Tarbut

»Rückzugsraum für Debatten«

Frau Salamander, Herr Brenner, wie würden Sie jemandem, der noch nie davon gehört hat, den Jüdischen Kulturkongress Tarbut auf Schloss Elmau erklären?
Brenner: Der frühere Zentralratspräsident Paul Spiegel sprach auf Schloss Elmau immer von einem »Machane für Erwachsene«. Tarbut ist eine einzigartige Mischung aus Diskussionen auf höchstem intellektuellen Niveau und informellem Gedankenaustausch zwischen den Generationen – das Ganze an einem Ort, von dem man nicht in die Stadt entfliehen kann.
Salamander: Tarbut heißt auf Hebräisch Kultur. Ziel von Tarbut ist es, ein kulturelles Forum für innerjüdische Debatten zu schaffen. Die Veranstaltung ist unabhängig und religiös wie gesellschaftlich neutral, wir wollen allen Strömungen im Judentum gerecht werden.

Der erste Tarbut fand vor genau 15 Jahren statt. Mit welchem Ziel haben Sie die Kulturtage damals ins Leben gerufen?
Salamander: Wir haben um die Jahrtausendwende bemerkt, dass sich in den jüdischen Gemeinden Stimmen fanden, die eine Vertiefung des Diskurses über jüdische Existenz in Deutschland forderten. Es ging uns vor allem darum, die verschiedenen Strömungen in den Gemeinden zu einem Dialog zu bewegen. Tarbut will Prozesse der Selbstverständigung organisieren und keine Reklame nach außen mit den dann üblichen Selbstdarstellungen. Elmau, der attraktive Ort in den Alpen, weitab vom üblichen Gemeindeleben, war dafür prädestiniert.

Also keine jüdische Bilderberg-Konferenz, wovon im Zusammenhang mit Tarbut gelegentlich die Rede ist?
Salamander: Davon kann keine Rede sein. Bei Prozessen der Selbstverständigung ist es nötig, dass man sich frei und unabhängig von den Reaktionen der Medien artikulieren kann. Gerade dieser Freiraum ist es, der Tarbut so anziehend macht. Öffentlichkeit allein, ohne Bezug zu ernsthaften Debatten über Inhalte, dient keineswegs der Wahrheitsfindung.
Brenner: Menschen äußern sich oft freier, wenn sie wissen, es wird nicht alles am nächsten Tag in der Zeitung oder eine Stunde später im Internet nachzulesen sein. Es muss Rückzugsräume geben – »a room of one’s own« hatte Virginia Woolf das einmal in ganz anderem Zusammenhang genannt. Tarbut ist genau so ein Rückzugsort. Diese Möglichkeit der Aussprache ohne Bedenken wegen öffentlicher Berichterstattung war uns immer wichtig. Mit Geheimniskrämerei hat dies nichts zu tun.

Es gibt bei jedem Tarbut immer auch Kritik daran, wer angenommen wurde und wer nicht. Nach welchen Kriterien vergeben Sie die Plätze?
Salamander: Wir kommen leider an gewissen Realitäten nicht vorbei. So bedauerlich es ist, dass bei Tarbut nicht dreimal mehr Teilnehmer anwesend sein können, so hat sich doch das jetzige Format von 300 Teilnehmern bewährt. Priorität bei der Platzvergabe sollen die Jüngeren haben, vor allem Studenten, und es soll immer auch ein Prozentsatz von Juden aus der Schweiz und Österreich dabei sein.

Die diesjährige Konferenz stand unter dem Motto »Juden auf Wanderschaft«. Eine Anspielung auf die Flüchtlingskrise?
Salamander: Als wir im letzten Jahr das von Joseph Roth entliehene Thema festlegten, ahnten wir nicht, wie aktuell es bei der Tagung sein würde. Europa verändert sich massiv durch die Flüchtlingskrise, Veränderungen verunsichern die Menschen. Solche Zeiten der Umwälzung waren für Juden gesellschaftspolitisch immer problematisch.
Brenner: Das Thema »Juden auf Wanderschaft« ist auch im 21. Jahrhundert und auch knapp 70 Jahre nach Gründung des jüdischen Staates aktuell geblieben. Juden gehen von Europa nach Israel, und von Israel nach Amerika und nach Europa, auch nach Berlin. Wanderung ist oftmals schmerzhaft und bedeutet Entwurzelung und Neuanfang. Sie kann aber auch kreativ sein und neue Perspektiven öffnen, was sich zum Beispiel in der Schaffenskraft jüdischer Schriftsteller widerspiegelt. Für mich war etwa das Panel zur jüdischen Literatur wieder ein Höhepunkt beim letzten Tarbut.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist in der Flüchtlingspolitik hin- und hergerissen. Einerseits möchte sie Menschen in Not helfen. Andererseits fürchten viele den massenhaften Zustrom muslimischer Flüchtlinge, weil diese Juden und Israel oftmals bis aufs Blut hassen. War das ein Thema auf der Tagung?
Brenner: Tarbut ist ein Spiegelbild der deutschsprachigen jüdischen Gemeinschaft, mit all ihren Hoffnungen und Ängsten. Ich meine, dass beim ersten Tarbut vor 15 Jahren die Hoffnungen überwogen und heute mehr die Ängste zu spüren sind. Damit verbunden sind aber auch praktische Initiativen zur Überwindung der Ängste, wie etwa die Vorstellung konkreter Projekte, sich um Flüchtlinge zu kümmern oder jüdische und muslimische Menschen zusammenzubringen.
Salamander: Zwangsläufig wurde auf dem Tarbut auch die Sorge artikuliert, dass Muslime den Hass auf Juden und Israel aus ihren Herkunftsländern mit nach Europa bringen, und wie dem entgegenzutreten sei. Da kann es dann auch schon einmal heiß hergehen – erst recht, wenn Henryk Broder einen Vortrag zum Thema hält.

Von Marcel Reich-Ranicki über Daniel Cohn-Bendit bis hin zu Ruth Klüger haben fast alle wichtigen Prominenten, die im jüdischen Leben eine Rolle spielen, an Tarbut teilgenommen. Was war Ihr persönliches Highlight in den 15 Jahren?
Salamander: Wir schauen nicht auf Prominenz, sondern auf Kompetenz. Ohne ein Ereignis herausheben zu wollen, hat mich bei den bisher neun Tarbut-Kongressen das Miteinander der Generationen am meisten gefreut. Aussprachen, die Verknotungen lösen, sind sicher die besten Resultate dieser Zusammenkünfte.
Brenner: Marcel Reich-Ranicki in intensiver Diskussion mit einer jüngeren Generation jüdischer Schriftsteller zu sehen, war schon sehr spannend. Ebenso Daniel Cohn-Bendits Reflexionen über Judentum und Israel. Besonders anregend sind auch immer die Experten aus dem Ausland.

Inwiefern?
Brenner: Wir wollen vorwiegend deutschsprachige Diskussionen, aber ein bis zwei englischsprachige Panels sind immer dabei. Das hilft uns, zu erkennen, wie dynamisch jüdische Kultur in Israel, Amerika und anderen Ländern Europas sein kann. Manches davon bleibt dann auch bei uns hängen und kommt so auf dem Umweg nach Deutschland.

Mit den Tarbut-Organisatoren sprach Philipp Peyman Engel.

Bayern

Warum Bayreuths große Pläne zum Festspieljubiläum scheitern

Schon Richard Wagner kämpfte mit Schulden und Geldproblemen. Doch dereinst sprang Bayernkönig Ludwig II. ein. Im Jubiläumsjahr 2026 ist es komplizierter

von Kathrin Zeilmann, Britta Schultejans  16.06.2026

Bayern

»Das ist in einer Demokratie Tod durch Selbstmord«

Eigentlich sollte Michel Friedman bei einer Gedenkveranstaltung zu 150 Jahren Bayreuther Festspiele sprechen. Doch die Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dafür findet er deutliche Worte

 16.06.2026

Zahl der Woche

1 Mal

Funfacts & Wissenswertes

 16.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Herbie Manns Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  16.06.2026

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  15.06.2026

Kolumne

»Ich bin bloß eine Regenwolke!«

Von Winni Puch bis Tscheburaschka: Wie sowjetische Trickfilme gegen Antisemitismus helfen

von Eugen El  14.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Erst Kurt Krömer, dann Modi Rosenfeld: Shoppen und lachen

von Katrin Richter  14.06.2026