»Kleo«

Patriarchat zu Tscholent verarbeiten

»Gute Komödien enthalten immer auch große Dramen«: Viviane Andereggen Foto: Clemens Porikys

»Kleo«

Patriarchat zu Tscholent verarbeiten

Mit einer Netflix-Serie über eine Profikillerin gelang der Regisseurin Viviane Andereggen der Durchbruch. Zurzeit arbeitet sie an einer jüdisch-deutschen Tragikomödie

von Sophie Albers Ben Chamo  06.12.2022 18:05 Uhr

Was für eine Erfolgsgeschichte! Nicht nur, dass mit Kleo eine Filmheldin das Licht der Welt erblickt hat, die das Patriarchat souverän zu Tscholent verarbeitet – der jungen Regisseurin Viviane Andereggen ist damit gleichsam der internationale Durchbruch gelungen.

Die in der Schweiz und in Ungarn aufgewachsene Filmemacherin, Tochter einer ungarischen Jüdin und eines Schweizer Katholiken, die seit gut zehn Jahren in Deutschland lebt und unter anderem bei Wim Wenders an der Hamburg Media School studiert hat, strahlt beim Treffen mit der Jüdischen Allgemeinen. Sie hat als Regisseurin den Netflix-Serienhit Kleo zum Leben erweckt und bei der Hälfte der Episoden Regie geführt. Seitdem ist Kleo weltweit bekannt, diese absurd-knallbunte und hochemotionale Geschichte einer Profi­killerin im Dienste der Stasi, die kurz vor dem Mauerfall weggesperrt wird und sich sofort danach auf einen Rachefeldzug begibt, um herauszufinden, wer da bitte welches Spiel mit ihr gespielt hat.

TOP TEN 100 Prozent bei der Film-Ranking-Institution Rotten Tomatoes, der britische »Guardian« freut sich über ein »übermütiges Abenteuer à la Killing Eve«, »für deutsche Verhältnisse lebendig und lustig« schreibt die argentinische La Nación, und sogar Kult-Autor Stephen King konnte nicht an sich halten und lobte auf Twitter den »frischen Wind«. Laut offiziellen Netflix-Zahlen war die Serie in fast jedem Land einmal in den Top Ten vertreten – von Uruguay über Norwegen bis Israel. »Ich freue mich jeden Tag darüber«, sagt Andereggen. »Über schöne Ereignisse kann man sich gar nicht genug freuen.«

Die Biografie der 37-Jährigen liest sich so rasant wie ihr filmisches Handwerk.

Die deutschen Kritiker taten sich etwas schwerer, weil Kleo sich eher von Tarantinos genialen Märchen denn von ZDF-Dokumentationen hat inspirieren lassen. Aber geschenkt. Es ist ein wunderbar schrilles Kunstwerk geworden! Auch die Filmemacherin zuckt mit den Schultern: »Ich glaube, dass unser poppiger Umgang mit der deutschen Geschichte, unsere filmische Herangehensweise, etwas Neues ist. Eine Ungezwungenheit, ein wilder Mix aus Action und Humor. Unser Ansatz war es, ›alles nicht ganz so ernst zu nehmen, auch uns selbst nicht‹«, sagt sie. »Wir haben uns ganz klar von dem dokumentarischen Ansatz, ›die Wahrheit‹ erzählen zu wollen, gelöst.«

Die Biografie der 37-Jährigen liest sich so rasant wie ihr filmisches Handwerk: »Mit 16 zu Hause raus, in besetzten Häusern und im selbstgebauten Bauwagen gelebt. Als freie Fotografin Kinder und Kanzlerkandidaten fotografiert, später auch als Videokünstlerin an verschiedenen deutschsprachigen Theatern gearbeitet und Werbefilme für das mosambikanische Tourismusministerium gedreht …«, so steht es auf ihrer Media-School-Webseite.

BRIS-DRAMA Der Film und sie fanden sich schnell, bereits erste Kurzformate gewannen Preise, und ihr erster Langfilm nach dem Studium in Hamburg, Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut – ein sehr lustiges Bris-Drama –, lief auf Festivals sowie im NDR-Fernsehen und brachte ihr 2015 den deutschen Regiepreis Metropolis ein. Dabei sei ihre Motivation vor allem Wut gewesen: »Es war eine Reaktion auf die Beschneidungsdebatte. Ich war in Deutschland und dachte, seid ihr alle verrückt geworden?!« Sie arbeitete stetig weiter. Krimi, Komödie, Jugendfilm. 2019 gab es einen Preisregen für das Drama Rufmord.

Andereggens Werkzeugkasten, um ihre Sicht auf die Welt und die Menschen für Bildschirm und Leinwand zusammenzu­schrauben, ist wunderbar emotional gefüllt. Vor allem zwei Themen tauchen im­mer wieder auf: Liebe und Familie. Ja, auch in der wilden Serie Kleo.

Das pochende, alles vorwärts und in blutige Auseinandersetzungen treibende Herz der Profikiller-Serie ist die enttäuschte Liebe, der Verrat durch die, die Kleo eigentlich am nächsten stehen. Andereggen lacht, aber stimmt zu. »Gute Komödien enthalten immer auch große Dramen. Daraus entsteht für mich Humor«, hat sie in ihrer Funktion als Jurymitglied des Deutschen Filmpreises mal gesagt.

Diese emotionale Ehrlichkeit machen Kleo und Andereggen so besonders. Almodóvar sei ein Vorbild, wenn sie denn schon eines benennen müsse, so die Regisseurin. »Ich mag mutiges, freies und radikales Denken und will immer ein Stück weiter gehen. Darauf hatten zum Glück alle große Lust.«

Gute-Nacht-Geschichten Andereggen ist bereits früh in eine ganz besondere Erzähl-Schule gegangen: die Gute-Nacht-Geschichten ihrer Großmutter in Budapest. »Das waren die Kriegsgeschichten meiner Großeltern kindgerecht verändert«, erzählt sie. »Es waren Heldengeschichten. Das war ihre Art des Verarbeitens. Das war ihr Weg, aus dem Opferstatus herauszukommen und sich wieder als handelndes Subjekt zu verstehen. Bis zu ihrem Tod haben wir trotz ihrer Erzählungen vieles nicht gewusst; dass sie im KZ war, im Displaced-Persons-Camp und danach noch in Budapest im Gefängnis, weil sie ihrem Bruder zur Ausreise nach Israel verholfen hat.«

Von der Zeit der Großmutter im KZ erfuhr Viviane Andereggen erst nach deren Tod.

Dass sie selbst Jüdin ist, habe sie nie verschwiegen, sagt Andereggen, aber auch nicht immer aktiv und offensiv darüber gesprochen. »In der Schweiz, insbesondere in Zürich, gehört jüdisches Leben zum Alltagsbild. In Deutschland gibt es, meines Wissens, keine Stadt, in der jüdisches Leben so klar und ›sichtbar‹ gelebt wird oder gelebt werden kann. Diese Erkenntnis ist zutiefst traurig und, wie ich finde, beschämend.«

Warum also Deutschland? »Ich liebe es, in Deutschland zu wohnen, werde aber nie vergessen, wie mein Großvater ganz still wurde, als ich ihm gesagt habe, dass ich nach Deutschland ziehe, um zu studieren.« Doch der Antisemitismus hätte sie auch in einem anderen Land beschäftigt, so Ander­eggen: »Im Durchschnitt sind 19 bis 20 Prozent einer Bevölkerung Antisemiten, heißt es ja. Als Jüdin muss man sich damit auseinandersetzen. Das ist nicht freiwillig.«

Am Ende des Gesprächs zieht Andereggen ihre rote Winterjacke an und geht. Und macht weiter, von nun an mit Kleo im Gepäck: »Mein neues Filmprojekt ist eine jüdisch-deutsche Tragikomödie. Ich bin gespannt, wie die Zuschauer darauf reagieren werden.«

Die erste Staffel von »Kleo« läuft bei Netflix. Staffel zwei ist in Arbeit.

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