Alpinismus

Volles Risiko

Wenn Reinhold Messner über Paul Preuß spricht, verschwindet der Alltag aus seinem Gesicht. Begeisterung blitzt auf, denn Preuß ist eines der ganz großen Vorbilder für den Alpinisten aus Südtirol. Entspannt sitzt Messner, der berühmteste Bergsteiger der Welt, in einem Sessel des Berliner Admiralspalastes. In zwei Stunden wird er auf der Bühne stehen und über seine Erlebnisse berichten.

»Wenn Preuß länger gelebt hätte, er hätte bestimmt einen Nobelpreis bekommen«, sagt Messner. Der promovierte Biologe wäre nicht der einzige Bergsteiger gewesen, der so geehrt worden wäre. Aber der 1886 in Altaussee in der Steiermark geborene Kletterer stürzte 1913 im Dachsteingebirge tödlich ab. 27 Jahre wurde er nur alt.

Paul Preuß, der aus einer jüdischen Familie stammte, in der Steiermark und Wien aufwuchs und in München studierte, war der überragende Alpinist der Wende zum 20. Jahrhundert. Über 1.200 Gipfel hat er bestiegen, im Schnitt drei pro Woche. Das hat nicht mal Messner geschafft.

Werkzeug Schon in den 60er-Jahren hatte Messner von einer Jugendliebe Preuß’, Emmy Hartwich-Brioschi, dessen Kletterhammer erhalten. Das Stück ist nicht bloß ein Gerät, mit dem der berühmte Kletterer Sicherungen gesetzt hat – das Werkzeug erzählt eine der ganz großen Geschichten des Alpinismus: Preuß gilt nämlich bis heute als derjenige, der das Setzen von Haken verabscheut hat, wie vor ihm kein anderer und wie nach ihm nur sehr wenige.

Den »Mauerhakenstreit« hatte der überragende Kletterer begonnen. Es ist ein Streit, der die Kletterszene bis heute beschäftigt: Dürfen die Wände und Felsen mit Hilfsmitteln bestiegen werden? Hat, wer sich auf Fixseile und Haken verlässt, einen Berg wirklich selbst bezwungen?

Preuß vertrat hier eindeutige Ansichten und bewies ihre Richtigkeit in der Praxis. Er gilt als der Erfinder dessen, was heute bei Kletterern als Free Solo gilt: die alleinige Begehung einer Route ohne technische Hilfs- und Sicherheitsmittel. Klettern mit vollem Risiko.

Doch der Gegner der Haken hatte stets Hammer und Haken dabei. »Er hat den Hammer nicht benutzt, aber er hat gesagt: Ehe ich abstürze, schlage ich lieber einen Haken«, erklärt Messner lächelnd. »Er hat das nicht ...«, Messner sucht einen Moment nach dem richtigen Wort, »... so protestantisch gesehen. Sondern menschlich.«

Messner ist sehr stolz, dass er es ist, der den berühmten Preuß-Hammer besitzt. »Ich habe ihn unter der Auflage erhalten, ihn nach meinem Ableben jemand anderem, der ihm würdig ist, zu geben oder ihn öffentlich zugänglich zu machen.« Messner, mittlerweile 67 Jahre alt, hat ein Museum an fünf Standorten gegründet, alle in kleinen Orten in den Alpen gelegen, jedes zu einem bestimmten Thema. »Der Preuß-Hammer hat mich auf die Idee gebracht, meine Museen zu gründen.« In Sulden am Ortler steht ein Häusschen, in dem normalerweise der Preuß-Hammer zu sehen ist.

Legende Die Person Paul Preuß bietet viel Stoff für alpine Legenden. Zum Beispiel kletterte er stets mit Seidenkrawatten. »Diese steigern mein Wohlbefinden«, begründete er den ungewöhnlichen Spleen, »und wenn ich mich wohlfühle am Berg, fühle ich mich auch sicher.«

Nach Preuß’ Tod 1913 wurde der große Kletterer allerdings bald vergessen: Der Deutsche und Österreichische Alpenverein (DÖAV) war schon ab den frühen 20er-Jahren »judenfrei«, bedeutende Sektionen hatten »Arierparagrafen« eingeführt. »Der Preuß-Turm in den Dolomiten wurde in Kleinste Zinne umbenannt«, erzählt Messner. Noch heute findet sich in vielen Schriften die Formulierung, Preuß sei »Halbjude« gewesen, und einige Autoren korrigieren oberfleißig in »Volljude«.

Es war eine Mischung aus Preuß’ Jüdischkeit und seinen revolutionären alpinen Ideen – angereichert durch die bemerkenswerte Fähigkeit, diese auch ständig selbst zu beweisen –, die dafür sorgten, dass die Bergfunktionäre Preuß verdrängen und vergessen wollten. »Preuß wäre nicht nur verfolgt worden, weil er Jude war, sondern auch, weil er so ein eigener Kopf war«, sagt Messner. »Er war sehr gescheit, rhetorisch sehr begabt, hat viele Vorträge gehalten.«

Buch Je länger Messner über Preuß spricht, desto klarer wird, warum der Jude aus der Steiermark zum Vorbild für den großen Messner wurde. »Gelesen habe ich Preuß schon 1966«, berichtet Messner, »und zwar auf Italienisch, es gab ja keine deutschen Ausgaben. Nur in Archiven, aber dafür hatte ich keine Zeit.« Fünf von Messners unzähligen Büchern handeln in irgendeiner Weise von Preuß. 1996 hat er Preuß’ Schriften, eingebettet in seine Biografie, herausgegeben: Der Philosoph des Freikletterns: Die Geschichte von Paul Preuß. Dieses Buch ist im vergangenen Jahr im Malik-Verlag wieder aufgelegt worden.

Und als jüngst in Hohenems, Wien und München die Ausstellung »Hast du meine Alpen gesehen?« zum jüdischen Alpinismus präsentiert wurde, hat Messner seinen Preuß-Hammer zur Verfügung gestellt. Zu sehen war er im Jüdischen Museum Hohenems und im Jüdischen Museum Wien. Als die Ausstellung nach München, ins Alpine Museum des Deutschen Alpenvereins (DAV), kam, fehlte der Preuß-Hammer.

berg heil Kein Zufall, glaubt Messner, der DAV habe die Geschichte seines Antisemitismus und seiner Anbiederung an den Nationalsozialismus bis heute nur halbherzig aufgearbeitet. »Ich nenne den Alpenverein immer die Berg-Heil-Gesellschaft.« Aber für ihn persönlich, so schreibt er in der Neuauflage seiner Preuß-Biografie, symbolisiert gerade dieser Hammer, der in München nicht gezeigt wurde, »jüdischen Witz, ein bisschen Zynismus und sehr viel Bergbegeisterung«.

Der erste Bezwinger aller vierzehn Achttausender hat sich mit seinem Engagement für das Andenken an Paul Preuß – im nächsten Jahr wird er eine Statue in dessen Heimatort Altaussee enthüllen – auch außerhalb des DAV viele Feinde gemacht. Der österreichische Historiker und Bergführer Rainer Amstädter spricht von einer »Inanspruchnahme durch Reinhold Messner«: Preuß habe sich in seinen Schriften und seiner Kletterei nicht vom »Ganzheitswahn des deutschen Idealismus« entfernt, er habe sehr stark der »bürgerlichen Vorstellung vom männlichen Geschlechtscharakter« entsprochen und die »Todesnähe« idealisiert.

Messner widerspricht Amstädter. »Das hat nichts mit Todessehnsucht zu tun.« Preuß habe vielmehr sehr risikobewusst geklettert. Berühmte Preuß-Sätze lauten schließlich: »Bergtouren, die man unternimmt, soll man nicht gewachsen, sondern überlegen sein.« Oder: »Das Maß der Schwierigkeiten, die ein Kletterer im Abstieg mit Sicherheit zu überwinden imstande ist und sich auch mit ruhigem Gewissen zutraut, muss die oberste Grenze dessen darstellen, was er im Aufstieg begeht.«

Und Preuß hat schon sehr früh, als der erste Alpinschriftsteller überhaupt, auf die Sicherheitsillusion hingewiesen, die von Haken, Sicherungsseilen und anderen Hilfsmitteln ausgeht: »Ist denn überhaupt die Anwendung von künstlichen Hilfsmitteln immer eine so ungefährliche Sache?«, fragte Preuß schon 1911. »Wie viele Abstürze erzählen von schlecht eingetriebenen Mauerhaken, wie viele Todesopfer hat schlechtes Abseilen schon gekostet?« Messner ist sich sicher: Amstädter habe beim löblichen Versuch, den Alpinismus zu kritisieren, »das Kind mit dem Bade ausgeschüttet« – das Kind, im Bilde gesprochen, ist Paul Preuß; er gehört zu den unbedingt erhaltenswerten Seiten der Alpingeschichte.

Vorbild Reinhold Messner hat auch deswegen Paul Preuß zu einem seiner Vorbilder auserkoren, weil er viele Parallelen zwischen sich und dem Juden aus der Steiermark erblickt. »Auch Preuß wurde lange ausgegrenzt«, sagt Messner mit Blick auf den Alpenverein und erinnert, nicht ganz frei von Eitelkeit, erst einmal an sich: »2009 hat der DAV all seinen Sektionen einen Brief geschrieben: Der Messner soll nicht eingeladen werden. Das ist doch Ausgrenzung.«

Auch bei Preuss weigerte sich der bürgerliche Österreichische Alpenklub (ÖAK) lange, den Juden, der doch schon damals eine bemerkenswerte Liste an schwierigsten Erstbesteigungen aufwies, als Mitglied aufzunehmen. »Keine Stimmenmehrheit im Ausschuss« habe sein Antrag gefunden, wurde Preuß 1908 mitgeteilt. Erst später durfte er in dem sich als bergsteigerische Elite definierenden (und sowohl Nichtakademiker wie auch Frauen ausschließenden) Akademischen Alpenclub München mitklettern.

Preuß stand – ähnlich wie Messner – für ein verantwortungsbewusstes Klettern, wandte sich schon früh gegen die Entwicklung zum Massentourismus in den Bergen, gegen technische Erleichterungen, die schwere Touren entwerten. Er betrieb das, was als Bergsteigen »by fair means« gilt, nur mit fairen Mitteln den Berg zu erklimmen. Durchgesetzt haben sich aber weder Preuß noch Messner mit ihrer Kritik, die Entwicklung lief anders. Nach Preuß’ Tod wurde der Alpinismus zur deutsch-völkischen Massenbewegung, Bergsteigen galt als Wehrertüchtigung, Juden wurden ausgeschlossen und durften schon in den 20er-Jahren kam noch Berghütten aufsuchen.

Parallelen Dass Preuß’ Wirken, seine Reden und Schriften das hätten verhindern können, ist damit nicht gesagt. Er war der beste Kletterer seiner Zeit – mehr konnte man von ihm nicht erwarten. »Außerdem hat Preuß ja auch gerne provoziert«, sagt Messner, und sein Lächeln verrät, dass er weiß, dass dies eine weitere Parallele zu ihm ist. Der Abenteurer hat sich schließlich nicht nur mit dem Alpenverein angelegt. Für die Grünen saß er im Europaparlament, engagiert sich für seine Heimat Südtirol, kämpft für die Rechte der Menschen in Nepal und versucht, eine Art Chronist des Bergsteigens zu sein.

Und Messner hat sich durch sein Bergsteigen früh ökonomisch unabhängig gemacht: Mit Büchern und Vorträgen bestreitet er seinen Lebensunterhalt. Und hat auch hier Paul Preuß zum Vorbild. Der war der erste Selbstvermarkter unter den großen Alpinisten. Auf einem Werbezettel, den er verteilen ließ, heißt es, dass er »die Abhaltung von Lichtbilder-Vorträgen alpinen und skisportlichen Inhalts nur gegen Honorierung zu übernehmen in der Lage ist«. Auch hier zeigt sich Paul Preuß als früher Reinhold Messner. Einen großen Unterschied sieht der aber schon, während er mit Begeisterung über sein Vorbild spricht: »Ich bewundere Preuß für seine Gelassenheit.«

Nach dem Gespräch verabschiedet sich Messner. Am Abend hält er in Berlin einen Vortrag. »Morgen geht es weiter in den Norden«, sagt er. Auf Preuß’ Werbezettel, den er 1913, kurz vor seinem Tod, drucken ließ, steht die Ankündigung: »Für Jänner 1914 ist eine Vortragsreise durch Norddeutschland geplant.«

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