Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Foto: picture alliance / dts-Agentur

Es ist hässlich. Unerotisch. Unpoetisch. Mein momentanes Lieblingswort spricht sich weder leicht aus, noch ist es nett zu lesen oder zu hören. Ambiguitäts­toleranz. Riecht nach akademischer Abgehobenheit und bedeutet: halte Mehrdeutigkeiten aus und mach was draus.

Ambiguitätstoleranz ist topaktuell, aber leider geistig und emotional ziemlich anstrengend. Manchmal tut sie sogar weh. Sie macht keinen Spaß, denn Schwarz-Weiß-Denken gibt’s nicht nur umsonst, es scheint auch zu entlasten. Ambiguitätstoleranz hingegen kostet Kraft, sie hat nur selten Verbündete.

Ambiguitätstoleranz kostet Kraft, sie hat nur selten Verbündete

Wir brauchen trotzdem dringend mehr davon. Kein anderes Wort fasst so perfekt zusammen, dass wir Widersprüche erkennen, akzeptieren und sie vor allem nutzen können als Ausweg aus Konflikten. Es bindet Gegensätzlichkeiten ein in unsere komplexe Welt. Die ist – banal, aber wahr – nicht eindeutig, sondern vielfältig.

Dummerweise benimmt sich ein Großteil unserer Spezies so, als bekäme man von Ambiguitätstoleranz einen irreversiblen mentalen Ausschlag. Sie bedroht. Wenn jemand anders denkt und auch noch schlüssig argumentiert, müssen schlichte Geister diese Meinung und Person sofort etikettieren und schubladisieren. Kratzt ein fremder Standpunkt an der eigenen Überzeugung, wirkt dies auf die Seele erst einmal unheilvoll und furchteinflößend.

Denn Gegensätze im eigenen Empfinden, so der Sozialpsychologe Leon Festinger, sind den meisten Menschen unangenehm. Widersprüche konstruktiv zuzulassen, das hieße, die eigenen fest zementierten Ansichten, die jede Unsicherheit verbieten, wanken zu lassen.

Der Moderator zählte in der ersten Frage alle seiner Ansicht nach fürchterlichen Taten Israels auf.

Ein aktuelles Beispiel gefällig? Der CDU-Politiker Armin Laschet wollte kürzlich dem Deutschlandfunk ein Interview zum Irankrieg geben. Der Moderator zählte stattdessen in der ersten Frage alle seiner Ansicht nach fürchterlichen Taten Israels auf.

Er ließ davon auch nicht ab, als Laschet ihm differenziert widersprach und endlich zum Thema kommen wollte. Das Interview kippte ins Aggressive, der Journalist fiel dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses ständig ins Wort, bis ihm Laschet eine Israelphobie beschied. Fazit: ein akademisch gebildeter Redakteur konnte keine andere Meinung als seine eigene auch nur anhören. Wäre Ambiguitätstoleranz ein Schulfach, er bekäme die Note sechs.

Auf Social Media tobte ein sinnloses Scharmützel

Auf Social Media tobt seither ein sinnloses Scharmützel darum, dass Laschet mal unpassend gelacht habe und deshalb nicht ernst zu nehmen sei. Das hat nichts mit dem Thema zu tun, aber Angriffe ad personam generieren zuverlässig Reaktionen. Genauso wie der absurde Vorwurf, der Deutschlandfunk sei nicht hörenswert, weil zwangsfinanziert. Alle Medien seien zu Recht gegen Israel. Oder zu Unrecht. Jeder lenkt mithilfe eigener Vorurteile ab, niemand denkt ernsthaft über das Interview nach. Längst hat sich der Diskurs vom Kern gelöst.

Das Interview kippte ins Aggressive, der Journalist fiel dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses ständig ins Wort, bis ihm Laschet eine Israelphobie beschied.

Pars pro Toto steht dieser Streit für die Angst, das Gefühl der Ambivalenz ertragen zu müssen und gar die Toleranz anderen Meinungen gegenüber als Schlüssel für Konfliktlösungen anzuerkennen.

Zweifel und Liebe aber lockern den Boden auf, empfiehlt der israelische Dichter Jehuda Amichai in seinen Zeilen über das Rechthabenwollen. Um wie vieles schöner als die sperrige Ambiguitäts­toleranz klingt doch die Poesie. Und die Philosophie des Martin Buber: »Der Zweifel gehört zur echten Fruchtbarkeit, man muss durch ihn hindurch, es geht kein anderer Weg als dieser gefahrvolle in die große Gewißheit.«

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen: Verfolgte Musiker der NS-Zeit

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert. Projektleiter Geiger sagt: Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts muss neu geschrieben werden

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026