstvergessenheit so viel Fassungslosigkeit, Wut und Enttäuschung produzierten, dass sich heute kaum jemand mehr an die Gewinner der Bären erinnern kann. In diesem Jahr soll es anders und auch besser werden. Das versprechen zumindest die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle und das Programm.

Zwar sucht man im Wettbewerb wieder vergebens nach israelischen Filmen, aber Blue Moon, das neue Werk von Richard Linklater (Before Sunrise, Boyhood) mit Ethan Hawke in der Hauptrolle porträtiert das dramatische Leben des jüdischen Broadway-Lyrikers Lorenz Hart, der ein Ur-Großneffe von Heinrich Heine war und in rund 20 Jahren 26 Broadway-Hits rausgehauen hat. Gesungen wird natürlich auch. Ebenfalls im Rennen um den Goldenen Bären ist die Verfilmung von Deborah Levys Roman Hot Milk. Inszeniert hat das Mutter-Tochter-Drama unter spanischer Sonne Rebecca Lenkiewicz.

Die Bob-Dylan-Hymne »A Complete Unknown« ist für acht Oscars nominiert

Und dann ist da natürlich die achtmal für einen Oscar nominierte Bob-Dylan-Hymne A Complete Unknown von James Mangold. Und die Tatsache, dass Hauptdarsteller Timothée Chalamet nach Berlin kommt, um den Film beim Gala-Screening zu präsentieren, ist der Glamour-Kreisch-Stoff, aus dem Festivalträume sind.

Doch dieses Festival hat ein gebrochenes Herz, und das spricht Hebräisch. Tom Shovals Michtav LeDavid (Brief an David/ Berlinale Special) ist ein Film, von dem man sich wünscht, er hätte nie entstehen müssen. Besagter Brief des israelischen Regisseurs ist adressiert an David Cunio, der seit dem 7. Oktober 2023 von der Terrororganisation Hamas in Gaza als Geisel festgehalten wird, nachdem er und seine Familie in ihrem Haus überfallen und verschleppt wurden. David war 2013 mit seinem Zwillingsbruder Eitan in Shovals Kinofilm HaNoar (Die Jugend) aufgetreten, und HaNoar lief damals auf der Berlinale, doch das reale Schicksal Cunios wurde im vergangenen Jahr mit keiner Silbe erwähnt.

Diese Berlinale hat ein gebrochenes Herz, und das spricht Hebräisch.

Shovals neuer Film zeigt, was Gewalt, Angst und Psychoterror mit der Familie und vor allem auch dem eineiigen Zwillingsbruder machen, dessen Anblick die Kinder seines Bruders nicht ertragen können. Michtav LeDavid findet Bilder für die Leere, die Menschen und Orte hinterlassen, bis oben hin angefüllt mit unerträglichem Schmerz. Dass der Regisseur die Hoffnung nicht aufgibt, ist eine Meisterleistung.

Auch Holding Liat (Forum) zeigt den Horror, den der mörderische Überfall der Hamas auf kleine Ortschaften und ein Musikfestival im Süden über die Menschen in Israel und ihre Angehörigen gebracht hat. Als US-Regisseur Brandon Kramer am Schwarzen Schabbat voller Sorge seine Verwandten in Israel anrief, erfuhr er, dass Cousine Liat und ihr Mann Aviv aus einem Kibbuz entführt worden waren. Von dem Moment an zeichnete er auf.

Und während in Israel nichts mehr so ist, wie es einmal war, Angehörige von mehr als 1200 Toten und 250 Verschleppten vor Schmerz verrückt werden, Tausende Verletzte behandelt werden müssen und ein Mehrfrontenkrieg ausbricht, wird die Familie zu einer Mikroaufnahme der Gesellschaft, voller Widersprüche, übermenschlicher Kraft, Hilflosigkeit und endloser Wut und Trauer. Holding Liat ist nicht weniger als ein historisches Dokument. Produziert wurde es übrigens von Oscar-Regisseur Darren Aronofsky (Black Swan).

Die Doku »Yalla Parkour« könnte für die andere Seite des Schmerzes stehen

Die Dokumentation Yalla Parkour (Forum) könnte für die andere Seite des Schmerzes stehen. Die in den USA lebende Tochter einer palästinensischen Mutter freundete sich in ruhigeren Zeiten online mit Jugendlichen in Gaza an, die sich jeden Tag aufs Neue durch halsbrecherische Stunts, Sprünge über und in den Abgrund, ihres Lebendigseins versichern. Vor allem Ahmed füttert die Regisseurin Areeb Zuaiter mit Videoclips, die er dreht, um entdeckt zu werden und aus Gaza herauszukommen, während sie sich dorthin wünscht. Das Tragische an diesem Film – der, wenn es um die Jungs geht, immer wieder fesselt – ist, dass Zuaiter den 7. Oktober nur als weiteren Angriff auf Gazas Bevölkerung darstellt. Eine verpasste Chance.

Ebenfalls im Forum läuft die israelisch-deutsche Produktion Batim (Häuser) von Veronica Nicole Tetelbaum. In schwerem Schwarz-Weiß erzählt sie die Geschichte der nonbinären Sasha, die einst als Kind aus der Sowjetunion nach Israel einwanderte und später als junge Erwachsene im früheren Zuhause Safed nach Erinnerungen sucht, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist.

Auch in Erinnerungen wühlt das Kurzformat Miraculous Accident (Wundersamer Unfall) von Assaf Gruber (Forum Expanded). 1968 verlieben sich an der Filmhochschule von ŁódŹ in Polen der marokkanische Student Nadir und die jüdische Schnitt-Dozentin Edyta ineinander. Ein Liebesbrief, den Nadir erst heute erhält, als Edyta schon lange in Israel lebt, legt die Grausamkeit der politischen Umstände offen, die Menschen seit jeher auseinanderreißen und Liebe im luftleeren Raum ersticken lassen.

Der Ukraine-Krieg ist präsent in »Time to Target« und »When Lightning flashes over the Sea«

Das menschliche Ringen um ein kleines Stück Normalität und ein persönliches Narrativ inmitten der Aggression zeigt dann auch die Dokumentation When Lightning flashes over the Sea (Forum) von Eva Neyman. Der Ort ist Odessa, dessen Bewohner seit Februar 2022 dem russischen Terror ausgesetzt sind, und es spricht auch eine jüdische Zeitzeugin auf Jiddisch über den Mord an ihrer Familie Ende 1941 während der NS-Besatzung der Sowjetunion.

Um die Situation in der Ukraine geht es ebenfalls in der Dokumentation Time to Target (Forum). Der in Lviv geborene Filmemacher Vitaly Mansky, der 2014 gegen die Annexion der Krim protestierte und heute in Riga lebt, kehrt in seine Heimatstadt zurück und zeigt eine Gesellschaft, die sich nicht brechen lassen will. Zu Wort kommen Musiker, Totengräber, Veteranen und Zivilisten. Von ihnen hat Mansky Bilder der Resilienz geschaffen.

Schließlich hat sich die Berlinale zu ihrem 75. Jubiläum auch noch Claude Lanzmanns Mammutwerk Shoah von 1985 wieder vorgenommen, das im Berlinale Special zu sehen ist. Zwölf Jahre lang hat der französische Filmemacher an dem neunstündigen Film gearbeitet, um anhand von Interviews mit Überlebenden, Tätern, Helfern und Mitläufern ein historisches Dokument über die Ermordung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs zu schaffen.

Shoah war Motivation und Vorlage für den Dokumentarfilm Je n’avais que le néant (Mir blieb nur das Nichts), der im Berlinale Special Premiere feiert und für den der französische Regisseur Guillaume Ribot 220 Stunden Material von Lanzmann gesichtet hat. Herausgekommen ist eine Collage aus damals nicht verwendeten Aufnahmen, die zeigen, wie unermüdlich Lanzmann daran arbeitete, die Realität der Schoa für die Zukunft zu konservieren, auf dass sie nie vergessen werde. Woran sich thematisch Bedrock (Panorama) anschließt, in dem Regisseurin Kinga Michalska an Orten des Verbrechens in Polen nach Spuren sucht und dokumentiert, wie die Menschen, die heute dort leben, damit umgehen.

Und nun einmal durchatmen, bitte.
Auf die Frage, ob Filme die Welt ändern können, hat die neue Festivalchefin übrigens mit einem entschiedenen »Ja« geantwortet. Hoffen wir’s!

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