Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

John Schlesinger mit Julie Christie Foto: picture alliance / Colin Jones / TopFoto

Um sich dem Werk des britischen Regisseurs John Schlesinger (1926-2003) zu nähern, fängt man am besten mit einer Zahnbehandlung an. Im Film »Marathon Man« (1976) wird der New Yorker Student Babe Levy (Dustin Hoffman) von einem einstigen KZ-Arzt (Laurence Olivier) auf dem Zahnarztstuhl gefoltert. Schlesinger, dessen Geburtstag sich am 16. Februar zum 100. Mal jährt, hat damit eine der berüchtigtsten Szenen der Filmgeschichte geschaffen. Obwohl gar nicht auf den visuellen Schock hin inszeniert, hat sie eine ungeheure Suggestionskraft. Sie gehört, wie etwa Marilyn Monroes wehender Rock über dem U Bahn-Schacht, zu jenen legendären Kinobildern, die selbst diejenigen kennen, die den Film gar nicht gesehen haben. Seinerzeit bei »Marathon-Man« sollen Zuschauer in Massen das Kino verlassen haben - um anschließend wieder zu kommen.

Filmplakat MARATHON MAN von John Schlesinger (1976)Foto: picture alliance / Collection Christophel

Den ganzen Film prägt jene beklemmende Atmosphäre aus Paranoia und Verschwörungstheorie, die das beherrschende Thriller-Thema der 1970er Jahre bildete. New York erscheint hier als Brutstätte einer unterschwelligen, aber allgegenwärtigen Gewalt. Ein versagender Motor, so die furiose Eröffnungssequenz von »Marathon Man«, ist der Auslöser für eine geschichtsträchtige Konfrontation: ein Alt-Nazi im Mercedes und ein Jude im Chevrolet liefern sich ein Autorennen, das schließlich tödlich endet.

Atmosphärische Dichte

Der Film stellt auch die bevorzugte Inszenierungstechnik von Schlesinger aus: Im harten Schnitt wechseln Schauplätze und Handlungsstränge einander ab. Eine Aura von rauer Alltäglichkeit wird erzeugt, die das Publikum in eine urbane Reiz-Überflutung eintauchen lässt. Es ist der spezielle Zeitgeist-Charme der Schlesinger-Filme, an deren atmosphärische Dichte so mancher Regisseur, aktuell etwa Josh Safdie und sein Oscar-nominierter »Marty Supreme«, noch heute anzuknüpfen versucht.

Geboren wurde John Schlesinger 1926 in London, er hatte jüdische Vorfahren. Seine Mutter hatte mit 14 Jahren das Musikstudium am Londoner Konservatorium aufgenommen. Nach dem Studium in Oxford begann Schlesinger seine Karriere im Theater und als Nebendarsteller in britischen Film- und Fernsehproduktionen der 50er Jahre. 1956 wechselte er für erste Dokumentarfilme - unter anderem über Benjamin Britten - in den Regiestuhl. Mit »Nur ein Hauch Glückseligkeit« (A Kind of Loving, 1962) drehte er seinen ersten Spielfilm - und gewann prompt den Goldenen Bären der Berlinale.

Gespür für Beziehungen jenseits der Männer- und Frauenklischees

Ein Riesenerfolg in Großbritannien wurde auch »Geliebter Spinner« (Billy Liar, 1963), eine verspielt-bittere Liebeskomödie. Schlesinger zeigte Gespür für Beziehungen jenseits der Männer- und Frauenklischees seiner Zeit. Von den »angry young men« der britischen Nachkriegskultur hob er sich außerdem damit ab, dass er aus seiner Identität als Homosexueller kein Geheimnis machte. Sein Umgang damit war zu Anfang der 1960er noch von nötiger Diskretion geprägt - Homosexualität stand in England bis 1967 unter Strafe.

Aber spätestens mit »Asphalt-Cowboy« (Midnight Cowboy, 1969), dem ersten Film, den er in den USA drehte, wurde er zu einer wichtigen Figur der um Offenheit ringenden Schwulenbewegung. Zum einen, weil der Film homosexuelle Themen mit einem Ernst behandelte, der zu jener Zeit ungewöhnlich war, zum anderen, weil der Regisseur dahinter seine sexuelle Orientierung nicht verbarg, auch wenn er damit keine identitätspolitische Werbung gemacht hat.

Filmplakat zu MIDNIGHT COWBOY von 1969 des Regisseurs John Schlesinger mit Dustin Hoffman und Jon Voight. Foto: picture alliance / COLLECTION CHRISTOPHEL

»Asphalt-Cowboy« sollte der erste Film werden, dem es trotz einer Einstufung als X-Rating (verboten für Minderjährige) gelang, drei Oscars (bester Film, beste Regie, bestes adaptiertes Drehbuch) zu gewinnen. Das X-Rating erhielt »Asphalt-Cowboy« nicht, weil zu viel nackte Haut gezeigt wurde, sondern wegen seiner expliziten Sprache.

Jon Voight spielt den Provinzler, der nach New York kommt und für Geld Sex mit vermögenden Frauen haben will. Mit dem Kleinkriminellen Rizzo (Dustin Hoffmann) findet er unerwartet einen nahen Freund. Der unverstellte - und im buchstäblichen Sinne schamlose - Blick, den Schlesinger hier auf die Geschlechterökonomie, auf die Tauschverhältnisse von Körper und Macht, wirft, überrascht noch heute.

Kuss zweier Männer

Dem Regisseur ging es weniger um Realismus als um eine Unmittelbarkeit der Darstellung, die an gesellschaftliche Tabus rührte. War das 1961 im Falle von »Nur ein Hauch Glückseligkeit« noch ein Paar beim Kondomkauf, empörte sich zehn Jahre später, 1971, ein Teil des Publikums über den Kuss zweier Männer in »Sunday, Bloody Sunday«. Laut einer Anekdote musste er sein Aufnahmeteam - nicht die Schauspieler - erst zu der Szene überreden.

Zwischen den USA und Großbritannien wechselnd, drehte Schlesinger bis zum Jahr 2000 Filme; an den Erfolg der 1970er konnte er aber nie mehr ganz anknüpfen. Er starb am 25. Juli 2003 im Alter von 77 Jahren in Palm Springs in den USA.

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