Interview

»Von Freude und Schmerz geprägt«

Susan Sideropoulos Foto: picture alliance/dpa

Frau Sideropoulos, diesen Sommer ist Ihr drittes Ratgeberbuch erschienen. Wie viel jüdisches Wissen steckt darin?
Das Buch entspringt meiner Vita, die von Freude und Schmerz geprägt ist, so wie es viele jüdische Biografien sind. Ich glaube, dass wir dieses Ausbalancieren der Gleichzeitigkeit ganz gut beherrschen, schon aus unserer Geschichte heraus. Wir besitzen irgendwie die Fähigkeit, immer ein Licht in der Dunkelheit zu sehen. Dass sich dieses Prinzip auch in meinem Buch wiederfindet, war beim Schreiben gar nicht beabsichtigt, aber wird mir jetzt immer bewusster.

Sie haben für Ihre ersten zwei Bücher die rosarote Brille aufgesetzt und erklärt, dass Glücklichsein eine Entscheidung ist. In Ihrem neuen Buch klingt das ernster.
Durch den Tod meines Vaters im vergangenen Jahr habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass wir die Schattenseiten des Lebens nicht wegdrücken. Das habe ich durch den frühen Verlust meiner Mutter mein Leben lang getan. Glücklich zu sein, das bedeutet nicht, die Augen zu verschließen vor all dem Negativen. Jeder von uns hat Dinge erlebt, die nicht schön sind, kennt Anteile an sich, die er oder sie nicht mag, aber die gehören nun einmal dazu. Je mehr Widerstand wir gegen sie aufbauen, umso schwieriger ist es, authentisch glücklich zu leben. Ich bleibe bei meiner Kernaussage, dass wir eine Selbstverantwortung für unser Glück tragen. Die Welt ist nicht, wie sie ist, sondern die Welt ist so, wie wir sind. Und das merke ich in diesen herausfordernden Zeiten umso mehr.

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Wie kann man angesichts der vielen schlechten Nachrichten positiv bleiben?
Wir befinden uns momentan in einer kollektiven Ohnmacht. Wir haben alle das Gefühl, gegen Kriege und Krisen nichts ausrichten zu können. Dabei kannte unsere Welt schon immer schlechte Nachrichten. Fragen wir unsere Großeltern, müssen wir feststellen, dass sie in einer ziemlich grausamen Zeit aufgewachsen sind. Ja, wir haben heute auch unsere Herausforderungen. Aber es gibt gleichzeitig wahnsinnig positive Entwicklungen auf dieser Welt: weniger Armut, weniger Hunger, mehr Schulbildung und Frauenrechte. Aber wir haben verlernt, diese Gleichzeitigkeiten zu sehen. Wenn wir nur Schlagzeilen quasi in Echtzeit in den sozialen Medien lesen, bleiben uns diese positiven Entwicklungen verborgen. Meldungen, die uns Angst und Sorgen bereiten, potenzieren sich. Gegen diese Flut, so meinen wir, können wir nichts ausrichten. Dabei unterschätzen wir unsere wahre Macht.

Worin besteht diese?
Wir dürfen uns auf die Dinge fokussieren, die wir wirklich verändern können. Wir sollten echte Gespräche mit unseren Mitmenschen suchen. Wir dürfen zwischen Mitgefühl und Mitleid unterscheiden. Ich muss nicht bei allem mitdiskutieren und permanent mitleiden. Und ich darf gleichzeitig dankbar sein für mein kleines Glück, hier in Frieden zu leben.

Der Markt für Ratgeberliteratur ist riesig. Trotzdem scheint es, dass viele durchs Lesen nicht unbedingt glücklicher werden.
Oft haben Menschen durch die Unmengen an Tipps und Tricks das Gefühl, sie müssten dreimal die Woche Yoga machen, 20-mal meditieren und dann noch 1000 Seiten lesen. Mit so einer Anspruchshaltung mache ich am Ende gar nichts. Deshalb lade ich in meinem neuen Buch die Leser ein, nur ein paar Minuten am Tag zu reflektieren, die Dinge einmal zu hinterfragen, nicht alles so anzunehmen, wie wir das halt immer gemacht haben, wie die Eltern es vorgelebt haben.

Welche Fragen sollte man sich stellen?
Was stimmt für mich noch? Wie kann ich mein Leben so gestalten, dass es friedlicher wird? Viele Menschen fangen nicht bei sich an, sondern suchen die Verantwortung für ihre Probleme bei »denen da oben«, den anderen, den Nachbarn, Ausländern, Flüchtlingen. Aber habe ich mir schon einmal die Mühe gemacht, zu gucken, wer wohnt denn in meinem Haus? Kann ich vielleicht anderen helfen? Was kann ich in meinem Mikrokosmos tun? Da sähe unsere Welt doch schon ganz anders aus. Leider denken viele, es müsse immer der ganz große Wurf sein: Wer bin ich schon, was kann ich verändern? Aber wenn man sich hinsetzt und reflektiert: Was habe ich denn alles schon in meinem Leben? Was habe ich denn heute gegeben? Was habe ich heute bekommen? Was kann ich in meinem Leben noch mal aufräumen? Da wären wir schon einen ganz großen Schritt weiter.

Was macht Sie persönlich gerade glücklich?
Ich versuche, die sozialen Medien nur minimal zu konsumieren und meinen Fokus auf das Hier und Jetzt zu richten. Meine Kinder sind schon Teenager. Ich habe das Gefühl, sie ziehen morgen aus. Sie wirklich wahrzunehmen, zu genießen, dass wir jetzt diesen Sommer hier zusammen haben. Durch den Verlust meines Vaters nehme ich das viel mehr wahr. Ich erlebe auch die kleinen Momente ganz bewusst und nehme alles mit. Das macht mich einfach glücklich. 

Das neue Buch von Susan Sideropoulos »Licht und Schatten. Das Geschenk der Gleichzeitigkeit« ist im NOW-Verlag erschienen.

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