Kulturkolumne

Späte Erkenntnis

Der Psychotherapeut Viktor Frankl Foto: picture-alliance / brandstaetter images/Viktor Frankl Institut

»Muss ich mir von mir selbst alles gefallen lassen?« Da purzelt plötzlich eine Frage ins Leben und macht sichʼs in der Seele so bequem wie auf Freuds Couch. Die Frage stammt von einem der drei großen Wiener Meister der Psychotherapie, von Viktor Frankl. In jenem Museum, das seinen Namen trägt, übrigens einem Muss bei jedem Wien-Besuch, leuchten diese klug-provozierenden Worte auf einer Schautafel. Seither kitzeln sie mich, sie triggern, wie es neudeutsch heißt, und legen sich mit meinem Verstand an.

Komm geh, flüstert die innere Stimme, lenk nicht ab, nicht nur die Blödheiten der anderen gehen dir ans Gemüt. Frag dich selbst: Musst du dir lebenslang deine lächerliche Panik vor Spinnen gefallen lassen und die große, immerwährende Furcht vor Liebesverlusten? Wäre es nicht zudem an der Zeit, deine Unart, die Franz Kafka zur Hauptsünde der Menschheit erklärte, im Sondermüll der Beklopptheiten zu entsorgen? Wegen der Ungeduld seien wir aus dem Paradies vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehrten wir nicht zurück. Kafka – Literatur trifft Buddha. Meine Ungeduld quält mich, seit ich zwei Wochen zu spät auf die Welt kam.

Literatur trifft Buddha

Nun ist bekannt: In fortgeschrittenem Alter dauern derlei Verhaltensänderungen länger, verantwortungsvolle Analy­tiker nehmen Patienten meines Alters nicht mehr an. Also muss die laienhafte Selbstanalyse reichen und das Nachdenken darüber, wie Viktor Frankl auf seine spezielle Frage gekommen ist.

Sein berühmtestes Werk … trotzdem Ja zum Leben sagen hat er vor 80 Jahren veröffentlicht. Dieses »Ja« grundierte sein Leben, mit dem er hätte abschließen können. Die Option stand für ihn am Kriegsende ganz kurz im Raum. Seine junge Frau, sein ungeborenes Kind, sein Bruder und seine Eltern waren Opfer der Schoa geworden. Frankl hat als Psychiater und als Häftling die Lager überlebt und dies als Auftrag für die Zukunft verstanden. So folgte nach dem Krieg eine Weltkarriere als Wissenschaftler. Und ein humorvoll-philosophischer Umgang mit den eigenen Ängsten.

»Ein Dichter hat einmal gesagt: Was du erlebt hast, kann keine Macht der Welt dir rauben.«

Muss ich mir von mir selbst alles gefallen lassen? Frankl litt unter Höhenangst. Sollte er ihretwegen keine Ausblicke genießen? Er ließ sich seine Angst nicht gefallen, wurde Bergsteiger und kletterte bis ins hohe Alter an Abgründen entlang. Der Extrembergsteiger Reinhold Messner wollte in einem Interview mit Frankl wissen, wie er, Messner, später einmal mit seinem physischen Verfall klarkommen könne. Frankls Antwort: »Ein Dichter hat einmal gesagt: Was du erlebt hast, kann keine Macht der Welt dir rauben.«

Die Angst als Teil des Ichs

Mit 67 Jahren machte Frankl seinen Flugschein. Vor dem ersten Flug ohne Lehrer wollte er wissen: »Wer ist stärker, ich oder ich?« Die Angst als einen Teil des Ichs hat er sich nicht gefallen lassen und die Prüfung dank des anderen Teils bestanden. Mit einer lächelnden, überragenden Lebensweisheit schließlich ist er als 92-Jähriger der lebensbedrohlichen Bypass-Operation begegnet.

Frankl bedankte sich zuvor liebevoll bei seiner Ehefrau für die gemeinsamen Jahre und beruhigte im Operationssaal nervöse Ärzte, die den berühmten Patienten operieren sollten: »Meine Herren, die Situation entbehrt jeder Tragik.« Sein letzter Satz. Frankl nahm damit sich selbst und denen, die ihn begleiteten, ein klein wenig die Angst vor dem Tod. Es wird Zeit, seine Werke wieder zu lesen und dringend Zeit, sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen.

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