Frankfurter Schule

Revolutionäre Intellektuelle

Das Jahr 1923 lieferte den Stoff für die akademische Arbeit quasi frei Haus. Denn als auf Initiative des jüdischen Getreidegroßhändlers Hermann Weil und seines Sohnes Felix in Frankfurt am Main vor genau 100 Jahren das Institut für Sozialforschung ins Leben gerufen wurde, stand es mit der jungen deutschen Demokratie nicht gerade zum Besten. Das Trauma des verlorenen Weltkriegs wirkte nach, Ruhrbesetzung, Hyperinflation sowie der Hitler-Putsch prägten den politischen Alltag – kurzum, es herrschte Krisenstimmung allerorten.

Aus Sicht der Gründer des Instituts gab es also Gründe zuhauf, eine materialistisch grundierte Sozialphilosophie zur Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse zu entwickeln, die verschiedene Strömungen in sich vereinte, vor allem die Lehren von Karl Marx und Sigmund Freud.

bezeichnung Ursprünglich sollte das Projekt unter dem Namen »Institut für Marxismus« firmieren, doch hätte das preußische Kulturministerium dem Ganzen dann rasch einen Strich durch die Rechnung gemacht, daher die neutraler klingende Bezeichnung.

Als Direktor der außeruniversitären, aber mit der Frankfurter Universität verbundenen Forschungseinrichtung konnte der Rechts- und Staatswissenschaftler Carl Grünberg an Bord geholt werden, der sich bereits als Historiker und Herausgeber des »Archivs für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung« einen Namen gemacht hatte.

Doch richtig an Profil gewann das Ins­titut für Sozialforschung erst mit Max Horkheimer, der 1930 die Leitung übernahm und in seiner Antrittsvorlesung vom Januar 1931 die ganze Bandbreite der interdisziplinären Programmatik auf den Punkt brachte, und zwar die Erforschung der »Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen auf den Kulturgebieten im engen Sinne, zu denen nicht nur die sogenannten geistigen Gehalte der Wissenschaft, Kunst und Religion gehören, sondern auch Recht, Sitte, Mode, öffentliche Meinung, Sport, Vergnügungsweisen, Lebensstil und so fort«.

ansatz Genau dieser breit gefächerte Ansatz war das eigentlich Revolutionäre. Intellektuelle wie Theodor Adorno, Erich Fromm oder Leo Löwenthal und Herbert Marcuse sollten das alles ausdifferenzieren und weiterentwickeln. Doch das geschah nicht in Frankfurt. Denn bereits unmittelbar nach der Machtübernahme hatten die Nazis das Institut geschlossen. Nicht nur die sich am Marxismus orientierende Ausrichtung war ihnen schon lange ein Dorn im Auge, sondern auch die jüdische Herkunft der allermeisten seiner Mitarbeiter. Sie mussten Deutschland schnellstmöglich verlassen.

Horkheimer selbst ging ins Exil nach New York, wo er an der Columbia University das Frankfurter Institut unter dem Namen Institute of Social Research neu aufstellte, das weiterhin – übrigens fast ausschließlich in deutscher Sprache – zahlreiche Publikationen veröffentlichte. Doch bald wurden die Mittel knapp, und einige Mitarbeiter heuerten beim Office of Strategic Services an, dem Vorläufer der CIA. Denn das Know-how der emigrierten Wissenschaftler war begehrt. Man wollte verstehen, wie aus Deutschen Nazis wurden, um sie so besser bekämpfen zu können und sich auf die Zeit nach Hitler vorzubereiten.

Gershon Scholem sprach vom Institut als einer der »bemerkenswertesten ›jüdischen Sekten‹«.

Eine erste Analyse lieferte Franz Neumann mit Behemoth, der den NS-spezifischen Antisemitismus ökonomisch deutete und erklärte, dass die Deutschen das am wenigsten judenfeindliche Volk seien. Das alles jedoch wurde von Adorno und Horkheimer angezweifelt, die sich dann ihrerseits empirisch mit der »Urgeschichte« des Antisemitismus auseinanderzusetzen begannen und sich verstärkt der Vorurteilsforschung widmeten.

Daraus entstand später in Kooperation mit dem American Jewish Committee die von Horkheimer und Samuel Flowerman herausgegebene Reihe »Studies in Prejudice« mit dem berühmt gewordenen Teil über die »autoritäre Persönlichkeit«.

exil Das Bemerkenswerte dabei: Erst im Exil in den Vereinigten Staaten verhandelten die jüdischen Mitarbeiter des Instituts für Sozialgeschichte genau das, was man zuvor in Deutschland in marxistischer Manier als Nebenwiderspruch der ökonomischen Verhältnisse gewissermaßen ausgeklammert hatte, und zwar die Frage der jüdischen Zugehörigkeit. »Wir wollten es nicht an die große Glocke hängen«, so Friedrich Pollock, einer der Institutsgründer, rückblickend über die Anfangsjahre nach 1923.

Das sollte sich angesichts der Ereignisse nach 1933 rasch ändern.
Anders dagegen Gershom Scholem. In den kurz vor seinem Tod 1982 erschienenen Jugenderinnerungen »Von Berlin nach Jerusalem« sprach der Religionshistoriker, der zahlreiche »Frankfurter« persönlich gut kannte, vom Institut für Sozialforschung als einer der »bemerkenswertesten ›jüdischen Sekten‹«, die »das deutsche Judentum hervorgebracht hat«.

Seine Charakterisierung bezieht sich sowohl auf die Tatsache, dass fast alle Institutsangehörigen Juden waren, als auch auf die Außenwahrnehmung der späteren Frankfurter Schule als »jüdisch«, was nicht immer frei von einem antisemitischen Grundrauschen war.

protagonisten Da hatte es mittlerweile einige der Protagonisten längst zurück nach Deutschland verschlagen. Im April 1948 bereits war Horkheimer nach Frankfurt gereist, um zu sondieren, was von den alten Institutsbeständen noch vorhanden war. Vielmehr aber reizte es ihn, die Nachkriegsgesellschaft zu analysieren. »Ich versuche herauszufinden, ob unter deutschen Menschen, vor allem unter deutschen Studenten, noch einige sind, um die es sich lohnt«, schrieb er damals.

Zugleich signalisierte die Universität, dass man eine Rückkehr des Instituts an den Main sehr begrüßen würde. Doch Horkheimer war nicht unbedingt begeistert von diesem etwas zu eifrigen Werben um ihn und andere Exilanten.

»Die Fakultät (…) ist überfreundlich und erregt Brechreiz«, schrieb er seiner Frau. »Die Brüder sitzen noch genauso da und machen ihre heimtückischen Schelmenstreiche wie vor dem Dritten Reich (und unter ihm), als ob nichts geschehen wäre.«

Aufbau Horkheimer erlag dennoch den Lockrufen und wurde sogar Rektor der Universität in Frankfurt. Adorno und andere sollten folgen, weshalb das Institut für Sozialforschung offiziell 1951 wiedereröffnet wurde. Zu groß war der Reiz, sich am Aufbau einer neuen deutschen Gesellschaft zu beteiligen. »Die demokratischen Elemente in den Fakultäten brauchen Hilfe und Ermutigung, den vielen Professoren und Studenten die Augen zu öffnen, die noch auf nationalistischen, insgeheim sogar pro-nazistischen Einstellungen beharren«, schrieb Horkheimer in »Lehren aus dem Faschismus«.

Zudem bestand unter deutschen Historikern, Soziologen und Psychologen nach 1945 wenig Bereitschaft, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen, vielmehr dominierten Abwehrhaltungen und Apologien. Genau diese Arbeit sollte dann von Horkheimer, Adorno und anderen aus dem Umfeld des Instituts für Sozialforschung in den ersten Jahrzehnten seit Gründung der Bundesrepublik geleistet werden.

Und noch etwas ist ihr Verdienst. Mit ihren Forschungsarbeiten sorgten sie dafür, dass der Antisemitismus nicht länger als ein Detail der Geschichte des Nationalsozialismus behandelt wurde, sondern ins Zentrum der Analysen rückte.

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