Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Jüdische Emigranten aus der Sowjetunion bei der Ankunft am Wiener Ostbahnhof. Foto: picture alliance / brandstaetter images/Votava

Bittersüß: So beschreibt Gary Shteyngart seine bis heute aufkommenden Gefühle beim Durchqueren des Wiener Flughafens. Denn Wien, so der 1972 in Leningrad geborene Schriftsteller in seiner Autobiografie Little Failure (»Kleiner Versager«), sei die erste Station für sowjetische Juden gewesen, bevor sie über Rom in ein englischsprachiges Land oder nach Israel auswanderten.

Dass die österreichische Hauptstadt zu einer Anlaufstelle für sowjetisch-jüdische Flüchtlinge wurde, ist im Wesentlichen auf das dortige HIAS-Büro zurückzuführen. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete die 1881 in New York gegründete Hebrew Immigrant Aid Society zahlreiche Repräsentanzen in West- und Mitteleuropa. In Deutschland und Österreich stand die Unterstützung für jüdische »Displaced Persons« im Fokus der Tätigkeit von HIAS.

Anfang Februar entzog die US-Regierung der österreichischen RSC-Sektion die Finanzierung.

Nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 strömten wiederum viele jüdische Flüchtlinge über Wien nach Nordamerika. Seit den späten 70er-Jahren wurde die Stadt schließlich zur ersten Station für Juden aus der UdSSR auf dem Weg in die Freiheit. Von der strapaziösen, oftmals abenteuerlichen Flucht aus dem antisemitisch grundierten Sowjetstaat berichten Romane wie David Bezmozgis’ The Free World (»Die freie Welt«) und Vladimir Vertlibs Zwischenstationen.

Die Öffnung des Eisernen Vorhangs erleichterte den Auszug aus der zerfallen(d)en Sowjetunion. Seit 2000 agierte das Wiener HIAS-Büro als »Resettlement Support Center« (RSC). Vom US-Außenministerium finanziert, verhalf die Einrichtung über 30.000 Angehörigen religiöser Minderheiten aus dem Iran – darunter Juden, Christen und Bahai – zu einer Flucht in die Vereinigten Staaten.

Anfang Februar entzog die US-Regierung der österreichischen RSC-Sektion die Finanzierung, was die Schließung des Wiener Büros und seiner Dependancen in Kroatien und Israel zur Folge hatte. HIAS-Chefin Beth Oppenheim kritisierte, die Entscheidung lasse »Tausende Familien in Gefahr und ohne einen Weg in die Sicherheit«.

Damit endet auch die Geschichte eines Leuchtturms.

Die jüngste militärische Eskalation zwischen dem Mullah-Regime, Israel und den Vereinigten Staaten dürfte die Lage religiöser Minderheiten im Iran verschärft haben.

Die Schließung der einstigen Wiener HIAS-Präsenz steht nicht nur für den harschen Rückzug der Vereinigten Staaten aus zahlreichen humanitären Hilfsprojekten. Damit endet auch die Geschichte eines Leuchtturms, der Juden einen Weg aus dem offensiv antizionistischen und antisemitischen Joch namens Sowjetunion wies. Flucht galt als Verrat und ging mit Ausbürgerung einher. Angesichts der vollständigen Abschottung der UdSSR glich die Auswanderung zudem der Reise zu einem fremden Planeten.

Dennoch nahmen bis in die späten 80er-Jahre mehr als 400.000 sowjetische Juden Strapazen auf sich, um über Wien in den Westen zu gelangen.

Google-Mitbegründer Sergey Brin war ebenso unter ihnen wie der eingangs erwähnte Gary Shteyngart. Vladimir Vertlibs Familie machte eine regelrechte Odyssee mit Zwischenstationen in Israel und den USA durch, um sich schließlich in Österreich niederzulassen.

Einige landeten wiederum in Deutschland: Erst kürzlich sprach ich mit einem Frankfurter jüdischen Paar, das vor bald 50 Jahren die Sowjetunion verließ. Die Frage nach ihrer Fluchtroute beantworteten sie knapp: »Über Wien.«

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