Das Motorrad steht – wenn auch etwas lädiert – bereit, von einigen hat sich Dr. Robby bereits verabschiedet, jetzt fehlt nur noch, dass diese letzte Stunde seiner Schicht vorbei geht. Endlich, mag sich die Serienfigur, die auf einen lang ersehnten Roadtrip gehen möchte, vielleicht denken.
Wie schade, mag das Publikum denken, das seit 15 Wochen geduldig auf den Freitag wartete, um die nächste Folge von The Pitt zu sehen, dieser Serie von R. Scott Gemmill, die viele andere Serien aus dem Bereich Arzt und Krankenhaus in ihren Schatten stellte.
Wenig Drama, viel Realität – das ist das Geheimnis von »The Pitt«
Wie ihr das unter anderem gelang? Fast keine Musik, eine ruhige und fast dokumentarisch anmutende Kameraführung, keine Soap-Opera-Dialoge oder anderer Schmalz. Direkte Bilder, auch viele zum Wegsehen, weil doch sehr direkt, und eine große Kelle Realität.
Erst kürzlich erzählte Dhruv Khullar, ein junger Arzt und Autor des New Yorker auf dem Instagram-Account des Magazins, wie sehr The Pitt den Alltag von Notfall-Medizinerinnen und -Medizinern in den USA beinahe real zeige. Auf die erste Staffel, so beschrieb Produzent und Hauptdarsteller Noah Wyle es in einem Interview mit dem Zeit-Magazin, seien sogar Reaktionen von Pflegern und Ärzten gekommen, die zwei Charakteren, eine »zweite Chance« geben wollten.
Viele Jahre spielte Noah Wyle in der Serie »ER« Dr. John Carter. Jetzt ist er der jüdische Arzt Dr. Michael Robinavitch
Wyle sprach in dem Interview mit der »Zeit« auch über seine jüdische Herkunft, die ganz bewusst in die Rolle mit eingeflossen ist: Wie es zu dem Namen von Dr. Robinavitch kam, schilderte er so. »Wo kommt deine Familie her?« war die Frage des Showrunners, der nach einem Namen für die Rolle suchte. Es sollte ein Unterschied zu Wyles erster Verkörperung eines Arztes, Dr. John Carter, in der erfolgreichen Serie ER sein, die Wyle mehrere Jahre spielte. »Ich sagte: Meine Wurzeln sind russisch, ukrainisch und jüdisch. Er wollte den Familiennamen wissen – der eine Zweig hieß Levinski, der andere Rabinovich, und John war begeistert: Rabinovich, das drehen wir um, dann heißt er Robinavitch, und sein Spitzname ist Robby. Ich wusste erst nicht ganz, ob mir das gefiel. Die Serienfigur sollte heißen wie mein Urgroßvater, und ich sollte einen Juden spielen? Das hatte ich noch nie getan. Ich habe mich dann drauf eingelassen, erst mal nur, weil ich die Aufgabe reizvoll fand.«
Nach dem 7. Oktober habe das Ganze für ihn eine »eine andere Bedeutung, ein größeres Gewicht« bekommen, »gerade weil die Serie in Pittsburgh spielt, dem Ort des Anschlags auf die Tree-of-Life-Synagoge, bei dem 2018 elf Menschen starben«. Zu zeigen, wie Menschen unterschiedlicher Religionen nach solchen katastrophalen Ereignissen auch zusammenhalten und sich gegenseitig stützen können, das sei auch eines der Ziele von The Pitt gewesen. »Bei meinen Recherchen zu dem Massaker war das jedenfalls ein Aspekt, der mir in der Berichterstattung danach viel zu kurz gekommen zu sein schien: wie solidarisch sich die muslimische Gemeinde mit der jüdischen zeigte.«
Wann die dritte Staffel beginnt, darüber gibt es noch viele Spekulationen.
The Pitt ist eine TV-Serie, das sollte bei aller Realität nicht vergessen werden. Eine, die viele gut geschriebene und komplexe Charaktere in sich vereint, deren berufliche und private Probleme zeigt, ohne in eine Grey’s Anatomy oder gar Schwarzwaldklinik-Wunschwelt abzudriften. Vielleicht auch deswegen ist sie derart erfolgreich. Bei den Emmy Awards 2025 wurde die Serie immerhin fünfmal ausgezeichnet.
Bis die nächste Schicht, also die dritte Staffel, beginnt, ist noch nicht so ganz klar, es könnte 2027 weitergehen, vielleicht im Frühjahr, aber das alles ist wilde Spekulation. Bis dahin kann man entweder alle 30 Folgen von The Pitt – jeweils eine pro Woche – noch einmal sehen oder man hält sich mit den vielen Reels der Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter so interessante wie Taylor Dearden, die Tochter von Breaking Bad-Darsteller Bryan Cranston, Alexandra Metz oder den walisischen Schauspieler Gerran Howell in den sozialen Medien über Wasser. Langweilig wird es in der Schichtpause sicherlich nicht.