Roman

Synonym für viele Orte

Die Schriftstellerin Eva Menasse (51) hat mit »Dunkelblum« ihren dritten Roman veröffentlicht. Foto: picture alliance

Der Titel ist verwirrend schön, evoziert düstere Farben, Blüten, die sich erst im Dunkeln öffnen. Doch schön ist an Dunkelblum einzig der Name. Ein jüdischer Familien­name, aber dazu gleich mehr. Die Geschichte, die Eva Menasse in ihrem dritten Roman erzählt, offenbart die wortwörtliche Ungeheuerlichkeit, die zutage tritt, wenn Menschen die Möglichkeit haben, Böses zu tun. Und wie sie damit weiterleben.

Der Autorin ist mit dem fein ziselierten Porträt der Gemeinschaft in einer fiktiven österreichischen Kleinstadt nahe der ungarischen Grenze ein Roman gelungen, der aufs Neue zu erklären versucht, warum die Schoa möglich war; der diese Frage stellt, die wir in alle Ewigkeit versuchen müssen zu beantworten, wenn wir verhindern wollen, dass es sich wiederholt.

RECHNITZ Die Erde, in der die Blumen der Unmenschlichkeit wachsen, ist getränkt von Blut und Asche, von Angst und Tod. Wurzel der Erzählung ist ein Massaker an 200 Menschen. Ein Massaker, das es tatsächlich gegeben hat. Wenige Wochen vor Kriegsende wurden 600 Juden nach Rechnitz getrieben, wo sie den »Südostwall« gegen den Vormarsch der Roten Armee aufschütten sollten. Etwa 200 von ihnen, »zu krank« und »zu schwach«, wurden von Gästen einer Nazi-Party auf Schloss Rechnitz, zu der die Thyssen-Erbin Margit von Batthyány geladen hatte, ermordet. Die Leichen wurden verscharrt und sind bis heute nicht gefunden, denn die Gemeinde schweigt. Zeugen wurden ermordet. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat die unfassbare Mordlust in ihrem Drama Rechnitz (Der Würgeengel) verewigt.

Die Geschichte spielt in einer fiktiven Kleinstadt in Österreich.

Eva Menasse hat einen anderen Ansatz gewählt. »Es geht mir nicht um das Massaker, sondern darum, wie die Leute damit weiterleben«, sagt die Autorin im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Und wie es dann eben doch wieder hochkommt.« Dazu hat sie Dunkelblum erfunden, einen vom Klang her fast märchenhaften Ort, »denn die Märchenaura verschiebt die Geschichte ein wenig ins Allgemeine«, so Menasse. Schließlich gab es viele Dunkelblums. »Dieser ganze Landstrich war in diesen drei Wochen Massaker-Country«, sagt die 51-Jährige. »Für ein singuläres Massaker findet man meist eine Erklärung, weil viele Dinge zusammengekommen sind, aber dass diese Menschen alle nichts anderes zu tun hatten, das bleibt so schockierend, dass es zumindest als Leerstelle in diesem Roman steht.«

So taucht der Leser ein in das Leben im Städtchen, läuft durch die Gassen, schaut in die Fenster, atmet neben Tätern, Überlebenden und Nachgeborenen, verstört staunend über die Schmerzfreiheit und Gewissenlosigkeit von Mördern, Anstiftern und Profiteuren, die in der Nachkriegszeit ein unbehelligtes, sogar gutes Leben leben; Mitläufer, die sich aus Angst um den eigenen Vorteil ans Schweigen klammern; aber auch Menschen wie Antal Grün, ein Überlebender, der den Wiederaufbau am Ort des Verbrechens wagt, umgeben von Tätern und Mitwissern, die tiefen Wundkrater in Körper und Seele versteckt unter Ticks und die Panik in dunkle Ecken verbannt.

GRABUNGEN Die Erinnerung an das Massaker »kommt wieder hoch«, als Studenten aus der Großstadt und ein Fremder 1989 nach Dunkelblum kommen, um zu graben. Die Studenten restaurieren den verwilderten jüdischen Friedhof, der Fremde sucht zwei Frauen, die ihm damals das Leben gerettet haben, und die Überreste der Ermordeten.

Die Dunkelblumer, mit ihrer Ignoranz und Verdrängung konfrontiert, fühlen sich bedroht und schweigen ohrenbetäubend laut weiter, aber Menasse lässt uns in die Köpfe schauen. »Um die Zwischentöne geht es. Um die individuellen Motive der Menschen zu bestimmten Zeiten. Ich entschuldige das nicht, indem ich es beschreibe, aber ich erkläre, warum es überhaupt möglich ist«, sagt die Autorin. Als Historikerin, Journalistin und Tochter eines Schoa-Überlebenden fühlt sich Menasse der Genauigkeit verpflichtet, sodass tatsächliches Leid ausrecherchiert ist.

Wo sie nicht weiterkam, lässt sie den Roman fragen. »Ich verstehe einfach nicht, warum sie das gemacht haben«, sagt Antal Grün, der von einem Pogrom 1938 berichtet, als Juden in den reißenden Fluss getrieben werden sollten. Einfach so. »Das ist eine recherchierte Geschichte, die hat genau so stattgefunden«, sagt Menasse. »Da bin ich streng, so etwas darf man nicht erfinden. Antal Grün stellt meine Frage. Ich konnte einfach nicht herausfinden, warum man den Menschen das angetan hat. Es ist so sinnlos. Und wenn man darüber nachdenkt, wird man immer irrer. Deshalb habe ich dieses historische Puzzlestück genau so in den Roman gestellt.« Antal Grün sei für sie ein Stein, den sie auf die Geschichte gelegt habe. Er ist nicht der einzige im Roman.

SOG Das literarisch Großartige an Dunkelblum ist der Sog, den die Geschichte entwickelt, was daran liegt, dass Menasse nicht nur mit großem Wissen und Respekt, sondern auch mit tiefer Menschlichkeit schreibt. »Ich glaube, dass die Erkenntnis eines solchen Romans im Detail liegt, wobei ich auch ein großes Vergnügen daran habe, die Leser zu unterhalten«, sagt sie. Situationen, Charaktere und Sprache sorgen immer wieder für Lacher, die Menasse dem Leser gekonnt quer in den Hals steckt.

»Dunkelblum« ist ein fast ausgestorbener jüdischer Familienname.


Und wo kommt nun dieser verwirrend-schöne Titel her? Menasse muss ausholen: Nach der historischen Recherche habe sie alles wieder fiktionalisieren müssen. Wie wohl viele Schriftsteller sammle sie »gute Namen für Menschen und Orte. Dazu kam eine Landkarte mit Orten, an denen Massaker passiert sind, in ganz Europa«. Also gab es zwei Listen, und die habe sie vertauscht. »Meine Namensliste wurde zur Ortsliste. Alle Orte tragen jetzt insgeheim jüdische Namen … Und damit ging es plötzlich, damit war alles fiktionalisiert, und ich war in meiner Gedankenlandschaft.«

Dunkelblum, schließlich, ist »ein inzwischen fast ausgestorbener jüdischer Familienname«, den sie seit ihrer Kindheit nicht vergessen hat: Er gehörte einem Ehepaar, Bekannten ihrer Eltern. Und nun ist er auch ein Synonym für viele Orte, die niemals vergessen werden; für das, was Menschen dort geschehen ließen.

Eva Menasse: »Dunkelblum«. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, 528 S., 25 €

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Der Judaist Alexander Dubrau über seine neue Aufgabe als Direktor des Leo Baeck Instituts Jerusalem, akademische Herausforderungen und den Austausch mit der breiten Öffentlichkeit

von Sabine Brandes  27.06.2026

Sachbuch

Altern als Bühne

Der Schweizer Autor Roger Schawinski hält Boomern den Spiegel vor und plädiert für Genuss und Lebensfreude bis zum Schluss

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

»Tage des Exils«

Zirkuskunst, Klezmer und Theater: »Tsirk Dobranotch« kommt nach Frankfurt

Ein außergewöhnliches Zusammenspiel aus Zirkuskunst, jiddischem Theater und Klezmermusik erwartet Besucher im August

 26.06.2026

Aufgegabelt

Sommerfrisch: Melone und Gurke auf Labneh

Rezepte und Leckeres

 26.06.2026