»J’accuse«

Sündenbock der Republik

Der Film erzählt die Geschichte des Offiziers Alfred Dreyfus, der Opfer einer judenfeindlichen Intrige wird. Foto: imago

»J’accuse«

Sündenbock der Republik

In Frankreich sorgt Roman Polanskis Verfilmung der Dreyfus-Affäre für volle Kinosäle

von Anina Valle Thiele  16.12.2019 11:13 Uhr

Schon die Einstiegsszene löst ein Schaudern aus, wirkt sie doch wie eine öffentliche Hinrichtung: Am 5. Januar 1895 werden Alfred Dreyfus (Louis Garrel) vor der Armee die Knöpfe von der Uniform gerissen, sein Säbel zerbrochen. »Sie degradieren einen Unschuldigen!«, wird der schmale, zu Unrecht erniedrigte Mann noch mit gedrückter Stimme ausrufen.

Dieser öffentlichen Demütigung aufgrund eines ihm vom französischen Militär untergeschobenen Landesverrats zugunsten der Deutschen sollen rund 20.000 Pariser beigewohnt haben. Im Film begaffen sie das Spektakel sensationsgierig, hängen hinter den Gittern und brüllen ihre Wut gegen Juden heraus.

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Dass ausgerechnet der 1977 in Los Angeles wegen »Vergewaltigung unter Verwendung betäubender Mittel« der seinerzeit 13 Jahre alten Samantha Jane Gailey angeklagte Regisseur Roman Polanski, der seit seinem Strafprozess in den USA in Paris lebt, die Dreyfus-Affäre unter dem Titel J’accuse herausbringt, sehen viele als Provokation.

AKRIBISCH Dem Erfolg seines Films scheint es nicht zu schaden, er gewann bei den Filmfestspielen in Venedig 2019 den »Großen Preis der Jury« (Silberner Löwe). In Frankreich hatten sich nach dem Start am 13. November in nur einer Woche bereits 500.000 Menschen den Film angeschaut. Wohl, damit in Deutschland nicht nur frankophile Akademiker den Film sehen, wird er hier ab 6. Februar 2020 unter dem Titel Intrige anlaufen.

In Zeiten des neuen Antisemitismus ist der Film ein Statement.

Es sind Schauspieler mit Rang und Namen, auf die der Regisseur setzt. Neben Jean Dujardin und Louis Garrel in den Hauptrollen spielt die Ehefrau Polanskis, Emmanuelle Seigner, mit – in der Rolle der sinnlichen und doch selbstbestimmten Geliebten des Major Picquart. Mathieu Amalric gibt wie meist den »bad boy«, einen Dokumentenforscher, der die Handschrift von Dreyfus erkannt haben will.

ERSCHÜTTERUNG Akribisch rekonstruiert Polanski das Puzzle der Dreyfus-Affäre und lässt keinen Zweifel am dokumentarischen Charakter seines Films, der die wichtigsten Etappen des zwölf Jahre anhaltenden Albtraums (1894–1906) nachzeichnet. Es ist bereits der zehnte Film über diesen Justizskandal, in Frankreich schlicht »l’Affaire« genannt, der die dritte Französische Republik in ihren Grundfesten erschütterte und vor allem den massiven und weit verbreiteten Antisemitismus offenbarte. Gleichzeitig stellt er einen Wendepunkt in der Entwicklung der zionistischen Idee dar.

Die Dreyfus-Affäre spaltete nicht nur die französische Gesellschaft in Gegner und intellektuelle Verteidiger wie Emile Zola, der mit der Schrift J’accuse den Justizapparat, die Armee und die Regierenden angriff. Auch jüdische Intellektuelle wie Leon Blum und Hannah Arendt nahmen Jahrzehnte später Stellung zur Dreyfus-Affäre, da sie im Vorzeigeland der Revolution wie ein Fanal wirkte, dass aller Fortschrittshoffnung zum Trotz das bürgerliche Freiheitsversprechen Juden letztlich nicht umfasst.

Die Dreyfus-Affäre spaltete die französische Gesellschaft in Gegner und intellektuelle Verteidiger.

Auf Marcel Prousts Charakterisierung der »Hofjuden« Bezug nehmend, zu denen sie auch die Bankiersfamilie Rothschild zählte, beschreibt Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, wie die Assimilation von Juden in die Salons der Pariser Bourgeoisie scheinbar weitgehend gelang, während sie Konflikte und ein Ende der »Toleranz« da ausmacht, wo assimilierte Juden nach dem gleichberechtigten Zugang zur Spitze der Gesellschaft, hier der Armee, trachteten. Dies illustriert Polanskis Darstellung von Alfred Dreyfus, der in Armeekreisen immer nur »der Jude« genannt wird.

FARCE Der Film zeigt die Etappen des Prozesses als ausgemachte Farce rund um die falsche Beschuldigung von Alfred Dreyfus aus der Sicht des Majors Georges Picquart – grandios gespielt von dem in Frankreich als Komiker bekannten Jean Dujardin. Polanski zeichnet Picquart, der eine Schlüsselfigur für die Rehabilitation von Dreyfus war und gegen den Willen der Armeefunktionäre versuchte, die Unschuld von Dreyfus zu beweisen, als Kind seiner Zeit; er ist kein eingefleischter Antisemit, aber ein Mann mit Prinzipien, der hohes Ansehen in der Armee genießt und keinerlei Sympathien für Juden hegt.

Zweimal wird Dreyfus sich im Film bittend an Picquart wenden; einmal fragt er ihn, ob er an der Militärschule eine schlechtere Note von ihm bekommen habe, weil er jüdisch ist, und Picquart räumt ein, dass er Juden nicht mag, aber ihn nicht deshalb schlechter benotet hat. In der Schlussszene wendet sich Dreyfus noch einmal an Picquart mit der Bitte, seine verlorenen Jahre in der Haft seinem Dienstgrad anzurechnen. Bedauernd wird er ihn aus seinem Ministerbüro schieben. Picquart wurde zum General befördert und 1906 im Kabinett der Dreyfusards Georges Clemenceau zum Kriegsminister befördert.

Trotz der über zwei Stunden Spieldauer hat der Film kaum Längen.

Dreyfus selbst wurden die Jahre, die er unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert war, nie in seiner Militärkarriere anerkannt. Der in weiten gesellschaftlichen Kreisen Frankreichs grassierende Antisemitismus und Deutschenhass vermischt sich hier und wird auf den aus dem Elsass stammenden Alfred Dreyfus projiziert. Dennoch ist gerade Picquart in Polanskis Film eine Figur, die nach ihrem Gewissen handelt – im Gegensatz zu den nationalistischen Soldaten seiner Armee, die blind Befehlen folgen.

NUANCIERT Trotz der über zwei Stunden Spieldauer hat der Film kaum Längen. Neben Jean Dujardin glänzt Louis Garrel als Dreyfus, die Dialoge sind nuanciert und die Intrigen des Militärstabs spannend inszeniert. Wann immer eine nacherzählte Szene (zum Teil Rückblenden) droht, zu explizit zu werden, löst Polanski dies durch einen Schnitt.

Die herrschaftlichen Kostüme des 19. Jahrhunderts und die Kulisse erscheinen nur selten künstlich – wenngleich die Szene, in der Dreyfus auf die Teufelsinsel gebracht wird, etwas arg melodramatisch anmutet. Da schaukelt das Boot mit dem Gefangenen an Bord in stürmischer See, es donnert, und auf der verwilderten Insel in Französisch-Guayana werden dem flehenden Gefangenen eiserne Fußfesseln angelegt.

Vor allem aber gelingt es Polanski, das gesellschaftliche Klima der dritten französischen Republik, den aufkeimenden Nationalismus und den im Zuge der Dreyfus-Affäre überdeutlich zutage tretenden Antisemitismus beklemmend greifbar zu machen. In Tagen, in denen in Frankreich regelmäßig jüdische Friedhöfe geschändet werden, ist Intrige ein Statement.

Intrige (J’accuse). Großbritannien, Polen, Frankreich 2019. Regie: Roman Polanski

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