Kulturkolumne

Wiederauferstehung in Venedig

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Wiederauferstehung in Venedig

Oder: Brodsky ist ein jüdischer Kater

von Maria Ossowski  15.01.2026 12:44 Uhr

»Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders«, befand einst Friedrich Torbergs Tante Jolesch. Nicht nur »e bis­sele«, sondern sehr anders ist Venedig im Januar. Die salzige Feuchtigkeit mit dem leichten Duft nach Seetang durchdringt alle Schichten modern abgesteppter Funktionskleidung. Dazu streicht ein scharfer Wind über die Lagune. Die Serenissima gehört jetzt den Venezianern und unerschrockenen Venedig-Liebhabern wie mir. Jedes Jahr verbringe ich hier eine heitere Winterwoche, denn man kann sich glücklich frieren im unbeweglichen venezianischen Nebel. So hatte einst Joseph Brodsky die Stimmung beschrieben.

Im ehemaligen Ghetto

Eine Reinkarnation dieses verehrten russisch-jüdischen Dichters und Nobelpreisträgers suche ich schon länger in Venedig und habe diesmal Glück. Im ehemaligen Ghetto. Dort wärme ich mich in der Buchhandlung von Beatrice auf und entdecke erstmals einen orangefarbenen Kater namens Campari, der zwischen Postkarten und Kunstbänden ruht. »Ist er jüdisch?«, frage ich die Inhaberin.

»Ja, wie alles in diesem Raum«, antwortet sie. Ein jüdischer Kater unter Büchern, meine ich, das kann nur eine Wiedergeburt sein. Sie lacht. Von wem? Von Brodsky! Der Nobelpreisträger und Venedig-Besessene wollte doch als venezianischer Kater wiedergeboren werden. Campari umgibt zweifelsfrei eine poetische Aura, das muss auch Bea zugeben. Der Kater scheint an dieser Frage desinteressiert, er schnarcht leise und schläft weiter.

Derweil haben sich auf dem Campo di Ghetto ein paar Touristen versammelt, sie warten auf die stündliche Führung.

Derweil haben sich auf dem Campo di Ghetto ein paar Touristen versammelt, sie warten auf die stündliche Führung, ich schließe mich ihnen an. Patricia heißt unser Guide, vielleicht weiß sie etwas über Brodskys Katzenreinkarnation? Patricia strahlt eine spezifische Mischung aus unnahbarer Kompetenz und Langeweile aus, die Stadtführern eigen ist, garniert mit einer deutlichen Verzweiflung ob der Vergeblichkeit, ihren Kunden in zwei Synagogen und 45 Minuten die Grundlagen der jüdischen Religion und Kultur zu vermitteln.

450 Juden lebten jetzt noch in Venedig, berichtet sie und schnurrt ihre Fakten hinunter in der Hoffnung, dass wenigstens einige Erinnerungssplitter im Gedächtnis haften bleiben. Ghetto wurde früher Dschetto ausgesprochen, es war vor 510 Jahren das erste in Europa. Nur jüdische Ärzte durften es in der Nacht verlassen. Napoleon hat das Ghetto öffnen lassen. Wir mögen bitte die Reliefs des litauischen Bildhauers Arbit Blatas zu den Deportationen allein interpretieren, die 45 Minuten seien vorbei. Schabbat Schalom.

Strafschweigend, dass nur noch der Friedhof antworten kann

Auf meine abseitige Brodsky-Frage nach dessen Reinkarnation blickt sie derart strafschweigend, dass nur noch der Friedhof antworten kann. Sonntagvormittag. »Im Winter erwachst du in dieser Stadt, vornehmlich am Sonntag, beim Läuten unzähliger Glocken, als vibriere hinter den Vorhängen ein gigantisches Porzellanservice auf einem silbernen Tablett unter dem perlgrauen Himmel«. Brodskys Grab auf der Toteninsel ist ein stiller Wallfahrtsort.

Da der Dichter auf meine leise Frage, ob er Campari sei, naturgemäß nicht antworten kann, suche ich einen Hinweis. Und finde ihn. Aus der Erde ragt zwischen Münzen und Muscheln, Bleistiften und Kugelschreibern ein knallig-schmaler orangefarbener Filzstift hervor. Die Devotionalie als klares Indiz. Orange als Katzenfarbe. Ein Schreibwerkzeug. Poesie. Brodsky. Ich werde dem Buchhandelskater Campari im nächsten venezianischen Winter eine Dose Thunfisch mitbringen.

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