Im Jahr 1988 kreierte ich – damals noch als Student des legendären Nam-June Paik an der Kunstakademie Düsseldorf – einen siebenarmigen Metall-Leuchter, die jüdische Menora, gekrönt mit sieben kleinen Monitoren, aus denen sieben Antennen ins Unbestimmte herausragten. Auf den kleinen Schwarz-Weiß-Monitoren brannte ein elektronisches Feuer, das aus »Irgendwo« mithilfe eines kleinen TV-Senders zu den Monitoren übertragen wurde. Die unsichtbare Übertragung des Feuers hatte eine metaphysische Bedeutung. Ich nannte die Arbeit »Inventur«.
Während der damaligen Jahresausstellung stellte ich die Menora auf der Zwischenetage des monumentalen Treppenhauses der Kunstakademie aus. Um den Leuchter herum platzierte ich einige leere Feuerlöscher. Es kostete mich damals viel emotionale Überwindung, meine Identität preiszugeben. Ein weiteres Motiv für die Menora war die Erkenntnis, dass die Bedrohung der Juden in Deutschland endgültig erloschen war. Die Feuerlöscher waren nicht mehr funktionsfähig. Das jüdische Feuer konnte nicht mehr gelöscht werden.
Als Kind von Holocaust-Überlebenden waren deren Überlebenserfahrungen dauerpräsent
Als Kind von Holocaust-Überlebenden waren deren Überlebenserfahrungen bei uns dauerpräsent. Nam-June Paik bemerkte bei der Eröffnung der Jahresausstellung damals: »Ich habe den Buddha vor dem Fernseher kreiert« (die ikonische Videoarbeit des Vaters der Videokunst), »und du hast eine Video-Menora gemacht – nicht schlecht.«
Die Arbeit wurde in verschiedenen internationalen Ausstellungen gefeiert. Sie wurde in Kunstzeitschriften in Frankreich, den Vereinigten Staaten und Deutschland besprochen und mit Preisen ausgezeichnet. Ein Besucher der Jahresausstellung wollte mir damals für die Menora 6000 D-Mark geben. Obwohl ich kaum Geld hatte, lehnte ich ab. Ich hoffte, dass die Arbeit einen würdigen Ausstellungsort finden würde.
Plumper Antisemitismus wäre mir in gewisser Weise lieber.
Und tatsächlich wurde ich ein Jahr später von dem damaligen Gründungsdirektor des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe, Heinrich Klotz, angesprochen, ob ich die Arbeit für die neue entstehende Sammlung des Hauses verkaufen würde. Ich fühlte mich geehrt – vor allem, als feststand, dass es die erste Arbeit der neuen Sammlung werden sollte. Sie erhielt die Inventarnummer 001.
Im Katalog der »MultiMediale 2« im ZKM in Karlsruhe schrieb damals Wolfgang Werth unter anderem: »Michael Bielickýs Kunst tritt überraschend auf den Plan: Mit ihr hatte man nicht mehr gerechnet. Archaisches und Zeitgenössisches, jüngste Geschichte und Zeitloses prallen aufeinander in einer leisen Arbeit, die eine Flut von Assoziationen auslöst, ohne sie zu lenken.«
Die Mauer fiel, und ich hatte das Glück, als Professor an die frisch reformierte Prager Kunstakademie berufen zu werden. Ich sollte die Klasse für Neue Medien gründen. Nam June Paik gab mir 10.000 D-Mark und sagte nur: »Go for it and get the equipment.«
Die Schlagzeilen der Tageszeitungen klangen surreal
Zur gleichen Zeit wurde der Dramatiker Václav Havel Präsident der damaligen Tschechoslowakei. Die Schlagzeilen der Tageszeitungen klangen surreal: »Václav Havel empängt Frank Zappa auf der Burg« oder »Die Rolling Stones gestalten die Beleuchtung der Prager Burg«.
Man konnte sich damals kaum vorstellen, in der »Bild« oder der »FAZ« zu lesen: »Helmut Kohl empfängt Mick Jagger im Palais Schaumburg.« Dafür konnte man in Prag aus der Zeitung erfahren: »Der amerikanische Präsident Bill Clinton und Václav Havel spielten gestern zusammen im Jazzklub ›Reduta‹.« Es entstand eine CD aus ihrer musikalischen Session mit dem Titel »The Two Presidents«.
Man traf in diesem Prager Märchen die unterschiedlichsten Persönlichkeiten: den legendären Ethnobotaniker und Mystiker Terence McKenna, den Philosophen Vilém Flusser, Schimon Peres, den Dalai Lama, Allen Ginsberg, die Band Kraftwerk und viele mehr. Bizarrerweise begegnete ich manchen von ihnen am Pissoir, neben ihnen stehend.
Der Turbokapitalismus nahm an Umdrehungen zu. Das jüdische Prag bestand nicht mehr nur aus Friedhöfen und Museen, sondern aus lebendigen Menschen. Sie suchten nach Kafka und seinem Ungeziefer und nach dem großen Rabbi Löw, dem großen MaHaRaL, und seinem Golem.
Wenn ich Gäste aus dem Ausland hatte, fragte ich sie: »Wollt ihr unseren Präsidenten Václav Havel sehen?« Dann gingen wir ins legendäre »Café Slavia« an der Moldau, und da saß er tatsächlich, umgeben von Künstlern und Intellektuellen. Meine Gäste staunten – und ich auch.
Prag wurde zu einem Magnet für die Weltbohème
Prag wurde zu einem Magnet für die Weltbohème. Viele Bekannte und Unbekannte meldeten sich bei mir, um mir mitzuteilen, dass sie mich bald »besuchen« würden. In meiner Verzweiflung vor dem sich anbahnenden Besucher-Tsunami sprach ich damals eine Ansage auf meinen Anrufbeantworter: »Wenn Sie nicht planen, nach Prag zu kommen, können Sie eine Nachricht hinterlassen.«
Einige Jahre später wurde ich von dem Architekten Daniel Libeskind gefragt, ob ich für sein damals neu entstehendes Jüdisches Museum in Berlin auch so eine Menora gestalten würde. Als wir uns in Berlin trafen, stellte sich Libeskind vor, dass der Leuchter in einem seiner
VOID-Räume des Museums installiert werden sollte.
Am 11. September 2001 stand ich im Jüdischen Museum in Berlin auf der Leiter und montierte gerade den letzten Monitor auf der Menora. Ich fiel fast herunter, als ich durch einen Telefonanruf erfuhr, dass gerade die beiden Türme des World Trade Center in New York kollabiert waren. Die Eröffnung der Ausstellung wurde verschoben. Die Menora wurde am Ende nicht im Void-Raum, sondern anderswo im Museum ausgestellt. In der Besprechung des neu eröffneten Jüdischen Museums im Feuilleton der »Zeit« wurde die Menora gefeiert.
In den beiden Institutionen traf sich die künstlerische und intellektuelle Weltelite
Ich sollte später wieder Glück haben: Ich wurde als Professor an die Staatliche Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe berufen. Die Kunsthochschule lag im selben Monumentalgebäude wie das renommierte ZKM. In den beiden Institutionen traf sich die künstlerische und intellektuelle Weltelite. Es war ein Traum: In den folgenden 17 Jahren durfte ich dort lehren, forschen und gleichzeitig ausstellen. Die »Zeit« bezeichnete das Haus damals als den »Neuen Olymp«. Peter Weibel und Peter Sloterdijk brachten »Gott und die Welt« ins ZKM und in die HfG: Bob Wilson, Laurie Anderson, Noam Chomsky, Bruno Latour, Sasha Waltz, Boris Groys und viele andere. An der HfG gab es auch überdurchschnittlich viele jüdische Professoren und Professorinnen aus der ganzen Welt.
Meine Hochschule, die HfG, änderte später aber radikal ihr Gesicht: Ein BDS-Mob jagte mich aus der Hochschule. Absurder hätte es Kafka nicht erfinden können. »From the River to the Sea« ist die neue Doktrin mancher dort. Die Lehrenden vergeben einander intern die begehrten Dauerprofessuren. Manche haben nicht einmal ein eigenes Werk vorzuweisen und werden trotzdem berufen. Nicht die Qualifikation, sondern die »richtige« Ideologie zählt!
Das ZKM hat vor circa zwei Jahren eine »große« Ausstellung aus der eigenen Sammlung angekündigt. Viele Künstlerinnen und Künstler wurden deshalb angefragt, ich aber nicht. Irgendwie habe ich es verdrängt, mir dabei etwas zu denken.
Aus dem Prager Jüdischen Museum kam dann auch noch die Anfrage, die Menora dort zeigen zu wollen. Die Eröffnung sollte ein halbes Jahr nach der Eröffnung im ZKM stattfinden.
»The Story That Never Ends«
Vor Kurzem wurde die Sammlungsausstellung unter dem Titel »The Story That Never Ends« im ZKM tatsächlich eröffnet. Bei der Eröffnung sprachen mich nicht wenige Besucher darauf an, wo meine Arbeit »Menora/Inventur« installiert sei und ob ich sie dorthin führen könnte. Ich war etwas verlegen, weil ich die Ausstellung noch nicht gesehen hatte und so keine eindeutige Antwort geben konnte.
Diesmal werde ich funktionsfähige Feuerlöscher um die Menora platzieren.
Die Menora war nicht da! Angesichts der Zeiten, in denen wir heute leben, kam das für mich nicht ganz überraschend. Die Menora ist alles andere als ein neutrales Symbol. Sie würde sicher bei manchen Besuchern so etwas wie »gemischte Gefühle« hervorrufen.
Natürlich ist es seitens des ZKM keine antisemitische Geste, die Menora nicht zu zeigen. Es ist schlimmer: Es ist diese schleichende Verschiebung im Umgang mit jüdischen Themen in der heutigen Zeit. Es ist eine Art von bizarr anmutendem Appeasement-Verhalten. Es ist kaum greifbar – und trotzdem ist es da.
Eines der am längsten andauernden Unbehagen in der Menschheitsgeschichte
Plumper Antisemitismus wäre mir in gewisser Weise lieber. Den kann man wenigstens eindeutig erkennen. Keiner beschreibt diesen Umstand besser als der Engländer David Baddiel in seiner brillanten und witzigen Abhandlung Jews Don’t Count (auf Deutsch unter dem Titel Und die Juden? erschienen). Das Unbehagen gegenüber Juden ist offenbar eines der am längsten andauernden Unbehagen in der Menschheitsgeschichte.
Nach 38 Jahren werde ich im Dezember in Prag um die dort ausgestellte Menora wieder einige Feuerlöscher platzieren. Diesmal werden sie aber funktionsfähig sein. Die Arbeit wird INVENTUR 2.0 heißen. Ja: The Story That Never Ends.
Der Autor ist tschechisch-deutscher Medienkünstler. Er war Professor für Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe.