Charles Lewinsky

Melnitz, eine männliche Scheherazade

Lewinsky wird am 14. April 80 Jahre alt. Foto: picture alliance/KEYSTONE

So wie Sherlock Holmes in Arthur Conan Doyles Detektivgeschichten von Professor Moriarty, einer Art bösem Alter Ego, verfolgt wird, begleitet Melnitz den Schriftsteller Charles Lewinsky durch dessen Leben. Denn dieser Name war Titel von Lewinskys 2006 erschienener, fünf Generationen umspannender Familiensaga, die trotz ihrer 776 Seiten ein Bestseller in der Erstauflage wurde – ein Erfolg, wie man ihn bei den Eidgenossen bis dato noch nicht erlebt hatte.

Die Geschichte der Schweizer jüdischen Familie begann damit, dass »1871 nachts ein entfernter Verwandter an die Tür der Mejers klopft« und »noch keiner in der Familie ahnt, wie radikal sich ihr Leben verändern wird … am Ende haben sie Glück gehabt, aber glücklich geworden ist keiner«.

Der Name Melnitz knüpft laut Lewinsky an den Namen des Kosakenanführers Bohdan Chmelnyzkyj an

Diese Verlagswerbung klingt wie ein Echo bis in unsere Tage, 20 Jahre später. Damals hieß es: »Immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück«, nämlich jene titelgebende Figur namens Melnitz. Nach dem Ursprung des Namens gefragt, erklärte Lewinsky, dass er anknüpfe an den Namen des Kosakenanführers Bohdan Chmelnyzkyj (1595–1657), einen der schlimmsten Judenschlächter, »bis Hitler ihn um Längen schlug«.

Und der Autor fuhr fort: »Er ist das inkarnierte Gedächtnis der Juden – vor allem des negativen, was bei der jüdischen Geschichte relativ einfach ist.« Diesen Namen in verballhornter Weise einer jüdischen Romanfigur zu geben, immunisierte sie gewissermaßen gegen mörderischen Judenhass.

Nun ist der Onkel aus »Melnitz« wiederauferstanden und zur Hauptfigur des jüngsten Romans von Charles Lewinskys »Eine andere Geschichte«geworden.

Nun ist der Onkel wiederauferstanden und zur Hauptfigur des jüngsten Romans von Charles Lewinskys Eine andere Geschichte geworden – eines Werks, welches das Potenzial hat, ein ebenso großer Erfolg zu werden wie seinerzeit Melnitz. Damals kommentierte Lewinsky, einer der facettenreichsten vielschreibenden Autoren: »Pessimisten haben immer recht. Sie werden bloß nicht glücklich damit.«

Auch dieser Roman beginnt mit dem Besuch eines Verwandten, dieses Mal aus Hollywood kommend, in Leipzig, der dringend rät: »Verschwindet aus Deutschland.« Lewinsky will diese Episode von seiner Großmutter gehört haben und nun, Jahrzehnte später, ein Leben für diesen Mann erfinden.

37 Kapitel, sprich Sitzungen beim Psychiater

In 37 Kapiteln, sprich Sitzungen beim Psychiater, lässt der 80-jährige Curtis Melnitz, ursprünglich Kurt Chmelnitzki, sein Leben Revue passieren. Sein inniger Wunsch: »Es müsste jemand eine Methode erfinden, mit der man das Vergessen erlernen kann«, geht nicht in Erfüllung. Im Gegenteil: Schon die Überschrift bereitet ja auf eine männliche Scheherazade vor. Der jüdische Patient fächert Sitzung für Sitzung sein Leben auf, hält den Psychiater ebenso wie die Leserschaft mit seinem Monolog im Bann.

Jedes Mal gibt es »eine andere Geschichte«. Ein geradezu genialer Kunstgriff, mit dem Lewinsky seiner Hauptfigur Leben einhaucht. Statt der ersehnten Pillen gegen Rückenschmerzen und Albträume bekommt Melnitz die Chance, sich alles von der Seele zu reden, was sich im Laufe von Jahrzehnten angehäuft hat: den Suizid des Vaters, als er fünf Jahre alt war, seinen Job im Lokal des Onkels, das ausgerechnet Chmelnitzki hieß, die erzwungene Auswanderung 1926 in die USA, die sprichwörtliche Karriere vom Liftboy auf holprigen Umwegen zum Filmschaffenden.

Lewinsky lässt das alte Hollywood auferstehen, sein Wissen um die oft von jüdischen Emigranten gegründeten Filmstudios, die Karrieren von Filmsternchen und legendären Stars, Erfolgserlebnisse und Fehltritte werden zu einem stimmigen Parforceritt, einem Gewaltmarsch durchs 20. Jahrhundert, das jüdischen Menschen (und nicht nur ihnen) so viel zumutete. Die Romanfigur Melnitz behauptet: »Ich bin nicht der Typ für stumm ertragenes Leid. Mir fehlt das Märtyrer-Gen.« Stumm ist er wirklich nicht, eher geschwätzig, durchaus ironisch und bisweilen sogar selbstkritisch.

Was am Ende bleibt? Das wird hier nicht verraten. Man sollte diesen Roman von Charles Lewinsky, der am 14. April
80 Jahre jung wird, lesen. Es lohnt sich. Versprochen!

Charles Lewinsky: »Eine andere Geschichte«. Diogenes, Zürich 2026, 413 S., 26 €

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