Essay

Revolution ist kein Beruf

Hannah Arendt (1906–1975) Foto: Ullstein

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Revolution ist kein Beruf

Hannah Arendts »Die Freiheit, frei zu sein« erscheint erstmals auf Deutsch – und ist ein Augenöffner

von Marko Martin  12.03.2018 20:03 Uhr

Was für eine Wiederentdeckung! Im Sommer 2017 veröffentlichte Hannah Arendts ehemaliger Assistent Jerome Kohn online einen Text, den er im Nachlass der Philosophin gefunden hatte. Nun erscheint – »weltweit erstmals in Druckform«, wie der Verlag mit berechtigtem Stolz mitteilt – Arendts Essay Die Freiheit, frei zu sein in deutscher Übersetzung bei dtv.

Leser mit Langzeitgedächtnis werden sich freilich nicht ohne Melancholie daran erinnern, dass in den vorangegangenen Jahrzehnten der ebenfalls in München ansässige Piper Verlag Hannah Arendts Werk betreut hatte – zu einer Zeit, als dieses Haus noch einen philosophisch-literarischen Programmanspruch hatte.

Totalitarismus Die jetzige dtv-Ausgabe ist glücklicherweise jedoch alles andere als ein Notbehelf. In einem erklärenden Nachwort zeigt Thomas Meyer, der bereits zahlreiche Werke zur modernen jüdischen Philosophie veröffentlich hat, die Genese dieses Textes auf. Die Freiheit, frei zu sein gehört zu jenen Essays und Vorträgen, an denen Hannah Arendt Mitte der 60er-Jahre gearbeitet hatte, im Umfeld ihres großen Buches Über die Revolution.

Als Zeugin des 20. Jahrhunderts war die 1933 aus Deutschland geflüchtete Denkerin weit davon entfernt, den Revolutionsbegriff derart emphatisch-naiv zu verwenden, wie es dann die 68er taten. Hatte sich nicht auch Hitler auf eine (nationale) »Revolution« berufen, markierte nicht die russische »Oktoberrevolution« (in Wahrheit eher ein Minderheiten-Putsch) den Beginn des modernen Totalitarismus?

Das Bewahrenswerte an Idee und Praxis von Revolutionen liegt für Hannah Arendt deshalb in den universalistischen Menschenrechts-Intentionen von 1789 (ehe Robespierres Terror sie zunichtemachte), vor allem aber in der amerikanischen Revolution von 1776. Deren Protagonisten waren nämlich mitnichten »Berufsrevolutionäre« (die unfreiwillig selbstentlarvende Bezeichnung stammt von Lenin), sondern – in den berührenden Worten von John Adams – »Männer, die gegen ihre Erwartung und gegen ihre Neigung berufen« worden waren.

Nicht Hinterzimmerzirkel, sondern die öffentlichen Versammlungen in den »town halls« strukturierten deren Ideale – freiheitliche Gesinnungen, die bereits seit den Tagen der »Mayflower« präsent waren. Eine hervorragende Ausgangsbasis, denn »selbst die Herrschaft von König und Parlament in England war eine ›milde Regierung‹ im Vergleich zum französischen Absolutismus.

Sklaverei Hannah Arendts Staunen über die Sensibilität dieser Revolutionäre überträgt sich auch auf den heutigen Leser, der mit Bewunderung liest, was John Adams, später zweiter Präsident der Vereinigten Staaten, als menschliche Grundkonstitution beschreibt: «Der starke Wunsch, von den Menschen ringsum und in seinem Bekanntenkreis gesehen, gehört, angesprochen, anerkannt und respektiert zu werden.» Arendts Resümee, zwei Jahrhunderte später: «Das ist der vorrangige, vielleicht sogar der einzige Grund, warum die Prinzipien, welche die Männer der ersten Revolutionen beseelten, in Amerika triumphal siegten und in Frankreich auf tragische Weise scheiterten.»

Weshalb aber machte dann das amerikanische Beispiel keine Schule und wurde nicht zur Referenz für die darauffolgenden Revolutionen? Hannah ­Arendts Mitte der 60er-Jahre entstandene Reflexionen sind noch heute Mahnung, das Soziale nicht gegen das Freiheitliche auszuspielen: «Die amerikanische Revolution übersah aufgrund der Institution der Sklaverei und wegen der Überzeugung, Sklaven würden einer anderen ›Rasse‹ angehören, die Existenz der Elenden und verlor damit die beachtliche Aufgabe aus dem Blick, diejenigen zu befreien, die weniger durch politische Unterdrückung als durch die einfachsten Grundbedürfnisse des Lebens gefesselt waren.»

Jene modernen Ideologen indessen, die aufgrund dieser empörenden Sklaverei-Ausblendung nun ihrerseits politische Freiheiten für nachrangig erklären, konfrontiert Arendt mit einer hellsichtigen Prophezeiung Rosa Luxemburgs, die bereits im Spätsommer 1918 in der Sowjetunion eine kommende Parteidiktatur am Entstehen gesehen hatte: «Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben.»

Antidot Arendts Essay, der sich jeglicher Floskeln und nebulöser Gedanken-Arabesken enthält, erweist sich hier in aktuell gebliebener Klarheit als Antidot zu den gängigen Begriffsverwirrungen und gegenseitigen Unrechtsrelativierungen: «Die Überwindung der Armut ist eine Voraussetzung für die Begründung der Freiheit, doch die Befreiung von der Armut ist etwas anderes als die Befreiung von politischer Unterdrückung.»

Verblüffend konkreter Gegenwartsbezug: Nicht nur die angeblich liberalen Marktradikalen, sondern auch vermeintlich progressive Gleichheitsapostel könnten in Hannah Arendts kristallklarer Definition eine Menge erfahren über die blinden Flecken ihrer eigenen, oftmals sophistischen Argumentation. Wie gut, dass dieser augenöffnende Text nun endlich zugänglich ist.

Hannah Arendt: «Die Freiheit, frei zu sein». Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. dtv, München 2018, 61 S., 8 €

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