Linguistik

Rote Rede

Gauner unter sich (auf einem mittelalterlichen Gemälde von Hieronymus Bosch) Foto: dpa

Unsere Sprache umfasst neben den regionalen Varietäten auch den Dialektverbund des »Rotwelschen«, jener ab circa 1250 im deutschsprachigen Raum geübten Kommunikation wandernder Bettler und Betrüger. Sie war eine Geheimsprache, zählt aber nach neuerer Deutung auch zu den Sondersprachen, da sie für die Randgruppen identitätsstiftend war.

Zur Herkunft des Sprachnamens stellte die Jenaer Indogermanistin Rosemarie Lühr 1995 klar, dass »rot« (für »Bettler«) selbst kein rotwelsches Wort ist. Es beruht auf dem mittelniederländischen »rot« (für »faul«). Im niederländisch-französischen Sprachenkonflikt stand »rot« in der mittelniederländischen Fügung »rot waalsch« pejorativ für »dreckiges Französisch«, wobei der Reim mit »valsch« zur Konnotation »betrügerische Rede« führte.

Sprachenzwist Von Flandern drang »rot waalsch« in die oberdeutsche Dichtersprache ein. Da es dort keinen romanisch-deutschen Sprachenzwist gab, wurde die Fügung in der durch »valsch« angeregten Bedeutung benutzt. Bei der Bezeichnung wurde »rot« (»dreckig«) zum als Genitivus subjectivus fungierenden Vorderglied (»der Bettler«) umgemünzt, wodurch sich die Bedeutung »betrügerische Sprache der Bettler« ergab.

Erstmals erscheint der Begriff »rotwalsch« in einem Passional – einer Sammlung gereimter Heiligenlegenden – aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, später in sogenannten Gyler-Verzeichnissen (Gyler = Bettler) und Gaunerbüchlein, die die Finten dieser Gauner entlarven sollten. Auf den Basler Betrügnissen der Gyler (1433/40) fußt das bedeutendste Rotwelsch-Wörterbuch, der 1510 anonym publizierte, vom Spitalmeister Matthias Hütlin aus Pforzheim erstellte Liber Vagatorum, der bis 1755 nachgedruckt und ständig nach Maßgabe der gaunerpolitischen Interessen verändert wurde.

Schlausmen Zu den nach Schätzung des Linguisten Klaus Siewert etwa 50 deutschsprachigen Geheimsprachen zählt unter anderem das sauerländische »Schlausmen« – mit jiddischen und niederdeutschen Elementen wie in folgendem Beispiel: Zwei Sensenhändler diskutieren, als sich der Pfarrer nähert. »Nu komm! Awer stäikum, Schäiz! Ment Schlausmen gedibbert! Denn roigel! Do kümmet de Gallak un de Gauzegallak hiär, dei briuket usem Schmius nitte vernuppen.« Die für uns kaum verständliche Aussage lautet auf Hochdeutsch: »Aber still, Junge! Nur Schlausmen gesprochen! Denn sieh! Dort kommen der Pfarrer und der Halbpfarrer (= Küster) her; die brauchen unsere Rede nicht zu verstehen.«

Das Rotwelsche folgt der deutschen Grammatik, beim Vokabular ist neben Deutsch der hebräisch-aramäische Anteil groß: im Liber Vagatorum (52 zu 22 Prozent) und im Schlausmen überwiegt sogar das Hebräische (48 zu 32 Prozent). »Doch ist es nicht die Sprache der jüdischen Händler und Pfandleiher«, wie Robert Jütte betont, »die von christlichen Gaunern und Bettlern übernommen wurde, sondern die ebenfalls mit Hebraismen durchsetzte Umgangssprache der sogenannten Schalantzjuden (die auf Bettel angewiesenen niederen Schichten des jüdischen Volkes).«

Zur kriminellen Unterwelt aus Christen und Juden gehörte auch der im Liber genannte Taufjude Hans von Straßburg. Die Entlehnung beleuchtet Rudolf Glanz’ Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland (1968), den linguistischen Aspekt Robert Jüttes Arbeit über Abbild und soziale Wirklichkeit des Bettler- und Gaunertums (1988).

Analyse Die ans Hebräische angelehnten Verben haben dessen Stammkonsonanten unterschiedlich bewahrt: zum Beispiel »acheln« (zu hebräisch-aramäisch »aachal«/ »essen«); »jonen« (zu hebräisch »honah«/ »betrügen«); »kimmern« (zum hebräisch-aramäischen Substantiv »knija«/»Kauf«). Hinzu kommen Wortgruppen aus hebräischem Substantiv und deutschem Verb: zum Beispiel »uff den keimen gehen«/ »sich als Taufjude ausgeben« (hergeleitet vom jüdischen Vornamen Chaim).

Zu den nach hebräisch-aramäischem Vorbild geformten Substantiven zählen kaum veränderte wie »adone«/»Gott« (zu »adonai«), andere mit Bedeutungsveränderung wie »galch«/»Priester« (zu »galach«/ »Kahlgeschorener«), solche mit deutscher Endung wie »ganhart«/»Teufel« (zu »gehinom«/»Hölle«) und im Hebräischen unübliche Zusammensetzungen wie »lymdrüschel«/»Brotbettler« (zu »lechem«/»Brot« und »daras«/»fordern«). Auch die Volksetymologie war spürbar: »sonneboß«/ »Hurenhaus« fußt nicht auf »Sonne«, sondern auf den hebräisch-aramäischen Wörtern »zona«/»Hure« und »bajit«/»Haus«.

Straßendirne Die Substantive werden (mit Ableitungssuffixen) oft semantisch verändert, zum Beispiel »floßling« (Fisch) oder »funckhart« (Feuer) nach den mittelhochdeutschen Wörtern »flozze« (Flosse) bzw. »vunke« (Funke). Umschreibungen beruhen oft auf volkstümlichen Wendungen, wie »wetterhan« (Hut) oder »wintfang« (Mantel). Im von den Gaunern ignorierten religiösen Bereich gab es persiflierende Umdeutungen: so beim jiddischen »mesusa« für die kleine Schriftrolle in einer Kapsel am Türpfosten, die Gläubige beim Vorbeigehen respektvoll berührten. Im Rotwelschen ist »mesuse« die »Straßendirne«. Wieso? Sie steht an der Tür, und jeder kann sie anfassen.

Seit dem späten 19. Jahrhundert ist das Rotwelsche seltener belegt, Spuren finden sich noch in sondersprachlichen Varianten der Händler-, Soldaten- und Studentensprachen, in der Eichstetter Mundart, im Berliner und Wiener Gassenjargon sowie in umgangssprachlichen Varianten des Deutschen (z.B. »Roter Hahn« für »Brandlegung«). Immerhin: Das Duden-Universalwörterbuch weist noch 77 Einträge als »gaunersprachlich« aus.

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 09.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  09.09.2026 Aktualisiert

»Von Monet bis Picasso«

Ausstellung in Hamburg würdigt jüdische Kunstsammler

Die Schau versammelt rund 100 Werke unter anderem von Claude Monet, Pablo Picasso, Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker und Vincent van Gogh

 09.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 09.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 10. September bis zum 17. September

 09.09.2026

Zahl der Woche

22.233 israelische Kinder und Jugendliche

Fun Facts und Wissenswertes

 09.09.2026

Musik und Politik

Pink kritisiert Macklemore für Anti-Israel-Auftritt bei Ed Sheeran

Macklemore nutzte seinen Auftritt bei einem Konzert von Ed Sheeran, um Israel Völkermord vorzuwerfen. Das hat offenbar nicht nur jüdische Organisationen verärgert, sondern auch die Sängerin Pink

 09.09.2026

Ausstellung

Der zerbrochene Messias

Utopien, Visionen und eine Frau als Erlöserin: 25 Jahre nach seiner Gründung zeigt das Jüdische Museum Berlin zwölf zeitgenössische Künstler als Kontrast zu den Schrecken der Gegenwart

von Ayala Goldmann  09.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  09.09.2026