Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Alexander Dubrau wurde 1978 in Dresden geboren. Foto: Leo Baeck Institut

Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Der Judaist Alexander Dubrau über seine neue Aufgabe als Direktor des Leo Baeck Instituts Jerusalem, akademische Herausforderungen und den Austausch mit der breiten Öffentlichkeit

von Sabine Brandes  27.06.2026 23:44 Uhr

Herr Dubrau, Sie haben Ihr Amt mitten im Krieg zwischen dem Iran, Israel und den USA begonnen. Wie war dieser Neustart?
Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, wir mussten sehr flexibel sein. Viele Veranstaltungen fanden über Zoom statt, andere wurden verschoben. Gleichzeitig haben wir versucht, online noch aktiver zu werden, mit Newslettern auf Englisch und Hebräisch, sowie über Facebook, Instagram und YouTube. Übrigens werden alle Veranstaltungen aufgezeichnet und online zugänglich gemacht. Über die Jahre ist so ein großer digitaler Schatz entstanden. Praktisch war die Situation schwierig. Unser Gebäude hat keinen Schutzraum, in den ersten Wochen war kaum jemand im Büro. Aber zugleich spürte man eine enorme Motivation weiterzumachen.

Sie haben lange bei der Jerusalem Foundation gearbeitet, wo Sie deutsch-israelische Projekte und zivilgesellschaftliche Kooperationen begleiteten. Warum passt auch das Leo Baeck Institut gut zu Ihnen?
Ich sage immer: Ich brauche beides. Ich möchte Menschen zusammenbringen und Öffentlichkeitsarbeit machen, komme aber aus dem akademischen Bereich. Das Wissenschaftliche hat mir schon gefehlt. Das Leo Baeck Institut verbindet beide Welten: Forschung und Austausch mit der Öffentlichkeit.

Wie zeigt sich das konkret in der Arbeit des Instituts?
Im Grunde gibt es zwei große Bereiche: die wissenschaftliche Forschung und die Arbeit mit der israelischen Öffentlichkeit. Das zeigt sich in Workshops, internationalen Konferenzen, Forschungsgruppen oder Vorträgen. Dazu kommen Publikationen wie unsere hebräische Zeitschrift, Monografien oder der »Jüdische Almanach«. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema »Reset«, was sehr gut in unsere Zeit passt. Ein weiterer Schwerpunkt sind Forschungsprojekte mit Partnern in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ein besonders spannendes Projekt ist »Library of Lost Books«. Dabei geht es um rund 60.000 Bücher der ehemaligen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden. Mithilfe alter Besitzstempel konnte diese Bibliothek digital rekonstruiert werden. In einem von der Baden-Württemberg Stiftung geförderten Folgeprojekt werden dafür nun »Search Days« in Deutschland veranstaltet. Das Besondere ist, dass Menschen aktiv mitarbeiten können, gerade auch junge Leute. So entstehen neue Verbindungen zwischen beiden Ländern.

Wie gelingt es Ihnen, mehr junge Menschen einzubeziehen?
Wir fördern junge Forscherinnen und Forscher mit Preisen und Forschungshilfen. Außerdem haben wir Forschungsgruppen, eine historische Bibliothek und ein Archiv. Daneben entwickeln wir Projekte speziell für jüngere Generationen. Dazu gehört auch die deutsch-israelische Schulbuchkommission. Hier werden Materialien aus unserem Archiv zweisprachig online zugänglich gemacht, sodass Schulen in Israel und Deutschland damit arbeiten können. Uns ist wichtig zu zeigen, dass deutsch-jüdische Geschichte nichts Verstaubtes ist, sondern bis heute gesellschaftlich relevant bleibt.

Welche Rolle spielt das Archiv des Leo Baeck Instituts?
Eine sehr große. Wir möchten die Digitalisierung unserer Bestände weiter ausbauen. Viele Dokumente verschwinden heute, weil jüngere Generationen alte Briefe oder Unterlagen nicht mehr lesen können. Deshalb möchten wir stärker mit Familien zusammenarbeiten. Oft liegen dort persönliche Dokumente oder Fotos, die wichtige Teile deutsch-jüdischer Geschichte erzählen. Unser Ziel ist es, dieses Erbe für kommende Generationen zu bewahren.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Ja, ich würde gern ein großes Oral-History-Archiv aufbauen. Es gibt bereits zahlreiche Interviews mit bedeutenden Persönlichkeiten des deutsch-jüdischen Austauschs, die wir online zugänglich machen wollen, mit Suchfunktion und kompletter Verschriftlichung. Gerade das gesprochene Wort eröffnet oft einen besonderen Zugang zur Geschichte.

Ihr eigener Weg führte von Deutschland nach Israel. Wie prägt das Ihre Arbeit?
Der Umzug nach Israel war eine bewusste Entscheidung, auch als Familie. Ich habe in Heidelberg, Frankfurt, Berlin und schließlich Jerusalem gelebt. Meine wissenschaftlichen Interessen lagen immer im Bereich deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur sowie deutsch-israelischer Beziehungen. Im Leo Baeck Institut verbinden sich für mich diese akademischen Interessen mit dem Wunsch, gesellschaftlich etwas zu bewegen. Die Werte der Gründer, darunter Martin Buber oder Gershom Scholem, sind bis heute relevant.

Das Institut feierte vor Kurzem sein 70-jähriges Bestehen. Wie relevant ist das Thema heute noch?
Sehr relevant. Das Institut hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert und weiterentwickelt. Heute erleben wir ein enormes Interesse – und nicht nur bei Nachkommen deutschsprachiger Juden. Die Themen reichen von Literatur und Architektur bis zu Sport oder Alltagsgeschichte. Das deutsch-jüdische Erbe hat Europa und Israel entscheidend geprägt und wirkt bis heute nach. Das Leo Baeck Institut versteht sich ausdrücklich als Brückenbauer. Es geht nicht nur um akademischen Austausch, sondern darum, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.

Ist das gerade in polarisierten Zeiten wichtig?
Das ist es, und dafür steht auch Leo Baeck als Namensgeber des Instituts. Er verkörperte einen verbindenden Gedanken, unabhängig von religiösen oder politischen Unterschieden innerhalb des Judentums. Diesen Ansatz möchten wir weitertragen und bewusst unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Instituts?
Ich wünsche mir, dass es ein offener Ort für Austausch bleibt, für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso wie für die interessierte Öffentlichkeit in ganz Israel. Und dass wir weiterhin eine lebendige Brücke nach Deutschland und in die deutschsprachigen Länder schlagen können – weit über die akademische Arbeit hinaus.

Mit dem Judaisten und Germanisten sprach Sabine Brandes.

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