Musik

Und sie erinnern sich doch

Vor der Wagner-Büste in Bayreuth erinnert Kantor Yonatan Amrani (5.v.r.) mit Katharina Wagner (6.v.r.) und Michel Friedman (4.v.r.) an jüdische Künstler, die von den Nazis ermordet wurden. Foto: picture alliance/dpa

Welch ein Moment! Auf dem Festspielhügel vor der Wagner-Büste des Hitlerprotegés Arno Breker betet ein Kantor, Yonatan Amrani, auf Hebräisch. Er nennt Namen der von den Nazis ermordeten jüdischen Künstler, die einst hier aufgetreten sind. Der bronzene Richard, Chefantisemit seiner Zeit, muss dies geschehen lassen.

Direkt neben dem Kantor stehen die Wagner-Urenkelin Katharina und der Publizist und Jurist Michel Friedman. Die Bayreuther Festspiele feiern ihre 150 Jahre mit viel Nachdenklichkeit und Schuldbewusstsein, ohne Prunk, Protz und Schwulst.

Katharina Wagner entschuldigt sich für die Irritationen rund um die Friedman-Einladung

Katharina Wagner entschuldigt sich im ausverkauften Haus für die Irritationen rund um die Friedman-Einladung. Überhaupt macht die Chefin bei diesen Festspielen eine »bella figura«, tatsächlich und im übertragenen Sinn. Sie begrüßt zur Eröffnung lediglich die Gäste allgemein, ohne den Bundeskanzler oder Ministerpräsidenten gesondert zu erwähnen, hebt aber ihre Verantwortung gegenüber der Verstrickung ihrer Familie mit dem Nationalsozialismus hervor und heißt Michel Friedman namentlich willkommen, den Redner der Veranstaltung »Verstummte Stimmen«.

Diese findet am Sonntagvormittag statt, also zwischen Jubiläums-Festakt und Rienzi-Premiere. Aus dem Orchester heraus war die Idee entstanden, auf den weihevollen Wagnerbrettern an die verjagten und ermordeten Künstler Bayreuths zu erinnern, und zwar mit Friedman als Redner. Seine Eltern und seine Großmutter hatten die Schoa dank Oskar Schindler überlebt. Das Ganze wird umrahmt von der Musik zweier jüdischer Komponisten. Im Festspielhaus, wo qua Wagnergesetz nur der Meister selbst und Beethovens Neunte erklingen dürfen. Jeder anderen Komposition müssen Familie und Stiftungsrat zustimmen. Das hat geklappt.

Das Publikum dankt für Michel Friedmans Mahnungen mit Standing Ovations.

Am Vormittag nach der Eröffnung und direkt vor der Premiere des Rienzi ist jeder der über 1900 Plätze besetzt. Diese zwei Stunden zu Ehren der »verstummten Stimmen« historisch zu nennen, ist keine Übertreibung. Michel Friedmans Rede wird immer wieder unterbrochen von lang anhaltendem Applaus. Er dankt zu Beginn, dass Katharina Wagner die Erinnerungskultur an diesem Ort verändert habe.

Denn die sei lange ein schwarzes Loch gewesen. Der Hügel wird zwar grün genannt, aber heißt er so, damit man die braune Erde nicht sieht? Die ideologische Färbung blieb, so Friedman, auch nach dem Naziterror braun. Die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner hatten das Publikum in den 50er-Jahren auf ausgehängten Zetteln darum gebeten, um des ungestörten Ablaufes der Festspiele willen auf politische Gesprächsthemen während der Pausen zu verzichten. Klare Ansage: Hitler wird verschwiegen.

Friedman, Jahrgang 1956, erzählt von seinem Chemielehrer. Der hatte die Klasse jedes Mal mit erhobener Hand begrüßt, an der zwei Finger fehlten, und dazu gesagt »Ich bin stolz darauf, die Finger für den Führer verloren zu haben.«

Friedmans Wunden seien tief, aber seine Streitlust mache ihn glücklich

Friedmans Wunden seien tief, aber seine Streitlust mache ihn glücklich. Die fordert er von allen Deutschen in der aktuellen politischen Situation dringend ein. Streiten mit den Nörglern im Land. Sie sollen eine demokratische Partei wählen, damit sie anschließend weiter nörgeln können. Er verweist auch auf die abendliche Premiere des römischen Massenverführers Rienzi. Das Publikum dankt für seine Mahnungen mit minutenlangem Beifall und Standing Ovations.

Musik von Gustav Mahler und Pavel Haas, des in Auschwitz ermordeten Komponisten, begleitet die Veranstaltung. Der jüdische Dirigent Semyon Bychkov dirigiert das Siegfried-Idyll. In der Probenzeit haben zwei Musiker eine erschütternde Gemeinsamkeit entdeckt: vom Geiger Daniel Draganov war die Initiative zur Veranstaltung »Verstummte Stimmen« ausgegangen. Seine Großmutter hatte gemeinsam mit der Urgroßmutter des Solo-Oboisten Nick Deutsch den Todesmarsch von Auschwitz nach Bergen-Belsen erlitten. Draganovs Großmutter hat überlebt, die Urgroßmutter von Nick Deutsch nicht.

Verführte Massen und ein machtbesoffener Führer, das ist auch das Thema der erstmals in Bayreuth aufgeführten frühen Wagner-Oper Rienzi. Hitler schätzte das Werk, die Originalpartitur ist wahrscheinlich mit ihm im Führerbunker verbrannt, die Ouvertüre erklang vor jedem Reichsparteitag.

Richtig ist, »Rienzi« nach dem Jubiläum aus dem Festspielhaus verschwinden zu lassen.

Rienzi gehört nicht zum Kanon der Bayreuther Wagnerwerke. Und das ist gut so. Die Handlung wirkt disparat, unlogisch, auch in der düsteren und dennoch bildstarken Inszenierung der Ungarinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. Die Dirigentin Nathalie Stutzmann hält das »Schreihals-Werk« (Ausdruck von Wagner himself) bewundernswert zusammen. Das Bühnenbild ist konsequent in den Nazifarben Schwarz-Weiß-Rot gehalten. Massen schenken jedem Post auf Social Media Glauben, das Mobiltelefon und die Macht der Techmilliardäre regiert Gefühle und Gerüchte.

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Warum Rienzi sich vom Heilsbringer zum Volksfeind entwickelt, bleibt unklar. Die Sänger, vor allem der kraftvolle Andreas Schager als Rienzi, sind über alle Grenzen stimmlicher Möglichkeiten gefordert. Es ist richtig, dieses Frühwerk gezeigt zu haben. Richtig ist aber auch, die Oper nach dem Jubiläum aus dem Festspielhaus wieder verschwinden zu lassen.

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