Warum kennen Menschen in, sagen wir, Tokio die oberfränkische Stadt Bayreuth? Bier? Bratwurst? Es ist wohl eher Wagner. Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) verwirklichte hier seine bis heute einzigartige Festspielidee. Bayreuth ist weltbekannt.
Nun steht in diesem Jahr in wenigen Wochen ein Jubiläum bevor: 150 Jahre Festspiele. Eine Gelegenheit, um zu glänzen in der Klassik-Welt, um in der ganzen Stadt zu feiern – auch mit denen, die mit der hehren Opernkunst wenig am Hut haben. Nun ja. Wäre da nicht das Geld.
Das Jubiläum fällt deutlich kleiner und bescheidener aus als ursprünglich geplant: Das ambitionierte Vorhaben der Festspiele, alle für Bayreuth kanonisierten Werke Wagners in einer Saison aufzuführen, ist ebenso an der Finanzlage gescheitert wie die Pläne der Stadt Bayreuth für eine Festmeile zur Festivaleröffnung.
Und dann gibt es nun auch noch scharfe Kritik an der Absage einer Gedenkveranstaltung, die sich mit der dunklen Geschichte der Festspiele, auf denen Diktator Adolf Hitler einst gerngesehener Stammgast war, auseinandersetzen sollte.
Der Publizist Michel Friedman kritisiert die Absage in der »Süddeutschen Zeitung« scharf: »Das ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord«, sagt er. »Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt.«
Einst half König Ludwig II.
Geldprobleme sind in der Geschichte rund um Wagner und Bayreuth nichts Neues. Mit schnöden Finanzierungsfragen, gar mit Schulden, hatte auch einst Richard Wagner zu kämpfen. Er hatte in Bayerns König Ludwig II. aber schließlich einen Mäzen und Bewunderer, der einsprang.
Heutzutage in einer Demokratie ist das freilich nicht mehr so einfach, auch wenn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei vielen Gelegenheiten betont, seine Zuneigung zu Wagners Werken stets vertiefen zu wollen.
Schon vor etlichen Monaten haben die Verantwortlichen auf dem Grünen Hügel das Jubiläumsprogramm im Festspielhaus aus Kostengründen eingedampft. Eigentlich sollten alle zum dortigen Repertoire gehörenden Wagner-Opern gespielt werden – plus das Frühwerk »Rienzi«. Doch diese ganz großen Pläne mussten begraben werden. »Rienzi« bleibt, und der vierteilige »Ring des Nibelungen« wird als KI-Projekt aufgeführt.
Dortmund statt Bayreuth
Und die Uraufführung der neuen Oper »Brünnhilde brennt« gibt es – anders als geplant – auch nicht zum Festspiel-Jubiläum, zumindest nicht ganz. Das Stück soll in Bayreuth nun nur noch konzertant aufgeführt werden, die szenische Erstaufführung ist für die Spielzeit 2026/27 vorgesehen, und zwar nicht in Bayreuth, sondern im nicht unbedingt als Wagner-Stadt bekannten Dortmund.
Begründet werden die drastisch eingedampften Jubiläumspläne damit, dass die Personalkosten einfach zu hoch seien. Darum werde es »den Bayreuther Festspielen perspektivisch nicht gelingen, die hierfür benötigten zusätzlichen Finanzmittel aus eigener Kraft zu erwirtschaften« – und das trotz eines »nach wie vor sehr hohen Eigenfinanzierungsgrades« von mehr als 55 Prozent.
Und auch den Gesellschaftern sei es wegen der allgemeinen Haushalts- und Wirtschaftslage nicht möglich, »zum Ausgleich der Defizite deutlich höhere Mittel bereitzustellen«.
Auch wenn die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, die ihre Zuwendungen zuvor deutlich gekürzt und damit den Sparzwang verschärft hatte, Festspiel-Chefin Katharina Wagner in einem bislang beispiellosen öffentlichen Vorschlag eine einmalig zusätzliche und zweckgebundene Million angeboten hatte, um zumindest einen Teil der großen Jubiläumspläne doch noch umsetzen zu können, änderte das nachgeschobene Angebot nichts mehr.
»Aufgrund der langfristigen Planungszyklen der Festspiele sowie der frühzeitigen Verpflichtung von Künstlerinnen und Künstlern war eine Rücknahme oder Wiederherstellung des ursprünglich vorgesehenen Programms zu diesem Zeitpunkt faktisch ausgeschlossen«, heißt es von den Festspielen.
Festmeile zu teuer
Baustellen im Hinblick auf das Festspiel-Jubiläum hat auch die Stadt. Zum einen ist da eine Personalie: Die Kulturreferentin und damit eine der Verantwortlichen für das Thema ist »derzeit widerruflich freigestellt«, wie es offiziell bei der Stadt heißt. Man sei »unverändert bemüht«, diese »Personalangelegenheit« zu einem Ergebnis zu bringen. »Die hierfür erforderlichen Gespräche laufen«, teilte ein Sprecher mit.
Vertretungsweise führt nun Oberbürgermeister Andreas Zippel (SPD) das Referat und ist für die Jubiläumspläne zuständig. Dabei ist Zippel auch im OB-Amt noch relativ frisch – er siegte bei der Kommunalwahl im März und übernahm den Posten zum 1. Mai.
Zum anderen: Vor einigen Tagen sagte die Stadt eine Festmeile ab, die eigentlich zum Festspielstart geplant war. Begründung: »überraschend große Deckungslücken in erheblichem Umfang«, so Zippel. Mit Blick auf andere wichtige Projekte der Stadt, nicht zuletzt im sozialen Bereich, erscheine die Festmeile in der angekündigten Form »nicht mehr vertretbar«.
»Katastrophale Außenwirkung«
Die CSU-Fraktion im Stadtrat kritisierte diesen Schritt. »Wir sind der Meinung, dass dies – jenseits der noch zu klärenden Frage der Verantwortlichkeit der handelnden Personen – ausgerechnet im Jubiläumsjahr eine katastrophale Außenwirkung besitzt und dem Ruf der Kulturstadt Bayreuth bereits jetzt großen Schaden zugefügt hat«, sagte Fraktionschef Stefan Specht der dpa.
Gerade die Festmeile sei als »unkompliziertes und niederschwelliges Angebot« gedacht gewesen. Viele Bayreutherinnen und Bayreuther hätten sich darauf gefreut. Die Fraktion werbe deshalb dafür, die Festmeile in einem kleineren Format doch noch zu realisieren.
Wie sehr die Stadt vom internationalen Ruf des Festivals profitiert, macht die Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH (BMTG) deutlich. Festspielgäste aus aller Welt reisen nach Bayreuth. Für die Stadt bedeute dies: Gäste übernachten, essen, kaufen ein, nutzen Kulturangebote und Dienstleistungen – und trügen damit zur wirtschaftlichen Entwicklung Bayreuths bei.
Ein Miniatur-Festspielhaus für den Nachwuchs
Aber es ist ja nicht so, dass es nichts gibt außer den Opern und Beethovens Neunter zum Auftakt am 25. Juli mit Dirigent Christian Thielemann im legendären Festspielhaus.
Für das Kinder- und Jugendprogramm wurde eigens ein kleines Festspielhaus errichtet, das 199 Plätze fasst. Dort soll die Kinderoper, ein Herzensprojekt Katharina Wagners, aufgeführt werden, zudem sind eine Reihe weiterer Veranstaltungen und Aktionen geplant, um schon die Jüngsten mit Wagners Werk vertraut zu machen.
Auch das Richard-Wagner-Museum, das dieses Jahr 50 Jahre alt wird, feiert - und zwar unter der Überschrift: »50/150 – Utopie und Echo.« Denn schließlich, so schreibt das Haus, gehe es um »150 Jahre Theatergeschichte, in denen sich zugleich 150 Jahre deutscher Geschichte in allen Höhen und Tiefen wie in einem Brennglas bündeln«.
Doch ob das differenziert genug gelingt – daran hat zumindest Friedman Zweifel. Nach Informationen der »SZ« hätte er bei dem für den 26. Juni geplanten Gedenkkonzert mit dem Titel »Verstummte Stimmen« eine Rede halten sollen.
Interims-Geschäftsführer: Sicherheitsprobleme
Die Festspiele äußerten sich auf Anfrage zunächst nicht, dem Bayerischen Rundfunk gegenüber hatte der Interims-Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele, Hans-Dieter Sense, die Entscheidung mit Sicherheitsproblemen begründet.
Dieses Argument lässt der jüdische Autor Friedman nicht gelten: »Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen abzusagen, ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord«, sagte er der »SZ«. Auf Drohungen von Extremisten gebe es eine ganz einfache Antwort: »Dann sichert diese Veranstaltung. Und spart euch alle Sonntagsreden!«
Katharina Wagner will »kritisch auf Geschichte blicken«
Festspiel-Chefin Katharina Wagner ist das Gedenkkonzert nach eigenen Angaben eine Herzensangelegenheit, wie sie dem BR sagte: »Zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele möchten wir nicht nur feiern, sondern auch kritisch auf unsere Geschichte blicken. Das Jubiläum bietet die Gelegenheit, sowohl die künstlerischen Leistungen zu würdigen als auch die problematischen Kapitel unserer Vergangenheit offen zu thematisieren.« Wie genau das nun geschehen soll, war zunächst unklar.