EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Erinnerungen einer deutschen Jüdin

Rabbinertochter und Gynäkologin

Erinnerungen einer deutschen Jüdin

Rabbinertochter und Gynäkologin

Rahel Straus: Eine Frauenärztin kämpfte Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Paragrafen 218

von Ellen Presser  13.10.2026 10:07 Uhr

Besonders kluge jüdische Frauen im 20. Jahrhundert? Da denkt man schnell an die Philosophin Hannah Arendt (1906, Hannover – 1975, New York). Nicht aber auf Anhieb an die Religionsphilosophin Margarete Susman (1872, Hamburg – 1966, Zürich), die Historikerin Eva G. Reichmann (1897, Lublinitz/Oberschlesien – 1998, London) und die Medizinerin und Frauenrechtlerin Rahel Straus (1880, Karlsruhe – 1963, Jerusalem).

Ob sie nun aus assimiliertem oder orthodox-jüdischem Elternhaus stammten, sie alle strebten in Zeiten, als dies für Frauen noch voller Hürden war, eine akademische Ausbildung an und starben weit entfernt von ihrem Geburtsort in Deutschland.

Eine von ihnen, Rahel Straus, geborene Goitein, hat diesen Prozess der Integration ihrer Familie im 19. Jahrhundert in Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin eindrucksvoll zu Papier gebracht. Die Rabbinertochter sah, wie ihre früh verwitwete Mutter sie und ihre fünf Geschwister »zu Menschen erzog, die im Leben ihren Platz ausfüllen konnten, ganz ihre eigenen Wege gehend, die neu und revolutionär waren«.

Besonders kluge jüdische Frauen im 20. Jahrhundert? Da denkt man schnell an die Philosophin Hannah Arendt.

Ihren Entschluss, Medizin zu studieren, fand ihr Freund nicht so gut, er meinte: »Eine Ärztin kann man nicht heiraten.« Sie bewies ihm später das Gegenteil: »Haushalt, Praxis, Klinikarbeit, Geselligkeit«; 1909 kam das erste von fünf Kindern hinzu.

1908 eröffnete Rahel Straus in München eine Praxis als Frauenärztin, klärte über Empfängnisverhütung auf, kämpfte gegen die hohe Säuglingssterblichkeit und den seit 1871 bestehenden Paragrafen 218 zum Schwangerschaftsabbruch. Ihr Engagement für Zionismus und Gleichberechtigung fanden nicht alle in der Münchner Kehilla gut, doch es wies ihr nach der NS-Machtübernahme und dem Tod ihres Mannes 1933 den rettenden Weg nach Palästina.

Was sie im Vorwort ihrer Aufzeichnungen für ihre »geliebten Kinder« im Februar 1940 in Jerusalem schrieb, liest sich wie ein Menetekel: »Ihr seid hineingeboren in eine schwere Zeit, in eine Weltenwende, und ihr, als Juden, als deutsche Juden, habt es als Erste fühlen müssen, was das heißt. Denn es ist so und scheint fast ein Gesetz, dass bei jedem Völkerbeben der erste Stoß das jüdische Volk trifft.« Zwei Jahre vor ihrem Tod erschienen ihre Memoiren 1961 erstmals. Die aktuelle Wiederentdeckung eröffnet einen wahren Schatz deutsch-jüdischer Geschichte.

Rahel Straus: »Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin«. Die Andere Bibliothek, Aufbau, Berlin 2026, 444 S., 48 €

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026