Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geben ein Werk an die rechtmäßigen Erben des Berliner Bankiers und promovierten Juristen Curt Goldschmidt (1878-1947) zurück. Dabei handelt es sich laut Mitteilung vom Montag um das Gemälde »Interieur mit Kindern (Die Geschwister)« des jüdischen Malers Lesser Ury (1861-1931).
Die Provenienzforschung hatte demnach ergeben, dass das Bild aufgrund der Verfolgung seines Eigentümers Goldschmidt durch die Nationalsozialisten abhanden kam. Goldschmidt floh 1937 nach Paris und lebte während der deutschen Besatzung zeitweise versteckt. Sein Vermögen ging vollständig verloren.
Die Staatsgemäldesammlungen hatten das Bild 1972 über die Münchner Galerie Neumeister aus dem Warenbestand des Kunsthändlers Rudolf Neumeister erworben, wie es heißt. Dieser habe es spätestens seit 1969 besessen. Wie und wo er das Werk erworben habe, sei bisher nicht geklärt.
Berliner Wirtschaftskreise
Der erste bekannte Eigentümer des Gemäldes war den Angaben zufolge der Berliner Kunsthistoriker, Publizist und Sammler Julius Elias (1861-1927), der das Werk bereits 1905 besaß. Er gilt als wichtiger Förderer moderner Kunst und unterstützte unter anderem Künstler der Berliner Secession. Spätestens 1921 gelangte das Bild in den Besitz von Goldschmidt. Er gehörte seit 1910 der Berliner »Gesellschaft der Freunde« an, einem auch wohltätig agierenden Netzwerk von Führungspersönlichkeiten aus damaligen Berliner Wirtschaftskreisen.
»Interieur mit Kindern« verbinde die künstlerische Arbeit Urys mit der Sammlertätigkeit zweier jüdischer Persönlichkeiten aus dem Berliner Kulturleben, heißt es. Der aus Polen stammende Ury wurde vor allem als Chronist Berliner Straßen- und Kaffeehausszenen berühmt. Das vorliegende Gemälde sei eines seiner Frühwerke und zeichne sich durch die atmosphärische Wirkung des in die Stube einfallenden Lichts aus, das die Szene mit den drei Geschwistern präge.
Enge Kontakte Goldschmidts zur Kunstszene
Goldschmidt war Teilhaber und später Inhaber des Berliner Bankhauses Joseph Goldschmidt & Co., das sein Vater 1900 gegründet hatte. Er pflegte enge Kontakte zur Kunstszene; so porträtierte ihn etwa Max Liebermann. Die Familie lebte in der Stülerstraße im Berliner Tiergartenviertel und besaß ein Landgut in Kötzschenbroda im Landkreis Meißen.
Antisemitische Maßnahmen und politische Eingriffe führten in der NS-Zeit zum Verlust des Unternehmens und des privaten Vermögens. Das Inventar wurde den Angaben zufolge 1935 im Auftrag des Konkursverwalters versteigert. Unter den 350 Positionen der Auktion befand sich auch das nun zurückgegebene Gemälde. Allerdings sei weder belegt, ob es verkauft worden sei noch wer es erworben habe. 1940 sei das Werk im Auktionshaus Lempertz in Köln aufgetaucht, deklariert mit dem Zusatz »aus nicht arischem Besitz«. Wer es für 220 Reichsmark erworben habe, sei nicht bekannt.