Wissenschaft

Zellen gegen die Zeit

Foto: Getty Images

Altern ist unausweichlich. Wie schnell es voranschreitet, scheint allerdings weniger festgeschrieben, als lange angenommen wurde. Während die einen mit 70 Jahren gesundheitlich stark eingeschränkt sind, bleiben andere bis ins hohe Alter aktiv und geistig fit. Was macht diesen Unterschied aus? Eine neue Studie von Wissenschaftlern der Ben-Gurion-Universität des Negev (BGU) zeigt, dass ein entscheidender Faktor in unserem Immunsystem liegen könnte.

Das Team um den Leiter der Studie, Alon Monsonego, entdeckte, dass sogenannte T-Helferzellen (eine Untergruppe der Immunzellen, die das Immunsystem regulieren) mit dem Alter mutieren. Diese Veränderungen nehmen Einfluss auf das biologische Alter, das dann entweder höher oder niedriger sein kann als die Jahre, die in den Ausweispapieren der Person stehen. In diesem Zusammenhang identifizierten die Wissenschaftler eine Untergruppe von T-Helferzellen, die sich mit zunehmendem Alter anreichert.

Bedeutung der T-Helferzellen

Die Bedeutung dieser Zellen wurde ihnen jedoch erst durch eine japanische Studie an »Super Centenarians« bewusst. Das sind Menschen, die weit älter als 100, meist 110 Jahre alt werden. In deren Blut fanden Forscher auffallend viele dieser speziellen T-Helferzellen. »Diese Menschen altern nicht nur langsamer, sie bleiben auch länger gesund«, erklärt Monsonego. »Das deutet darauf hin, dass ihr Immunsystem anders – und besser – funktioniert.«

Die Ergebnisse, die in Zusammenarbeit mit Yehezqel Elyahu aus dem Monsonego-Labor, dem Labor der BGU-Professorin Esti Yeger-Lotem und Valery Krizhanovsky vom Weizmann-Institut erzielt wurden, sind in der Fachzeitschrift »Nature Aging« veröffentlicht worden.

»Altern ist kein passiver Prozess, bei dem der Körper einfach verschleißt«, hebt der Immunologe Monsonego hervor. »Es ist ein aktiver biologischer Vorgang, der stark davon abhängt, wie gut das Immunsystem seine Aufgaben erfüllt.«

Mehr als nur Falten oder graue Haare

Es geht um mehr als nur Falten oder graue Haare. Auf mikroskopischer Ebene verlieren Zellen in unserem Körper nach und nach die Fähigkeit, sich zu teilen und richtig zu funktionieren. Die »seneszenten Zellen« sterben nicht ab, sondern bleiben bestehen und setzen Entzündungssignale frei, die benachbartes Gewebe schädigen. Sie sammeln sich wie Rost an einer Maschine an, stören die Gewebereparatur und ebnen den Weg für chronische Krankheiten. »Man kann sie sich wie kaputte Maschinen vorstellen, die weiterlaufen und dabei Schaden anrichten«, erklärt Monsonego.

Diese Zellen gelten als Treiber vieler Alterskrankheiten: von Herz-Kreislauf-Leiden über Krebs und Diabetes bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen. In jungen Jahren übernimmt das Immunsystem eine Art biologische Müllabfuhr. Es erkennt seneszente Zellen und entfernt sie. Doch mit zunehmendem Alter lässt diese Fähigkeit nach. »Wenn diese Zellen nicht mehr effizient beseitigt werden, sammeln sie sich an und beschleunigen den Alterungsprozess.«

Viele altersbedingte Krankheiten haben eine gemeinsame Ursache: Entzündungen.

Die israelischen Forscher suchten daher nach Immunzellen, die besonders gut darin sind, diese problematischen Zellen zu bekämpfen. Fündig wurden sie bei einer speziellen Untergruppe der T-Helferzellen, die lange Zeit kaum Beachtung fand. Diese besitzt, anders als klassische Helferzellen, auch zytotoxische Eigenschaften, kann also gezielt andere Zellen abtöten. »Diese Zellpopulation war bisher unter dem Radar«, weiß Monsonego, »doch wir sehen nun, dass sie eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle von Alterungsprozessen spielen könnte.«

Tierexperimente bestätigten dies. Mäuse mit einem höheren Anteil dieser Zellen zeigten weniger chronische Entzündungen, eine bessere Regenerationsfähigkeit des Gewebes und eine längere Lebensspanne. »Wir konnten erstmals zeigen, dass diese Immunzellen aktiv dazu beitragen, seneszente Zellen zu reduzieren«, so der Immunologe. »Somit besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Immunsystem und biologischem Altern.«

»Unser Ziel ist, die gesunden Jahre zu vermehren«

Dabei gehe es keineswegs um Unsterblichkeit, betont er. »Unser Ziel ist nicht, das Leben unbegrenzt zu verlängern, sondern die gesunden Jahre zu vermehren.« In der Altersforschung spricht man vom »health span«, der Zeitspanne, in der Menschen ohne schwere chronische Erkrankungen leben. »Viele altersbedingte Krankheiten haben eine gemeinsame Ursache: chronische, unterschwellige Entzündungen«, so Monsonego. »Wenn wir diese besser kontrollieren, könnten wir mehrere Krankheiten gleichzeitig beeinflussen.«

»Man sagt, um das Altern umzukehren und zu verjüngen, müsse man das Immunsystem auf das von Menschen in ihren 20ern zurücksetzen. Unsere Forschung zeigt jedoch, dass dies möglicherweise gar nicht so ist. Menschen brauchen kein überaktives Immunsystem, sondern eines, das ordnungsgemäß und dem jeweiligen Lebensabschnitt angemessen funktioniert. Eine der gängigen Annahmen zur Verlangsamung des Alterungsprozesses könnte also falsch sein«, lautet das Fazit. Bis aus den Erkenntnissen konkrete Therapien entstehen, wird es noch dauern. Der nächste Schritt sei, diagnostische Methoden zu entwickeln, um diese Zellen beim Menschen zuverlässig zu messen. Langfristig könnten Medikamente oder Immuntherapien folgen, die die Zellaktivität gezielt fördern.

»Wir stehen ganz am Anfang«, macht Monsonego klar. »Aber wir haben einen Mechanismus identifiziert, der das Altern messbar beeinflusst. Das ist ein entscheidender Fortschritt.« Für den Alltag bedeutet das vorerst: Bewegung, ausgewogene Ernährung und Stressreduktion bleiben die wirksamsten Mittel, um das Immunsystem zu unterstützen. »Denn«, resümiert der Wissenschaftler aus Israel, »ein gut funktionierendes Immunsystem ist offenbar eine der besten Investitionen in ein gesundes Alter«.

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