Literatur

Volker Kutscher veröffentlicht seinen letzten Rath-Roman

Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) Foto: © Frédéric Batier/ARD/SKY

Es ist eine unruhige Zeit, die Zeichen stehen auf Krieg im September 1938. Wird er wegen der Krise um das Sudetenland ausbrechen? Im Haus der Familie Adenauer in Rhöndorf bei Bonn läuft deswegen das Radio, und Konrad Adenauer, als ehemaliger Kölner Oberbürgermeister politisch von den Nazis kaltgestellt, hört sehr genau zu. Ansonsten geht er seinem bevorzugten Hobby nach, nämlich nützliche Dinge zu erfinden wie einen elektrischen Insektentöter für die Schädlinge im Gemüsebeet.

Der spätere Bundeskanzler hat einen kurzen Gastauftritt in »Rath«, dem zehnten und letzten Band der Krimi-Reihe von Volker Kutscher. Sie setzte 1929, gegen Ende der Weimarer Republik, ein und endet jetzt mit den Ereignissen im November 1938. Auch die Serie »Babylon Berlin«, die auf den Büchern von Kutscher beruht, geht auf das Ende zu, die geplante fünfte Staffel soll auch die letzte sein.

Auf dem Weg nach Deutschland

Es ist das große Finale, für das Kutscher am Ende des bisher letzten Bandes »Transatlantik« (2022) sorgsam seine Figuren platziert hat. Die Brüder Gereon und Severin Rath machten sich auf den Weg nach Deutschland, weil ihre Schwester Ursula sie dringend gebeten hat, nach Köln zu kommen. In Begleitung der beiden: Marion Goldstein, die mit Severin Rath offenbar eine Beziehung eingegangen ist.

Unterdessen schlägt sich Charlotte Ritter, verheiratete Rath, weiter in Berlin als Mitarbeiterin in einem Detektivbüro durch. Die beiden Menschen, für die sie sich mit ganzer Kraft einsetzt, sind ihr ehemaliger Pflegesohn Fritz Thormann und dessen Freundin Hannah Singer, die in den Wittenauer Heilstätten festgehalten wird.

Im vergangenen, neunten Band hat sie intensiv um ihren Ehemann Gereon getrauert. Wie wird sie reagieren, wenn er zurück nach Deutschland kommt? Gibt es ein Happy End für die beiden? Das dürfte sicherlich eine der dringendsten Fragen sein, auf deren Antwort hin die Kutscher-Fans das Buch lesen werden.

Resignieren oder anpassen?

Im Herbst 1938 haben die Menschen fünf Jahre im Nationalsozialismus gelebt. Selbst die, die kritisch oder ablehnend waren, resignieren, passen sich an oder treten sogar in die NSDAP ein. Wie verhalten sich die Personen im Roman »Rath«?

»Es war ja damals Mainstream, Nazi zu sein«, sagt Autor Kutscher. Die Nazis hätten den Menschen ein Heilsversprechen angeboten - wir bereiten euch das Paradies auf Erden - und eine Volksgemeinschaft in Aussicht gestellt, in der alle gleich seien.

»Die Menschen wollten dazu gehören«, sagt Kutscher und verweist auf den jungen Fritz Thormann, der dafür besonders anfällig gewesen sei. »Aus der heutigen Sicht das so pauschal zu verurteilen, finde ich sehr schwierig«, meint der Autor und erklärt: »Das war auch ein wichtiger Grund für mich, warum ich die Romane geschrieben habe, dass man sich in die Menschen hineinversetzt und fragt: ‚Wäre ich im Widerstand gelandet?‘ «.

Die Novemberpogrome als Ende

Zu der Volksgemeinschaft hätten aber nur die »arischen« Deutschen gehört, so Kutscher. »Mit der Ausgrenzung fing dann auch die Gewalt an, das will ich auch zeigen«, betont der Autor. »Ausgrenzung führt immer zu Gewalt und Ermordung. Deswegen war es mir wichtig zu schildern, was bei der Pogromnacht passiert ist.«

Die Novemberpogrome von 1938 stellen das Ende der Roman-Reihe dar. Nach unterschiedlichen Schätzungen wurden zwischen dem 7. und 13. November 1938 im damaligen Reichsgebiet zwischen 400 und 1300 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Mehr als 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.

Rund 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Mit den Novemberpogromen begann eine neue Phase der Verfolgung der Juden, die im Holocaust endete.

Untergang der Demokratie

Kutscher erzählt, er habe jetzt fast 20 Jahre in dem Gereon-Rath-Universum verbracht, in dem er den Untergang der Demokratie in der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus zeige.

»Ich glaube nicht, dass Geschichte sich so einfach wiederholt«, sagt er mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse im Osten. »Das ist eine sehr fatalistische Sichtweise, denn sonst könnten wir unsere Hände in den Schoß legen und sagen, jetzt ist es eh zu spät.«

Er fordert dazu auf, um die Demokratie zu kämpfen. Denn: »Geschichte kann aber ein warnendes Beispiel geben. Gerade die Jahre 1933 bis 1945 sind ein warnendes Beispiel. Sie zeigen, wohin eine solche Regierung führt: Tod und Verderben.«

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  10.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Interview

»Woher haben Sie die Noten?«

Kantor Assaf Levitin und der Verleger Christoph Koop über die Edition »Hashivenu« von Kompositionen für die Synagoge – und das Interesse auch von nichtjüdischen Chören an der Musik »Made in Germany«

von Christine Schmitt  10.08.2026

Musik

Wurde Boy George bei einem Konzert in Frankfurt sabotiert?

Techniker sollen seine In-Ear-Monitore immer lauter gedreht haben, bis der britische Pop-Star seinen Auftritt abbrach

von Imanuel Marcus  10.08.2026

Aufgegabelt

Zitronen-Zaatar-Hühnchen

Rezepte und Leckeres

 09.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Berlin

Einsatz gegen Judenhass: Iris Berben erhält Deutschen Kulturpolitikpreis

Die Schauspielerin steht nicht nur vor der Kamera, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich. Der Deutsche Kulturrat würdigt diese Leistung mit einem Preis. Igor Levit ist Laudator

 07.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  07.08.2026