Nachruf

Zorn eines Lebens

»Ich ordne mich nicht politisch ein, sondern menschlich«: André Glucksmann (1937–2015) Foto: Stephan Pramme

Nachruf

Zorn eines Lebens

Zum Tod des französischen Philosophen und Ex-Maoisten André Glucksmann

von Ayala Goldmann  09.11.2015 22:29 Uhr

Der französisch-jüdische Philosoph und Essayist André Glucksmann ist in der Nacht zum Dienstag im Alter von 78 Jahren in Paris gestorben. Glucksmann gehörte gemeinsam mit Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut zu den Vordenkern der »Nouveaux philosophes« in Frankreich, die sich intensiv mit dem Marxismus auseinandersetzten und eine entschiedene Kritik totalitärer Systeme entwarfen.

André Glucksmann wurde 1937 als Sohn ostjüdischer Emigranten im französischen Boulogne-sur-Mer geboren. Seine Mutter Martha stammte aus Prag, sein Vater Rubin aus Czernowitz. Sie hatten sich in den 20er-Jahren in Palästina kennengelernt und kehrten 1930 – offenbar auf Anweisung der von Moskau gesteuerten Komintern – nach Europa zurück.

Untergrund Nach Hitlers Machtergreifung arbeiteten die Glucksmanns im kommunistischen Untergrund in Deutschland und flohen 1936 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, wo sie sich später der Résistance anschlossen. Rubin Glucksmann kam 1940 zwischen Calais und Dover ums Leben. Er hatte versucht, über den Ärmelkanal nach England zu fliehen, doch sein Fährschiff wurde beschossen.

Glucksmanns Mutter Martha rettete den kleinen André und seine beiden älteren Schwestern Alisa und Micky 1941 noch auf dem Bahnsteig vor der Deportation in ein Sammellager, indem sie behauptete, die Familie sei nicht jüdisch. »Ich verdanke mein Leben der Dreistigkeit einer rebellischen Mutter«, sagte Glucksmann später laut einem Bericht des Wochenmagazins »Der Spiegel«.

André Glucksmann wurde bis zum Ende des Krieges unter falschem Namen in Frankreich versteckt. Seine Mutter ging nach dem Krieg ohne ihre Kinder nach Wien. 1975 starb sie an Krebs. In seinen Erinnerungen Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens (2007) schrieb André Glucksmann: »Was sollte ich anderes tun, als die Wut eines Kindes in den Zorn eines ganzen Lebens umzuwandeln?«

»Mao-Spontaneismus« Politisch folgte der Sohn zunächst dem Kurs seiner Eltern: Bereits als Schüler war er Anhänger der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF). Mit 17 Jahren trat er in die Partei ein, wurde aber wegen seiner Kritik am sowjetischen Einmarsch in Ungarn (1956) im Jahr darauf wieder ausgeschlossen.

Später stand er der maoistischen Linken nahe und wurde Mitglied der illegalen Gruppe »Gauche Prolétarienne«. »Mein Maoismus war mehr ein Bruch mit dem Marxismus«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen 2007. »Der französische Maoismus war ziemlich surrealistisch. Dazu gehörten Leute wie der Filmregisseur Jean-Luc Godard, der Philosoph Michel Foucault, Sartre. Man nannte das ›Mao-Spontaneismus‹. Das war nicht so dogmatisch wie in Deutschland.«

Später wandelte sich Glucksmann, der 1968 an den Mai-Demonstrationen in Paris teilnahm, zu einem engagierten Anwalt von Freiheit und Demokratie. Seine scharfe Kritik am Kommunismus wurde ausgelöst durch die Lektüre von Alexander Solschenizyns Archipel Gulag. In seinem Buch Köchin und Menschenfresser – Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager (1976) entwickelte er eine grundlegende Kritik des Totalitarismus.

Hauptwerk Glucksmann veröffentlichte zahlreiche politische und philosophische Schriften. Als sein Hauptwerk gilt das 1977 erschienene Buch Die Meisterdenker. 1985 kam Die Macht der Dummheit heraus. Darin rechnete der Autor auch mit der sozialistischen Führung in Frankreich ab. Viel diskutiert wurden außerdem Der Stachel der Liebe. Ethik im Zeitalter von Aids (1995) und Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt (2005).

1999 befürwortete Glucksmann den Krieg der Nato gegen Slobodan Milosevic. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA forderte er einen Krieg gegen die »Internationale der Mörder«. Später wurde er zum Fürsprecher der UN-Missionen in Afghanistan und Irak und machte sich für humanitäre Einsätze zur Verhinderung von Völkermorden stark.

Glucksmanns Sohn, der Regisseur Raphaël Glucksmann, schrieb über seinen Vater auf Facebook: »Mein erster und bester Freund ist nicht mehr. Ich hatte die unglaubliche Chance, diesen Mann zu kennen, mit ihm zu diskutieren, zu reisen und zu spielen.« Frankreichs Staatspräsident François Hollande würdigte Glucksmann als Verteidiger der Unterdrückten.

Standpunkte Auf die Frage, wo er sich politisch einordne, sagte Glucksmann dieser Zeitung 2007 im Interview: »Ich ordne mich nicht politisch ein, sondern menschlich.« Viele Gegensätze seien fundamentaler als derjenige zwischen Rechts und Links: »Der Gegensatz zwischen menschlich und unmenschlich, der Gegensatz zwischen Passivität und Komplizenschaft auf der einen, Widerstand auf der anderen Seite, der Gegensatz zwischen zivilem Leben und Terrorismus.«

Sein Judentum definierte André Glucksmann in dem Gespräch als »etwas Dynamisches und Offenes«. Die Vorstellung, das Judentum auf die jüdische Religion zu reduzieren, sei »eine Idee, die nicht ins 21. Jahrhundert passt«.

Berlin

Igor Levit: Fünf Prokofjew-Konzerte an drei Abenden

Von Romantik pur bis hin zu rasanten Läufen und ungewohnten Rhythmen: Im März bietet sich in der Philharmonie eine einmalige Gelegenheit

von Imanuel Marcus  24.02.2026

Kanadischer Rock

Geddy Lee Weinrib kündigt Rush-Konzerte in Deutschland an

Die letzten Auftritte des jüdischen Sängers und Bassisten sowie seiner Formation in der Bundesrepublik sind 13 Jahre her

 24.02.2026

Kino

Ein Leben als Pingpong-Partie

Timothée Chalamet glänzt in »Marty Supreme« als ambitionierter Pingpong-Spieler und Überlebenskünstler Marty Mauser, der in den 1950er Jahren den Weltmeistertitel im Tischtennis anstrebt. Auch Deutschlands bester Tischtennis-Spieler aller Zeiten, Timo Boll, ist in dem Film zu sehen

 24.02.2026

Eurovision Song Contest

Israel geht mit »Michelle« an den Start

Jetzt ist klar, welchen Song Noam Bettan im Mai beim ESC vortragen wird. Das Stück soll aber schon im März Premiere feiern

 24.02.2026

Meinung

Xavier Naidoo hat allen etwas vorgemacht

Der Popstar hat gerade erst sein Comeback gegeben, da verbreitet er wieder antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen. Spätestens jetzt ist seine angebliche Läuterung ganz und gar unglaubwürdig geworden

von Ralf Fischer  23.02.2026

Interview

»Putin hat einen riesigen Repressionsapparat aufgebaut«

»Memorial«-Mitgründerin Irina Scherbakowa über vier Jahre Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Folgen für die russische Gesellschaft

von Ralf Balke  22.02.2026

Kino

Wegen israelfeindlicher Propaganda-Rede bei Berlinale: SPD-Minister verlässt die Preisverleihung 

 21.02.2026

Berlinale

»Free Palestine« auf der Bühne

Filmemacher Abdallah Alkhatib wirft der Bundesregierung vor: »Sie machen mit beim Genozid Israels in Gaza«

von Katrin Richter  21.02.2026

Berlinale

David Cunio: »Als ich nicht sprechen konnte, habt ihr mir eine Stimme gegeben«

Die israelische Ex-Hamas-Geisel bedankte sich an einem ebenso denkwürdigen wie emotionalen Abend im Babylon-Kino bei Regisseur Tom Shoval für den Film »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  21.02.2026