Steven Spielberg

Popcorn und Moral

Die jüdische Erfahrung scheint in seinen Filmen immer wieder durch: Steven Spielberg Foto: imago

Robocopalypse, Lincoln und Moses – die drei nächsten Spielfilmprojekte des Steven Spielberg repräsentieren sehr gut die Säulen seines Werks: Fakten und Fiktion, das Mythologische und das Politische, jüdisches Erbe und Identität, verbunden mit dem liberalen, idealistischen, offenen Traditionsstrang Amerikas sowie einer Portion Eskapismus.

Geboren am 18. Dezember 1946 in Cincinnati, Ohio, wuchs Steven Spielberg in New Jersey und Arizona auf. »Die 60er-Jahre waren für mich überhaupt keine verrückte Zeit, sondern das Langweiligste, was man sich vorstellen kann«, erinnerte er sich später. Ein überraschendes Geständnis für einen, der bald nach der Schule als junger Hippie im »New Hollywood«-Umfeld der frühen 70er-Jahre begann. »Um ganz ehrlich zu sein, glaube ich, dass meine ganze Karriere ausschließlich dieser gähnenden Langeweile entsprungen ist.«

indiana jones Am Anfang dieser Karriere war der leere Raum. Die Sprachlosigkeit zwischen dem Anhalterpärchen in seinem Erstlingsfilm Amblin’, der unsichtbare Verfolger, der in Duell einfach da ist – jenem Film, der 1971 Spielbergs Durchbruch begründete. Oder die Leere zwischen den drei Jägern auf dem Boot, mit dem Der Weiße Hai verfolgt wird – der erste Welterfolg des Regisseurs. Vielleicht hat Steven Spielberg diesen leeren Raum später zu oft gefüllt, um ein wirklich großer Regisseur zu werden. Ein ganz wichtiger aber ist er allemal.

Denn die Geschichte des US-Kinos der vergangenen 30 Jahre ist nicht zuletzt eine Geschichte seiner Filme: Wie kein Zweiter repräsentiert Spielberg den cineastischen Gang der Dinge in seinen Stärken wie in seinen Schwächen – und dass er das tut, ist seine Stärke wie Schwäche zugleich. Immer nahe dran am Zeitgeist, bestimmt er Diskussionen, beeinflusst in vielfältiger Weise Kollegen, prägt mit seinen Firmen die Produktionsbedingungen.

Doch obwohl sich Themen und Stil seiner Filme gleichen, man ihm wohl auch eine eigene Handschrift zugestehen muss, hat Spielberg doch kein Werk geschaffen, das einen ähnlich künstlerischen Anspruch erheben könnte, wie etwa die Arbeiten von Scorsese oder Coppola – von einem Stanley Kubrick, dessen letzten Stoff A.I. er verfilmt hat, ganz zu schweigen. Steven Spielberg ist in keiner Weise ein Autorenfilmer, er repräsentiert vielmehr ein Antiautoren-Kino par excellence.

schindlers liste Darüber sollte man allerdings nicht vergessen, was Spielberg in den letzten 40 Jahren alles gedreht hat: Nicht nur die vier Indiana Jones-Blockbuster, nicht nur populäre Schmonzetten wie E.T. und The Color Purple oder Popcorn-Movies wie Jurassic Park, sondern auch tiefschürfend-geniale Seelenanalysen seiner amerikanischen Heimat wie The Sugarland Express, abgründige Komödien wie 1941, subtile Mythenspiele und anrührend-sensible Dramen wie Das Reich der Sonne und Unheimliche Begegnung der Dritten Art.

Und natürlich Schindlers Liste, den man ob seines Pathos nicht mögen muss, um dennoch, neben den guten Absichten, auch zu respektieren, dass Spielberg hier immerhin das Kunststück gelang, das Thema Schoa in einer Weise ins Kino zu bringen, die neue Zuschauerschichten erreichte, für die der Holocaust bis dahin ein weißer Fleck gewesen war.

Spielbergs Filme sind auch dort, wo sie am populärsten sind und naiv anmuten, moralische Dramen voller Engagement und Pathos. Immer wieder scheint in ihnen die jüdische Erfahrung durch. Nicht zufällig geht es häufig um das Leiden gesellschaftlicher Minderheiten oder Einzelner. Oft spielen die Arbeiten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die bösen Aliens in Krieg der Welten tragen Züge des Faschismus.

Und schließlich erzählt Spielberg immer wieder von der Angst vor dem unmotivierten Bösen. Dem stellt der Regisseur Versöhnungsangebote und neue Mythologien entgegen, bettet jüdisch-huma- nistische Prophetien in den Mainstream ein. Spielbergs Filme suchen den Gerechten. Seine Welt ist kein zuckersüßes Paradies, sondern eine ewige Hölle, die dem Einzelnen immer wieder moralische Entscheidungen abfordert.

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus  28.05.2026

London

Helen Mirren als »böse zionistische Schlampe« beschimpft

Ein Mann ging die 80-jährige Schauspielerin und ihren Gatten Taylor Hackford auf offener Straße an

 28.05.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  28.05.2026

Musik

Drake hat mehr Hits als Michael Jackson

In den Top 10 Single-Charts entfallen neun der zehn Plätze auf den jüdischen Rapper. Sein neuer Song »Janice STFU« sprang soeben direkt auf Platz 1 der Billboard Hot 100

 28.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Kino

»Über die Verkrampftheit hinwegkommen«

Andreas Brämer, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, über den jüdischen Filmclub in der Stadt am Neckar

von Ayala Goldmann  26.05.2026

»Imanuels Interpreten« (21)

Sammy Davis Jr.: Der Entertainer

Schon als Kind steht er auf der Bühne, als junger Erwachsener bekommt er den Rassismus zu spüren und wird dennoch ein Star. Im Jahr 1960 konvertiert der legendäre Unterhalter zum Judentum

von Imanuel Marcus  26.05.2026