Nachruf

Revolutionär der Fotografie

Robert Frank, schweizerisch-amerikanischer Fotograf (1924–2019) Foto: imago

Wenn Henri Cartier-Bresson der Klassiker der Fotografie des 20. Jahrhunderts war, dann war Robert Frank der Revolutionär. Mit seinem Buch »Die Amerikaner«, erschienen 1958 in Paris, begann eine neue Epoche der Fotografie. In den USA wollte es zunächst niemand drucken, zu dokumentarisch-aufrichtig, zu düster-poetisch, zu persönlich-expressiv war sein Blick auf die USA.

Jack Kerouac, Poet der Beat Generation, schrieb im Vorwort: »Robert Frank hat aus Amerika ein trauriges Gedicht gesogen und es auf Film gebannt und damit einen Platz unter den tragischen Dichtern der Welt errungen.« Nun ist der jüdische Fotograf im Alter von 94 Jahren in Kanada gestorben, wie die »New York Times« am Dienstag unter Berufung auf Franks Galeristen Peter MacGill berichtete.

Geboren wurde Robert Frank 1924 als Sohn eines jüdischen Frankfurter Innenarchitekten, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in die Schweiz ausgewandert war, wo er die Tochter eines Fabrikanten heiratete. Trotz seiner Schweizer Mutter war Frank eigentlich deutscher Staatsbürger. Da Hitlers Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 aber allen deutschen Juden die Staatsbürgerschaft absprach, war die Familie Frank staatenlos.

Im Jahr 1947 wanderte Frank in die USA aus, wo er als Fotoreporter und Modefotograf arbeitete. 1955/56 konnte er mit einem Guggenheim-Stipendium eine große Reise durch das Land machen. Das Ergebnis war das Buch »Die Amerikaner« (»The Americans«), das 1959 dann auch in den USA herauskam.

JUKEBOK Frank zeigt das Amerika der kleinen Leute, der Zukurzgekommenen, der hastigen Esser in einem Schnellrestaurant, der Trauernden bei einer Beerdigung, der Einsamen vor einer Jukebox. Eine junge Fahrstuhlführerin blickt wie abwesend ins Leere. Drei Männer und eine Frau stehen fröstelnd am Straßenrand vor einer zugedeckten Leiche, Opfer eines Verkehrsunfalls.

Er zeigte den hastigen Esser in einem Schnellrestaurant, die Trauernden bei einer Beerdigung, den Einsamen vor einer Jukebox.

Auf technische Perfektion und ästhetische Regeln hat Frank wenig Wert gelegt, es gibt Unschärfen, angeschnittene Köpfe und Körper. Und doch erwies er sich als Perfektionist: Von 28.000 Negativen verwendete er nur 83 Aufnahmen. Der Band »Die Amerikaner« ist eine vollkommene Komposition, er hat bis heute seine Kraft bewahrt, ist in immer wieder neuen Ausgaben erschienen, er hat viele Fotografen beeinflusst.

2013 erzielte das Bild »Trolley - New Orleans« aus dem Band mit umgerechnet 511.000 Euro einen Auktionsrekord. Es zeigt Menschen in einer Straßenbahn: die Weißen vorn, die Schwarzen hinten.

AUSDRUCK Für Frank war das Buch ein Abschluss, eine Zusammenfassung seiner fotografischen Arbeit - dabei war er erst 34 Jahre alt. Er hat danach nur noch wenig fotografiert, in einer späteren Lebensphase. Statt dessen drehte er Filme, der erste war im Jahr 1959 »Pull My Daisy«, der 22. »True Story« von 2004. Die meist kurzen Filme changieren zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, es gibt keine ästhetische Kontinuität. Jeder ist anders, überraschend, spontan und direkt im Ausdruck.

Oft haben sie - wie auch seine späteren Fotografien - einen deutlichen Bezug zum eigenen Leben. Einige sind seinen verstorbenen Kindern gewidmet, es sind Dokumente der Trauer. Seine Tochter Andrea starb 1974 bei einem Flugzeugabsturz, sein Sohn Pablo beging 1995 nach langer Krankheit Suizid.

Doch es gibt auch ganz andere Werke: 1972 hat Frank einen Film über eine USA-Tournee der Rolling Stones gedreht, »Cocksucker Blues«. Es ist ein schonungsloser Bericht, ein wildes Stück Kino, von unbändiger Kraft in den Konzertauftritten. Brodelndes Chaos dagegen hinter den Kulissen, im Hotel, im Privatflugzeug - Drogen und Sex, Momente der Selbstzerstörung.

Robert Frank hat die Fotografie erneuert. Nun ist der Künstler in Kanada gestorben.

Frank war zwar immer wieder in New York, lebte aber seit Jahrzehnten hauptsächlich in Nova Scotia in Kanada direkt am Meer. Die dort entstandenen Fotografien, gesammelt in dem Band »The Lines of My Hand«, 1972/1989, haben einen völlig anderen Charakter als seine frühen Bilder. Sie sind ungeschützt persönlich, zeugen von Trauer und Verlorenheit. Frank suchte in der Außenwelt, an einsamen Stränden, nach Bildern, die seiner Innenwelt entsprechen.

NEGATIVE Oft verschwindet das Außen auch hinter Fensterscheiben oder in Spiegelbildern. Manchmal zerkratzte er Negative, machte Collagen, schrieb in die Bilder hinein: »Sick of Goodbyes« (Krank von Abschieden). Nach dem Gesellschaftsporträt »Die Amerikaner« ist sein Spätwerk ein radikales Selbstporträt.

Die Amerikaner hatten längst ihren Frieden mit dem Fotografen geschlossen. 2009, zum 50. Jubiläum des Amerika-Buches, tourte eine große Frank-Ausstellung durch die Vereinigten Staaten, die auch in Deutschland zu sehen war. Das war kein Zufall, die Gesamtausgabe aller Werke Franks ist im Göttinger Steidl Verlag erschienen, alle Bücher und auf DVD alle Filme. Frank selbst hat die Druckqualität überwacht.

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