EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Foto: Getty Images

Die Geburt eines Kindes ist grundsätzlich mit vielen Fragen verbunden. Wird es ein Mädchen oder ein Junge? Wo soll das Kind geboren werden, wann beginnt man mit der Einrichtung des Kinderzimmers? Aber dann ist da noch die Frage aller Fragen: Welchen Namen soll der Nachwuchs überhaupt bekommen? Soll es ein klassischer, trendiger, biblischer oder exotischer Name sein? Oder doch lieber ein zeitloser Name?

Es gibt werdende Eltern, die schnell etwas Passendes für ihr Neugeborenes finden. Und es gibt solche, die sich mit der Namensfindung wahnsinnig schwertun. Und manchmal entscheiden sich Vater und Mutter auch erst nach der Geburt für den endgültigen Namen.

Im Judentum wird der Name eines Jungen in der Regel bei der Brit Mila verkündet. Eltern von Töchtern handhaben es teilweise so, dass sie bei einer Simchat Bat, also beim Willkommensfest für eine Tochter, das dazu dient, den Segen der Gemeinschaft zu erbitten, dem neugeborenen Mädchen seinen hebräischen Namen verleihen. »Viele Eltern wählen bewusst Namen aus der Tora oder aus anderen biblischen Schriften – etwa Sara, Mosche oder David«, weiß Rabbiner Noam Hertig zu berichten. »Diese Namen tragen nicht nur Tradition, sondern auch die Werte der biblischen Vorbilder in sich.«

Zwischen jüdischer Tradition und gesellschaftlichem Umfeld

So bewegen sich insbesondere in der Diaspora Familien oft zwischen jüdischer Tradition und gesellschaftlichem Umfeld. »Der Name soll jüdisch erkennbar, aber vielleicht auch im nichtjüdischen Kontext gut aussprechbar sein«, ergänzt der Züricher Rabbiner. Sogenannte klassische oder zeitlose Namen wie Daniel, Michael, Lea oder Anna erfüllten diese Kriterien gut. Unterschiede seien dennoch leicht erkennbar.

Während traditionell eingestellte Familien häufiger eindeutig biblische oder klassische hebräische Namen wählen und Wert auf die religiöse Zeremonie der Namensgebung legen, entscheiden sich säkulare Familien öfter für Namen, die sowohl im jüdischen als auch im internationalen oder allgemeinen gesellschaftlichen Kontext gut funktionieren. »Ein häufiges Modell in der Diaspora ist zudem die Wahl eines nichtjüdischen Namens als Rufname, während ein jüdischer Name als zweiter oder dritter Vorname für religiöse Anlässe und Dokumente wie die Ketuba festgelegt wird«, so Hertig.

Manchmal kämen auch familiäre Erwartungen hinzu – wenn sich zum Beispiel Großeltern die Weitergabe eines bestimmten Namens wünschen. So stellt Hertig fest: »Die Tradition, Kinder nach Verstorbenen zu benennen, ist besonders im aschkenasischen Judentum sehr verbreitet. Denn sie drückt Erinnerung und Kontinuität aus. Der Name hält das Andenken wach und verbindet Generationen.« Unter sefardischen Juden sei es hingegen auch üblich, Kinder nach lebenden Großeltern zu benennen. Das gilt als ein Zeichen von Ehre und Wertschätzung.

»Die Tradition, Kinder nach Verstorbenen zu benennen, ist besonders im aschkenasischen Judentum sehr verbreitet«, sagt Rabbiner Noam Hertig.

»Ein solcher Spagat kann zwar Druck erzeugen, ist aber meist Ausdruck einer lebendigen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität.« Daran lässt sich gleichfalls der Zeitgeist ablesen, denn auch jüdische Eltern folgen allgemeinen Trends und wählen heutzutage Vornamen, die in den Ranglisten ganz weit oben stehen.

Ob Noah, Anna oder Elias – biblische Vornamen gehören im deutschsprachigen Raum nach wie vor zu den beliebtesten überhaupt. Ein Blick auf aktuelle Geburtsstatistiken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt, dass viele dieser jahrtausendealten Namen erstaunlich konstant an der Spitze der Ranglisten stehen. So setzen Eltern in Deutschland auf Bewährtes, und damit steht bei den Jungen immer wieder Noah an der Spitze, gefolgt von Namen wie Elias oder Matteo. Bei den Mädchen zählen Sophia, Emma und Emilia zu den Favoriten. Insgesamt zeigen die Ranglisten nur wenig Bewegung – viele Namen bleiben über Jahre hinweg populär.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Österreich und der Schweiz. Dort gehören Elias, Noah, Jakob, Gabriel oder David zu den beliebtesten Jungennamen, während bei den Mädchen unter anderem Anna, Marie und Lea regelmäßig in den Top Ten auftauchen. Ebenfalls bei den Mädchen dominieren seit Längerem Namen wie Emma, Mia oder Sophia, alles Namen mit biblischen oder zumindest biblisch geprägten Wurzeln.

Auffällig ist dabei vor allem die Beständigkeit: Der Name Anna etwa hält sich seit Jahrzehnten ununterbrochen in den vorderen Rängen. Viele traditionelle Namen wie Anna, Maria, Jakob, David oder Samuel haben ihren Ursprung in der Bibel und werden in der Gesamtbevölkerung bis heute oft gewählt, weil sie zeitlos wirken und – gerade auch in der Schweiz in allen Landessprachen – verständlich sind.

Gleichzeitig greifen Eltern in allen drei Ländern aber auch auf moderne, internationale oder kreative Namen zurück. Wie eine Studie des Portals »nameberry.com« gezeigt hat, liegen Emma, Mia, Noah und Liam auch in den internationalen Rankings unter den fünf beliebtesten Vornamen. Womit das zusammenhängt, erklärt Simone Berchtold Schiestl, Namensforscherin und Linguistin an der Universität Zürich. »Während es früher regionale Unterschiede gab und es auch eine Rolle spielte, ob eine Region katholisch oder protestantisch geprägt war, funktionieren Namen heute generell unabhängig von der Religion. Für viele Eltern steht der Wohlklang an erster Stelle, wie sich also ein Name lautlich anhört.«

Oft werden sogenannte Hiatus-Namen gewählt

Dabei werden oft sogenannte Hiatus-Namen gewählt. Mit diesem Begriff bezeichnet die Sprachwissenschaft das Phänomen, wenn zwei Vokale in einem Wort direkt aufeinanderfolgen, jedoch zu unterschiedlichen Silben gehören.

Lea, Mia, Noa oder Liam sind zum Beispiel Namen mit einem solchen Hiatus. »Sie sind weich, und der Luftstrom wird bei der Aussprache nicht gehindert. Zugleich klingen sie in den Ohren vieler Eltern gut, zudem sind es kurze Namen, was den aktuellen Zeitgeist widerspiegelt«, sagt Berchtold Schiestl, die beobachtet, dass Namen auch immer Trends unterliegen. Das sei immer schon so gewesen. Nur hätten sich in der Vergangenheit Präferenzen in der Namensgebung eher langsam geändert.

»Sie klingen in den Ohren vieler Eltern gut, zudem sind es kurze Namen.«

Simone Berchtold Schiestl

Der große Paradigmenwechsel hat laut der Wissenschaftlerin im 12. Jahrhundert stattgefunden. »Mit der Christianisierung im Mittelalter hat im deutschsprachigen Raum der große Wechsel von germanischen zu biblischen Namen stattgefunden.« Die Bibel sei häufig das einzige Buch gewesen, das die Menschen überhaupt kannten, wenngleich der Großteil der Bevölkerung gar nicht lesen konnte. »Aber es war der Moment, in dem man angefangen hatte, auf hebräische, aber auch lateinische oder griechische Namen zurückzugreifen«, skizziert Simone Berchtold Schiestl die Historie. Auch das Betonungsmuster habe sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. Von Namen wie Mechthild, Konrad oder Herrmann, die auf der ersten Silbe betont werden, sei man irgendwann weggekommen.

Es setzte sich die Zweitbetonung durch: Johánna, Sebástian oder Susánna sind Beispiele dafür. Aber auch Faktoren wie die Kindersterblichkeit spielten vielfach eine Rolle, weshalb der Name oft vom Vater auf den Sohn übertragen wurde. »Das widerspricht unserem heutigen Verständnis von Individualisierung«, resümiert Namensforscherin Berchtold Schiestl.

Warum aber halten sich gerade biblische Namen bis in die Gegenwart so hartnäckig? Ein wichtiger Grund ist vermutlich ihre Zeitlosigkeit. Namen wie Noah, Anna oder David sind seit Jahrhunderten bekannt und wirken weder einer Mode geschuldet noch veraltet. Gleichzeitig sind sie in vielen Sprachen leicht auszusprechen und international verständlich – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in einer globalisierten Welt.

Auch im Judentum haben Namen seit jeher eine wichtige Funktion. »Schon in der Tora sehen wir, dass ein Name Wesen und Aufgabe eines Menschen widerspiegeln kann. Wenn etwa Awraham von Awram in Awraham umbenannt wird oder Jaakow zu Jisrael wird, dann markiert das einen inneren Wandel und eine neue Bestimmung«, erklärt Rabbiner Noam Hertig dieses Phänomen.

Ein Name gilt also nicht als bloßes Etikett, sondern kann durchaus identitätsstiftend sein. Ob er auch Einfluss auf den Charakter und Lebensweg eines Menschen ausübt, bleibt dagegen offen. Klar ist allerdings: Ein Vorname ist die erste Entscheidung, die Eltern für ihr Kind treffen, und zwar eine, die ein Leben lang wirkt.

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026